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Alan Greenspan: Ein Finanzgenie tritt ab

Am 31. Januar wird US-Notenbankchef Alan Greenspan zum letzten Mal seine verknautschte Aktentasche zur Arbeit tragen. Dannach übernimmt seine Nachfolger Ben Bernanke das Ruder. Und auf den kommen einige Altlasten zu.

Wer bei Alan Greenspan in diesen Tagen genau hinschaut, muss eigentlich fast einen Heiligenschein entdecken oder zumindest eine leichte Rötung der beachtlichen Ohren - so überschlagen sich die Würdigungen vor seinem Abtritt als US- Notenbankchef. Am 31. Januar leitet er nach mehr als 18 Jahren auf dem Stuhl des mächtigsten Notenbankers der Welt zum letzten Mal den Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank (Fed).

Gefeiert wie ein Rockstar

Der Fan-Club des 79-Jährigen ist groß, sein Ruf legendär. Wie ein Rockstar wurde er gefeiert, als Magier, Finanzgenie, Maestro und Zinspapst, einer, der die größte Volkswirtschaft erfolgreich wie kaum ein anderer um jede Klippe geschifft hat: Den Aktieneinbruch 1987 zwei Monate nach Amtsantritt, zwei Rezessionen, die Asienkrise, das Platzen der größten Aktienkursblase, die Terroranschläge in New York und Washington und jüngst die Verdreifachung des Ölpreises.

Den Musikprofessor Robert Pound inspirierte Greenspan sogar zum Komponieren eines 12-minütigen Orchester-Stücks. Der Titel: "Irrationale Überschwänglichkeit", eine von zahlreichen typisch Greenspanschen Wortkreationen, mit der der Banker 1996 die Stimmung an den Aktienmärkten beschrieb.

Legendäre Satzungetüme

Am 31. Januar trägt Greenspan nun zum letzten Mal seine verknautschte Aktentasche in die Notenbank. Zum letzten Mal scharrt er die anderen elf Zentralbanker um sich und brütet mit ihnen über Produktivität und Auftragseingänge, Arbeitsmarktzahlen und Preisanstiege, um den Leitzins festzulegen. Seine Detailversessenheit ist legendär, ebenso wie seine komplizierten Satzungetüme, eine Sprachakrobatik, die so manchen, der sich einen Reim darauf zu machen hatte, in die Verzweiflung getrieben hat.

Das wird sich ändern - im Gegensatz zu dem orakelnden Greenspan gilt dessen Nachfolger Ben Bernanke als geradezu langweilig deutlich. Klare Worte wünschen sich Banker und Finanzpolitiker von dem 52- Jährigen vor allem zum galoppierenden Leistungsbilanzdefizit, der schlechten Sparrate und den wachsenden Schulden der US-Haushalte. Das Defizit ist ein Problem, das Greenspan seinem Nachfolger überlässt.

Vertrauen in US-Wirtschaft schwindet

Bernanke übernimmt das Steuer der Notenbank zwar in Zeiten komfortablen Wachstums, doch malen Skeptiker seit Jahren ein Schreckensszenario an die Wand: ausländische Investoren, die das Defizit seit Jahren finanzieren, verlieren das Vertrauen in die US-Wirtschaft und ziehen Kapital ab, die Notenbank ist gezwungen, die Attraktivität des Dollar durch höhere Leitzinsen zu erhalten, die US- Verbraucher stöhnen unter einem immer teurer werdenden Schuldenberg, der Konsum bricht ein, die US-Wirtschaft schlingert und mit ihr die ganze Welt.

Anzeichen gibt es dafür bislang zwar nicht. Das, meinen Analysten, habe auch viel mit Greenspans solidem Ruf zu tun, seiner Glaubwürdigkeit und seinem Charisma. "Die Leute hatten einfach unbändiges Vertrauen in Greenspan", sagte Diane Swonk, Chefökonomin der Investmentfirma Mesirow Financial, der "Chicago Tribune". Greenspan war in jungen Jahren Investmentbanker, was ihm Glaubwürdigkeit am Markt verschaffte. Bernanke hat dagegen als Princeton-Professor vor allem akademische Lorbeeren eingesammelt.

Nachfolger Bernanke hat soliden Ruf

Greenspan war in den Washingtoner Dinner- und Partyzirkeln zudem eine feste Größe, zum Pläuschchen mit Präsidenten, Ministern, Senatoren und Besuchern immer aufgelegt, zuletzt etwa Mitte Januar als Gast beim Dinner für Bundeskanzlerin Angela Merkel in der deutschen Botschaft. Bernanke gilt dagegen als Familienmann, der abends lieber zu Hause bleibt.

Gleichwohl hat Präsident George W. Bushs Wahl für die Greenspan-Nachfolge rundum Beifall bekommen. Bernanke, zur Zeit noch Wirtschaftsberater des Präsidenten, hat einen soliden Ruf. Bei seiner Nominierung kündigte er als aller erstes Kontinuität an.

Christiane Oelrich/DPA / DPA
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