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Entwicklungsdienstleister "Smartphones auf Rädern" – Edag-CEO spricht über die Auto-Entwicklung und die Rolle von China

Der CEO von Edag, Cosimo De Carlo steht vor einem Gebäude
Cosimo De Carlo, der CEO von Edag. Sein Unternehmen ist vor allem im Automobilbereich tätig.
© EDAG Group
Edag ist ein großer Player in der Automobilbranche. Der Entwicklungsdienstleister arbeitet mit Herstellern weltweit an der Fahrzeugentwicklung. CEO Cosimo De Carlo spricht mit dem stern über die Zukunft von Elektro- und Wasserstofffahrzeugen, China und das "Smartphone auf Rädern".

Nach eigenen Angaben ist Edag "Experte für globale Mobilitätstechnik". Das Unternehmen gibt an, mit allen namhaften Fahrzeugherstellern und Lieferanten zu kooperieren. Die Verantwortung für das Geschäft trägt CEO Cosimo De Carlo. Im Gespräch mit dem stern erklärt der 49-Jährige, der zuvor unter anderem bei Daimler arbeitete und zuletzt bei Altran das globale Automobilgeschäft leitete, warum der klassische Maschinenbau in der Automobilindustrie keine große Bedeutung mehr spielt. Stattdessen weist er dem Einsatz von Software eine Schlüsselrolle zu. Eine entscheidende Rolle hat hier China mit dem mittlerweile größten Elektroauto-Markt der Welt. De Carlo sagt, was aus seiner Sicht die Gründe für den großen Erfolg in Fernost sind. In dem Zusammenhang erklärt der CEO, worauf es ankommt, damit uns die Chinesen nicht den Rang ablaufen.

Die Entwicklung des autonomen Fahrens schreitet langsamer voran, als angekündigt war. De Carlo erklärt, woran das liegt – und, welche Vorteile autonome Fahrzeuge künftig in unserem Alltag haben sollen. Edag will das autonome Fahren vorantreiben und den Einsatz autonomer Fahrzeuge bis zum Start der Fußball-EM 2024 in Frankfurt erproben. 

De Carlo trägt die Verantwortung für das Edag-Geschäft und damit auch für rund 8000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese stellen für den CEO die größte Herausforderung für den Erfolg seines Unternehmens dar, wie er sagt. Deshalb versucht er, sie gezielt zu motivieren und setzt, so wird es in dem Gespräch klar, auf einen eher unüblichen Führungsstil.

Herr De Carlo, Sie wollen im nächsten Jahr Ihre Roboterfahrzeuge "Edag CityBots" auf dem Gelände des Deutsche-Bank-Parks in Frankfurt in der Anwendung testen. Wie können diese da unterstützen?
Wir wollen testen, wie "autonomous driving" in der Zukunft funktioniert. Das sind nicht nur technische, sondern auch menschliche Aspekte. Wie reagiert man, wenn man das Fahrzeug vor sich hat und es sagt 'Bitte, steig' ein'. Wie soll diese Schnittstelle, die sogenannte Human Machine Interface, aussehen, damit Vertrauen in die Maschine aufgebaut wird? Das ist wirklich ein Reallabor, bei dem wir die Möglichkeit haben, viel zu testen. Wir wollen dort gewisse Funktionen und Aufgaben übernehmen. Gemeinsam mit der Digitaltochter der Eintracht – der EintrachtTech GmbH – und weiteren Partnern erforschen wir im Rahmen des "Campus FreeCity" die Verbindung von hochautomatisiertem Fahren mit immer dynamischeren Stadt- und Wirtschaftsräumen.

Der Einsatz der "Edag CityBots" soll bis vor dem Start der EM 2024 erprobt werden
Der Einsatz der "Edag CityBots" soll bis vor dem Start der EM 2024 erprobt werden
© EDAG Group

Warum geht die Entwicklung vollautonomer Autos langsamer voran, als angekündigt?
Das geht langsamer voran, weil die Herausforderungen und die Rahmenbedingungen, die man erfüllen muss, sehr komplex sind. Man muss sicher sein, dass die Produkte wirklich die Anforderungen erfüllen – insbesondere, wenn wir vollautonome Autos in einer realen Umgebung betrachten. Wir haben verschiedene Sicherheitsfaktoren, die die Entwicklung beeinflussen. Die Technologie wird sich in diesem Bereich weiterentwickeln, aber erstmal in einer kontrollierten Umgebung – zum Beispiel in der Intralogistik. In einer normalen Umgebung, zum Beispiel in unseren Städten in Deutschland aber auch weltweit hat man sich etwas mehr Geschwindigkeit gewünscht, aber dieser Trend wird sich nicht stoppen lassen. Denn das "autonomous driving" bietet enorme Potentiale für die Zukunft.

Nämlich?
Heute werden zwischen 90 und 99 Prozent der Unfälle vom Menschen verursacht. Das autonome Fahren bietet Sicherheit und führt zu weniger Verkehrstoten. Als zweites sind neue Businessmodelle zu berücksichtigen. Fährt das Auto autonom, sind Sie in der Lage, im Fahrzeug weitere Arbeiten auszuführen oder Services zu nutzen. Außerdem werden wir den Raum in unseren Städten künftig besser nutzen, weil wir weniger Autos und damit auch weniger Parkplätze brauchen werden. Ein Grund dafür sind unter anderem Carsharing-Services, die an Bedeutung gewinnen werden.

Tesla geht nun bei seinem Autopiloten offenbar einen deutlichen Schritt zurück; seine Software erlaubt etwa nicht mehr, dass die Fahrerin oder der Fahrer während der Fahrt die Hände vom Lenkrad nimmt. Wann werden Autos vollautonom auf den Straßen fahren können?
Das ist eine 100-Millionen-Dollar-Frage. Wenn wir die Antwort hätten, wäre alles einfacher. Man kann vielleicht über eine gewisse Verzögerung reden, aber die Entwicklung wird voranschreiten.

Sie sagen, die Automobilbranche sei in einer großen Transformationsphase. Was meinen Sie damit?
Primär spielt das Thema Elektrifizierung eine große Rolle. Der Verbrennungsmotor verliert an Bedeutung, während die Elektromobilität weltweit vorangetrieben wird. Zusätzlich gewinnt das Thema Software in Fahrzeugen rasant an Bedeutung. Autos werden immer mehr zu sogenannten Smartphones auf Rädern. Die Kundinnen und Kunden erwarten in Zukunft von der Entwicklung neue Services. Konnektivität und User Experience werden immer wichtiger als die klassischen Maschinenbauthemen, die ein Auto in der Vergangenheit sehr stark geprägt haben.

Werden wir in Zukunft Elektroautos und auch Wasserstofffahrzeuge auf den Straßen haben?
Ich glaube an die reinen Elektrofahrzeuge im Pkw-Bereich. Die Batterietechnologie hat sich in den letzten Jahren schnell entwickelt, die Batteriekosten sind runtergegangen. Ich glaube nicht unbedingt, dass wir Fahrzeugreichweiten von 800 oder 1000 Kilometer brauchen werden. Die Infrastruktur in Deutschland ist sicherlich noch nicht da, wo sie sein sollte, aber Strom hat jeder von uns zuhause. Wasserstoff ist bereits heute eine interessante Alternative – aber mehr im Bereich Nutzfahrzeuge. Eine Infrastruktur für Wasserstoffautos aufzubauen, wird schwierig sein. Aber im Bereich Nutzfahrzeuge kann man eine Tankstation im Hauptzentrum haben und dann tagsüber durch die Städte fahren.

Der Trend in der Automobilindustrie geht hin in Richtung Premiumfahrzeuge. Kann der Verzicht auf günstigere Fahrzeuge künftig Erfolg haben?
Ich glaube, dass die Menschen auch günstige Elektroautos brauchen werden. Das ist heute tatsächlich eine Herausforderung – insbesondere in Europa. Ich stelle fest, dass viele chinesische OEMs [Abkürzung von "original equipment manufacturer", gemeint: Hersteller] durch günstige Autos eine Chance haben, auf den europäischen Markt zu kommen. In Norwegen zum Beispiel ist das Thema Elektromobilität sehr stark vorhanden – mehr als in Deutschland und in anderen Ländern in Europa. Und dort gibt es viele neue chinesische OEMs, die auf den Markt kommen. In Deutschland fangen sie gerade an. MG, BYD, Nio, Xpeng – diese neuen chinesischen OEMs haben die Möglichkeit, in unseren Markt hereinzukommen. Und tatsächlich sind deren Produkte günstiger als die klassischen deutschen Produkte. Deutsche OEMs gehen mehr in Richtung Premium. Das heißt, es könnte eine Lücke im Bereich Basis-Segment entstehen und diese Lücke könnte morgen von chinesischen OEMs gefüllt werden.

zwei Autos nebeneinander in einem Showroom
Der Wuling Hongguang Mini EV des chinesischen Herstellers SAIC zum Beispiel ist ab 4.500 US-Dollar erhältlich
© VCG / Imago Images

Was macht Chinas Automobilindustrie so erfolgreich?
China ist seit Jahren in der Entwicklung der Automobilindustrie tätig. Was mich da fasziniert, ist die Geschwindigkeit. Sie entwickeln Produkte sehr schnell und haben eine gewisse Offenheit für Technologien. Ich erinnere mich, als ich bis vor Corona-Zeiten jedes Quartal in China war, habe ich jedes Mal etwas Neues entdeckt. Sie lernen sehr schnell. Mit den Vorurteilen, die man oft in Europa hört, chinesische Produkte hätten keine Qualität, bin ich nicht einverstanden. Ich glaube, die Chinesen holen sehr viel nach. Und was ich sehr gut finde, ist, dass sie von Anfang an sehr stark den Fokus auf Software und Konnektivität setzen. Bei der jungen Generation hat dies eine große Bedeutung. Das Thema "Perfektionismus" in der klassischen Karosserieform verliert hingegen an Bedeutung. Und die Chinesen haben das sehr früh erkannt. In vielen Technologien sehe ich die Chinesen schon heute viel besser als die Europäer.

Werden sich die chinesischen Autos dauerhaft auf dem europäischen Markt durchsetzen können? In China legt man mehr Wert auf Unterhaltung für die Fahrzeuginsassen  wie Sie sagen  bei uns ist es vielleicht mehr die Sicherheit.
Ich glaube trotzdem an den Erfolg. Jeder OEM, der Autos in Europa verkauft, muss die geltenden Sicherheitsanforderungen erfüllen. Es werden keine Produkte auf die Straße gebracht, die nicht sicher sind. Wenn ich in die Vergangenheit blicke und zum Beispiel an die koreanischen Autos Kia und Hyundai denke: Vor 25 Jahren hat man auch gedacht, dass sie nie erfolgreich in Europa sein werden. Heute ist es für uns alle ganz normal, dass wir so viele Kias und Hyundais auf der Straße sehen. Und dasselbe kann ich mir für die chinesischen Autos sehr gut vorstellen – insbesondere weil sich das Auto zum "Smartphone auf Rädern" entwickelt. Jeder, der heute ein Auto hat, möchte gerne alle sechs Monate ein Update haben. Mit dieser Mentalität, die mehr aus der IT kommt, hat man die Möglichkeit, das Produkt kontinuierlich zu verbessern. Heute ist ein Auto nach drei bis vier Jahren veraltet. Die Chinesen haben an dieser Stelle einen guten Job gemacht. Und wir sehen auch hier, dass viele europäische OEMs heute Autos für den chinesischen Markt immer mehr in China entwickeln, weil sie dort einen besseren Überblick über die Erwartungshaltung der Kundinnen und Kunden vor Ort bekommen.

Läuft uns China den Rang ab?
Das ist schwierig zu sagen. Ich werde sie [die Chinesen] als OEMs auf jeden Fall ernst nehmen. Für mich stellen sie [die Chinesen] sich als neue Challenge für den europäischen Markt.

Wie kann man in Europa und Deutschland dagegen halten?
Die Art und Weise, wie wir in der Vergangenheit in Europa Autos entwickelt haben, wird heute sehr stark in Frage gestellt. Wir müssen in Europa den Fokus auf User Experience noch mal verstärken. Die Entwicklung eines Fahrzeugs ist heute so ähnlich wie die Entwicklung eines Smartphones. Und auch die Geschwindigkeit von Entwicklungen wird eine große Rolle spielen. Wir brauchen lange Zeit, um ein perfektes Produkt zu entwickeln. Aber eine Software ist nie fertig. Also warum so lange warten?

Wie bewerten Sie das Vorgehen Chinas in Bezug auf die wirtschaftlichen Aktivitäten auf internationaler Ebene?
China hat ein klares Vorhaben: eine technologische Führerschaft und zwar weltweit. Wir werden meiner Meinung nach immer mehr chinesische Produkte auch außerhalb von China sehen.

Ihr Motto lautet "Tech or Dead". Was meinen Sie damit?
Wir müssen stark in Innovationen investieren. Der Kunde ist nur dann bereit, Geld zu zahlen, wenn wir einen Mehrwert bieten können. Und dieser Mehrwert liegt nur in Innovationen und neuen oder besseren Services für den Endkunden.

Liegt die größte Herausforderung für Ihr Unternehmen also in der Technologie?
Die Herausforderung liegt in "People" [zu Deutsch: Menschen]. Wir verkaufen keine Produkte, sondern wir sind ein Servicedienstleister. Der Mehrwert des Unternehmens liegt in unseren Talenten, das Know-how unserer Mitarbeitenden. Und nur mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Know-hows unseres Teams werden wir auch in Zukunft erfolgreich sein. Ich bin bei der Edag Group seit 2018. Das erste, was wir unbedingt umsetzen wollten, war das Thema "Warum Edag und nicht ein anderes Unternehmen? Welche Werte treiben uns voran? Warum arbeiten wir jeden Tag?" Das ist meiner Meinung nach sehr wichtig, weil nur dadurch bekommen wir Talente mit einem innovativen Mindset und mit einem klaren Purpose. Es gibt viele Ingenieurinnen und Ingenieure, die dasselbe machen können. Aber Innovationen erreichen Sie nur, wenn Sie Querdenker haben, wenn Sie ein Mindset im Unternehmen etablieren, in dem Fehler nicht tabu sind, in dem viel Know-how aus verschiedenen Branchen zusammenkommen kann.

Wie motivieren Sie Ihre rund 8000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?
Die Qualität unserer Führung ist ein wesentlicher Baustein unserer unternehmerischen und persönlichen Entwicklung. Daher haben wir für unsere Führungskräfte klare Guidelines entwickelt. Nur durch wertschätzende und wertschaffende Zusammenarbeit, die Freude auf und über den Erfolg und die Zukunftskompetenzen unseres Unternehmens schaffen wir eine einzigartige Unternehmenskultur. Darüber hinaus investieren wir in die Weiterentwicklung der Mitarbeitenden und sind offen für Neues. Dass wir an der Weiterentwicklung der zukünftigen Mobilität tätig sind, ist sicherlich eine große Motivation für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei uns haben sie die Möglichkeit, verschiedene Kundinnen und Kunden kennen zu lernen und sehr anspruchsvolle Projekte zu begleiten. Ich besuche ständig unsere Standorte weltweit und bin sehr nah an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. In dem Know-how und in der Motivation jeder Mitarbeiterin und jedes Mitarbeiters liegt der Mehrwert des Unternehmens.

"Führen heißt Vorbild sein" – so steht es in den Edag-Führungsleitlinien. Wie sind Sie als CEO ein Vorbild?
Ich bin die erste Person, die versucht, die Werte des Unternehmens jeden Tag zu leben und suche kontinuierlich den Kontakt zu der Basis des Unternehmens. Ich versuche eine Umgebung zu schaffen, in der Interaktion und Kooperation zwischen Mitarbeitenden eine zentrale Rolle spielt. 

Ich bin der Meinung, der Geschäftsführer ist heute kein Held mehr, der alles weiß. Der Geschäftsführer muss ein Netzwerk von Leadern mit dem richtigen Mindset kreieren. Meinen Führungsstil würde ich mit drei Worten beschreiben: Vertrauen, Freiraum und Challenge.

Ich habe mir sagen lassen, dass Sie manchmal lieber Philosophen als Maschinenbauer einstellen und sich Inspiration zu neuen Themen auch von Ihren Kindern, anderen Kulturen und branchenfremden Kollegen holen würden. Ist das der Schlüssel zum Erfolg?
Das ist vielleicht ein bisschen überspitzt. Es braucht aber nicht nur Ingenieurinnen und Ingenieure mit selbem Hintergrundwissen. Nur durch andere Denkweisen entstehen Innovationen. Diese Bereitschaft zu generieren, haben Sie nur, wenn Sie Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen Denkweisen, Erfahrungen und auch Kulturen in denselben Raum bringen.

Welche bedeutenden Entwicklungen beziehungsweise Innovationen werden Sie in naher Zukunft machen?
Wir haben einen eigenen Bereich für Innovationen. Hier arbeiten wir unternehmensübergreifend mit Kunden sowie Partnern aus Wissenschaft und der Industrie an den unterschiedlichsten Themen. Erst vor Kurzem haben wir im Rahmen eines Förderprojekts eine zonenbasierte, serviceorientierte Elektrik/Elektronik-Architektur entwickelt, die es ermöglicht, Updates Over The Air in zukünftigen Fahrzeugen zu realisieren. Das ist das Grundgerüst für das Software-defined car. Diese Fahrzeugarchitektur erlaubt es, neue Funktionalitäten auf den Markt zu bringen. Mit dem Einzug von Software in unsere Fahrzeuge nimmt aber auch die Bedeutung von Cybersecurity zu. Neben unseren innovativen Projekten werden wir ein elektromagnetisches Verträglichkeit-Labor in Deutschland aufbauen. In diesem neuen Versuchslabor kommen modernste Prüfverfahren zum Einsatz. Wir werden unter anderem Fahrzeuge oder einzelne Komponenten und deren Resilienz hinsichtlich anderer elektrischer oder elektromagnetischer Störfaktoren untersuchen.

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