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Allianz Versicherung: Vor der Stunde der Wahrheit

Der Versicherungskonzern will seine Stellenabbaupläne offen legen. Nicht nur die Gewerkschaft fürchtet den radikalsten Umbau der Konzerngeschichte - auch die Mitarbeiter zittern. Denn die kolportierten 10.000 Jobs weniger könnten stimmen.

Beim Versicherungskonzern Allianz geht es diese Woche für die Mitarbeiter ums Ganze:  Nach monatelangen Spekulationen will das Unternehmen am Donnerstag (22. Juni) bekannt geben, wie viele Arbeitsplätze vom derzeit laufenden radikalsten Konzernumbau in der Unternehmensgeschichte betroffen sein werden. Die Gewerkschaft Verdi befürchtet, dass die in Medienberichten kolportierten Zahlen von 8000 bis 10.000 bedrohten Stellen realistisch sein könnten. Aber auch die verbleibenden Beschäftigten müssen sich auf ein neues Zeitalter einstellen, heißt es in Kreisen der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat. "Letztlich wird kein Arbeitsplatz von den Umstrukturierungen unversehrt bleiben."

Verdi hofft auf "schonenden Abbau"

In den vergangenen Wochen hatten Beschäftigtenvertreter und Unternehmen in Gesprächen die Details des Umbauplanes ausgelotet. Nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" wollte der Vorstand noch am Montag eine Entscheidung treffen. Am Dienstag und Mittwoch sollten der Aufsichtsrat beziehungsweise die Betriebsräte informiert werden. Die Gewerkschaft, die angesichts der Milliarden-Gewinne des Konzerns einen Stellenabbau für sozial nicht vertretbar hält, schaut nun vor allem auf die Zeitschiene. Verdi hofft darauf, dass sich der Prozess fünf Jahre und mehr hinzieht, damit genügend zeitlicher Spielraum bleibt, um möglichst vielen der betroffenen Beschäftigten einen schonenden Ausstieg über Altersteilzeit und Abfindungen zu ermöglichen. Der relativ hohe Altersdurchschnitt könnte einen sozialverträglichen Personalabbau begünstigen, heißt es.

Bei der Allianz bleibt durch die Neuordnung kaum ein Stein auf dem anderen. Als erstes deutsches Großunternehmen wandelt sich der Konzern zu einer Europäischen Gesellschaft um. Die italienische Tochter RAS soll komplett übernommen werden. Das deutsche Geschäft mit Sach-, Lebens- und Krankenversicherungen wurde unter einem Dach gebündelt und eine eigene Vertriebsgesellschaft gegründet. Doppelarbeit soll so abgeschafft und eine effizientere Schadenbearbeitung ermöglicht werden. Neben den Konsequenzen für die Jobs hatte es in den vergangenen Monaten auch immer wieder Spekulationen um Standortschließungen gegeben. Im Fokus dabei: Die Niederlassungen in Frankfurt, Köln und Leipzig.

Verlust von Marktanteilen entgegenwirken

Die Allianz will mit dem Umbau Marktanteilsverlusten entgegenwirken und zu den ertragsreichsten Wettbewerbern aufschließen. Zuletzt ist es in der Branche durch die angekündigte Übernahme der bisher zur Schweizer Credit Suisse Group gehörenden Winterthur Versicherung durch den Allianz-Konkurrenten Axa enger geworden.

Branchenbeobachter finden schon seit der Verkündung der Pläne lobende Worte für die Umstrukturierung. "Ich bin sehr überzeugt davon, dass das der richtige Weg ist", sagt Lucio Di Geronimo von der HypoVereinsbank. Die einheitliche Verarbeitung von Kundendaten mache die Prozesse schlanker. Für Stephan Kalb von Sal. Oppenheim holt die Allianz vor allem mit der Neuaufstellung der deutschen Sachversicherung allerdings Hausaufgaben nach, die sie bereits in den neunziger Jahren hätte angehen sollen. Auch wegen der erwarteten Kosteneinsparungen handele es sich aber um ein "insgesamt sehr gutes Paket", sagt Kalb. "Die neue Struktur erlaubt es dem Management, zu erkennen, wo welcher Wertbeitrag geleistet wird und wo es hängt."

Modell wird auch auf andere Länder übertragen

Das Thema Stellenabbau habe die Allianz verglichen mit anderen Finanzhäusern eher zaghaft kommuniziert, meint Kalb. Bisher hatte der Versicherer lediglich bekannt gegeben, dass im Vertriebsinnendienst rund 700 und damit etwa ein Drittel Stellen wegfallen und zugesichert, auf betriebsbedingte Kündigungen bis mindestens Ende 2007 zu verzichten. Nun hoffe der Versicherer, dass nach Bekanntgabe des Gesamtpakets wieder mehr Ruhe einkehre, glaubt der Analyst. Allerdings hat die Allianz bereits angekündigt, dass das neue Betriebsmodell in Deutschland auch auf andere Länder übertragen werden soll.

Christine Schultze/DPA / DPA