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Studie "Die zerklüftete Republik" 12,5 Millionen Menschen in Deutschland sind arm


Laut Paritätischem Gesamtverbands ist die Armut hierzulande zwischen 2012 und 2013 sprunghaft angestiegen. Das höchste Armutsrisiko tragen Alleinerziehende. Doch auch Rentner sind zunehmend betroffen.

In Deutschland hat es laut Paritätischem Wohlfahrtsverband seit der Wiedervereinigung noch nie so viele Arme gegeben wie heute.

Dabei nehme der Abstand zwischen Arm und Reich hinsichtlich der Regionen und der Einkommensgruppen immer weiter zu, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider am Donnerstag in Berlin. "Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern wird zusehends immer tiefer." Innerhalb eines Jahres sei die Armut von 15 auf zuletzt 15,5 Prozent im Jahr 2013 angestiegen. 12,5 Millionen Menschen seien arm. Als arm sieht der Verband Menschen in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens an. Am stärksten betroffen seien die Bundesländer Bremen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, am wenigsten Baden-Württemberg und Bayern.

Regionale Zerissenheit, Risikogruppe Rentner

"Noch nie war die Armut so hoch und noch nie war die regionale Zerrissenheit so tief wie heute", so Schneider. Er beziehe sich dabei auf die vergangenen gut 20 Jahre, erläuterte er. Der Bundesregierung warf Schneider vor, die Lage zu beschönigen. Tatsächlich sei die Armut lediglich in Sachsen-Anhalt und in Brandenburg leicht zurückgegangen. "Klarer Verlierer im Jahr 2013 ist überraschend Hamburg", sagte er. "Insgesamt zeigt das Länderranking eine zerklüftete Republik."

Erstmalig beleuchtet der Paritätische in seinem #link;http://www.der-paritaetische.de/startseite/artikel/news/armut-auf-hoechststand-studie-belegt-sprunghaften-armutsanstieg-in-deutschland/;Bericht zur Armutsentwicklung# auch besondere Risikogruppen. Das höchste Armutsrisiko von allen Haushalten zeigten danach mit 43 Prozent Alleinerziehende. Besondere Aufmerksamkeit sollte zudem nach Ansicht des Verbandes den Rentnerinnen und Rentnern gewidmet werden: "Es gibt keine andere Gruppe in Deutschland, die in den letzten Jahren auch nur annähernd vergleichbar hohe Armutszuwächse hatte. Wir haben es hier mit einem armutspolitischen Erdrutsch zu tun", warnt Schneider angesichts eines Anstiegs der Armut in dieser Gruppe um 48 Prozent seit 2006. Schon in diesem Jahr werde die Armutsquote der Rentnerinnen und Rentner erstmals über dem gesamtdeutschen Durchschnitt liegen, prognostiziert der Verband.

Acht Prozent der Bevölkerung völlig abgehängt

"Deutschland ist ein reiches Land - im Schnitt werden hier über 30.000 Euro pro Jahr und Einwohner erwirtschaftet", sagte der Gießener Politikwissenschaftler und Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster. "Doch 8 Prozent der Bevölkerung sind völlig abgehängt, und zwischen 16 und 20 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze." Gleichzeitig würden die Reichen laut den offiziellen Statistiken immer reicher. "Die obersten zehn Prozent verfügen über rund 53 Prozent des Vermögen." Manche Berechnungen gingen von mehr als 60 Prozent aus.

"Über 42 Millionen Menschen in Deutschland sind zwar beschäftigt - ein Rekord", sagte Huster. Doch es gebe verbreitet Armut trotz Arbeit. Rund die Hälfte der Neubeschäftigten hätten zudem #link;http://www.stern.de/tv/sterntv/befristetes-arbeiten-fuer-die-deutsche-post-88-zeitvertraege-hintereinander-2116157.html;zeitlich befristete Arbeitsverträge#.

"Armut und regionale Ungleichheit sind in erster Linie hausgemacht und das Ergebnis politischer Unterlassungen", kritisiert Schneider. Der Verband fordert ein umfassendes Maßnahmenbündel zur Armutsbekämpfung. Neben einer deutlichen #link;http://www.stern.de/panorama/paritaetischer-wohlfahrtsverband-fordert-485-euro-hartz-iv-2162784.html;Erhöhung der Regelsätze in Hartz IV# seien insbesondere Reformen des Familienlastenausgleichs und der Altersgrundsicherung erforderlich, um Armut wirksam vorzubeugen. Voraussetzung dazu sei ein rigoroser steuerpolitischer Kurswechsel, der große Vermögen und Einkommen stärker als bisher zur Finanzierung des Sozialstaats heranzieht, so der Verband.

Immer mehr junge Menschen ohne Hoffnung

Auch Huster warnte vor den Folgen mangelnder Armutsbekämpfung: "Wir leben nicht in der Sahelzone. Aber es besteht das konkrete Risiko, dass auch in Deutschland immer mehr junge Menschen ohne Hoffnung nachwachsen. Viele kennen gar keine geregelte Beschäftigung, rutschen in Kriminalität ab oder gefährden sich durch Sucht."

Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied, forderte gezielte Sozialleistungen für armutsgefährdete Kinder - auch wegen gestiegener Mieten. Gut sei, dass die Bundesregierung eine Wohngeldreform angehe. Wichtig sei zudem die anstehende Neufestsetzung von steuerlichen Kinderfreibeträgen und Kindergeld. "Jedes Kind ist gleich viel wert - das sollte der Staat beachten", sagte sie. "Reichere Eltern durch die Freibeträge überproportional besserzustellen ist ungerecht und in Zeiten knapper Kassen erst recht nicht vertretbar."

mod/DPA/AFP DPA

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