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Angst vor Mehrkosten: Mindestlohn erzürnt Obst- und Gemüsebauern

Rund 330.000 Landarbeiter helfen auf den Feldern in Deutschland bei der Ernte mit. Ihre Arbeitgeber fürchten erhebliche Mehrkosten, wenn sie ihnen ab 2015 den Mindestlohn zahlen müssen.

Das Gesetz zum Mindestlohn kommt demnächst auf die Tagesordnung des Bundeskabinetts. In der Landwirtschaft wird die geplante Einführung schon ab 2015 scharf kritisiert.

Das Gesetz zum Mindestlohn kommt demnächst auf die Tagesordnung des Bundeskabinetts. In der Landwirtschaft wird die geplante Einführung schon ab 2015 scharf kritisiert.

Die badische Frühlingssonne tut dem Spargel gut. Aber beim Blick auf ihre Felder sorgt sich Spargelbäuerin Franziska Gehrer um die Zukunft des Hofs in Durmersheim im Kreis Rastatt: "Wenn wir im nächsten Jahr unseren Erntehelfern aus Rumänien den gesetzlichen Mindestlohn zahlen sollen, müssen wir uns überlegen, ob es nicht sinnvoll ist, den Betrieb ins Ausland zu verlagern."

Gehrers Spargelhof ist einer von bundesweit rund 30.000 landwirtschaftlichen Betrieben mit dem Schwerpunkt auf Dauerkulturen und Gartenbau - das sind rund zehn Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland. Weil hier weit mehr Handarbeit nötig ist als beim Ackerbau oder in der Milchwirtschaft, sind diese von der geplanten Einführung des Mindestlohns besonders betroffen.

"Falls das ab 2015 beschlossen wird und es keine tarifvertragliche Alternative gibt, gehen wir davon aus, dass mehr als zehn Prozent unserer Mitglieder die Produktion einstellen müssen", warnt Simon Schumacher vom Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE). Kleinere Betriebe würden die Produktion einfach einstellen, größere ins Ausland abwandern.

Zahlen die Kunden höhere Preise?

Zunächst aber werden die Erzeuger wohl versuchen, die erhöhten Kosten an die Kundschaft weiterzureichen. Bei Spargel und Erdbeeren könnten die Preise dann durchaus um 10 bis 20 Prozent höher liegen, erwartet Schumacher. "Sollten da der Kunde und vor allem der Handel nicht mitmachen, dann haben wir ein echtes Problem."

Der Mindestlohn von 8,50 Euro bedeutet für die Betriebe im Obst- und Gemüseanbau nach Angaben des Deutschen Bauernverbands eine Kostensteigerung in zweistelliger Prozenthöhe. Bei Spargel und Erdbeeren, aber auch bei Radieschen, Gurken, Hopfen und Wein erreichen die Lohnkosten bis zu 70 Prozent der gesamten Produktionskosten. "Wenn Handel und Verbraucher dies in den Preisen akzeptieren, dann kann die Operation gut gehen", sagt Generalsekretär Bernhard Krüsken. "Wenn sie das nicht tun und stattdessen verstärkt europaweit einkaufen, dann bricht uns ein Stück Erzeugung weg."

Die Erzeugerverbände wollen eine schrittweise Anhebung des Lohns erreichen, so dass die 8,50 Euro erst 2017 erreicht werden. Alles andere sei auch für die 330.000 Saisonarbeitskräfte in der deutschen Landwirtschaft letztlich nicht hilfreich, glaubt der Vorsitzende des Gesamtverbands der Deutschen Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA), Martin Empl. Bei einer kostenbedingten Schließung von Betrieben würden auch die Verdienstmöglichkeiten für die Menschen vor allem aus Osteuropa wegfallen.

In einer Tarifempfehlung zwischen dem GLFA und der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) wurde im vergangenen Jahr eine solche schrittweise Lohnanhebung von 7,30 Euro auf 8,50 Euro bis 2017 vereinbart. Dabei gibt es aber zwei Probleme. Zum einen hat sich nur knapp die Hälfte der landwirtschaftlichen Arbeitgeber an die Tarifstruktur gebunden. Zum anderen gibt es keinen bundeseinheitlichen Tarifvertrag, die regionalen Tarifparteien haben zum Teil ihre eigenen Vorstellungen.

Gewerkschaft warnt vor Panik

Bei der IG Bau blickt man dem Gesetz zum Mindestlohn nun gelassen entgegen. Für den einen oder anderen Kleinbetrieb könne der Unterschied von gut einem Euro schon bedeutsam sein, sagt Gewerkschaftssprecher Ruprecht Hammerschmidt. "Für die Mehrheit der Betriebe wird das aber nicht existenzbedrohend sein", sagte er. Die Gewerkschaft sei in dieser Frage gesprächsbereit: "Es liegt jetzt an den Arbeitgebern zu signalisieren, dass sie auf Bundesebene über einen Tarifvertrag verhandeln wollen."

Der am 19. März vom Bundesarbeitsministerium vorgelegte Referentenentwurf für das Mindestlohngesetz sieht eine Übergangsregelung bis Ende 2016 vor. Dann können die Bestimmungen eines Tarifvertrags dem Mindestlohn vorgehen, sofern dieser für alle Beschäftigten verbindlich ist.

"Es ist nicht unser Interesse, den Arbeitern möglichst wenig zu zahlen", betont die badische Spargelbäuerin Gehrer, die einmal im Jahr nach Rumänien fährt, um etwa 100 Erntehelfer für ihren Hof zu engagieren - zu einem Stundenlohn von zurzeit 6,80 Euro. Gehrer ist skeptisch, ob sie die Differenz zum Mindestlohn von 8,50 Euro auf den Preis draufschlagen könnte. "Ich glaube nicht, dass der Endverbraucher bereit ist, mehr Geld zu zahlen. Spargel hat ja schon jetzt einen hohen Preis."

anb/DPA/DPA

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