VG-Wort Pixel

Ausverkauf bei Schlecker Rabatte, Wut und warme Worte


Schlangen und Mitgefühl an der Kasse: Schlecker hat seinen Ausverkauf gestartet. Während die Kassiererinnen schweigen, machen die Kunden - trotz Schnäppchen - ihrer Wut Luft. Ein Einkauf in Hamburg.
Von Katharina Miklis

Da drinnen ist die Hölle los". Doris Kletsch wischt sich die Schweißperlen von der Stirn. Die Frührentnerin steht vor dem Schlecker-Laden in der Nähe der Hamburger Reeperbahn und verstaut ihre Einkäufe in mitgebrachten Aldi-Tüten. Rotkäppchensekt, eine Klobürste, Duschartikel und Vogelfutter. Doris Kletsch ist eine von vielen Kunden, die am Freitag, dem Tag, an dem Schlecker seinen Ausverkauf startet, nochmal in dem Laden am Kiez vorbeischauen. Der Laden ist voll, das Geschäft brummt. Bundesweit gibt es ab heute in rund 2800 Schlecker-Märkten Preisnachlässe zwischen 30 und 50 Prozent. Alles muss raus.

Während treue Kunden und Pleiteshopper sich über Schnäppchen freuen, ist den Frauen an den Kassen zum Heulen zumute. Das Ende des Drogeriekonzerns ist besiegelt. Insgesamt sind fast 25.000 Schlecker-Mitarbeiter von der Insolvenz des Konzerns betroffen. Jetzt fordern die Schlecker-Kinder weit über 100 Millionen Euro aus der Konkursmasse für sich. Ob ihnen dieses Geld auch zusteht, soll nun rechtlich geklärt werden. Vor dem kleinen Schlecker-Shop auf der Reeperbahn ist das Urteil jedoch schon gefallen: "Dass sich die Schlecker-Kinder jetzt die Millionen unter den Nagel reißen, während die Frauen hier um ihre Existenz fürchten, ist eine Schweinerei", sagt Norbert Magnitzki und bindet seine kleinen Hunde von der Ladentür los. Er kauft seit Jahren in diesem Drogeriemarkt ein. Heute hat er sich einen Vorrat an Rasierklingen zugelegt, der für lange Zeit reichen sollte. Aber auch Waschmittel, feuchte Tücher und Duftsteine. Der Mann mit den prallen Einkaufstüten schimpft am Eingang des Ladens über die Pleiteshopper, die erst jetzt den Drogeriemarkt aus seiner Nachbarschaft stürmen. Soll es doch jeder hören: "Warum haben die nicht früher hier eingekauft, erst jetzt wo alles billig verscherbelt wird?" Vielleicht wäre es dann nie so weit gekommen.

"Es ist unerhört, was hier passiert"

Norbert Magnitzki wird einen anderen Drogeriemarkt finden. In den kommenden Tagen will er jedoch seinem Laden aus der Nachbarschaft treu bleiben - bis zur letzten Rasierklinge. Der Ausverkauf in den Schlecker-Läden wird weitergehen. Je nach Verlauf des Abverkaufs sollen die Preise in den nächsten Tagen sogar noch weiter reduziert werden. Bisher läuft die Rabattaktion der insolventen Drogeriekette bestens. In einigen Filialen sind die Regale bereits leergefegt. Hier in Hamburg sind sie zur Mittagszeit noch gut gefüllt. Die Schlangen vor den Kassen sind lang. Die Mitarbeiterin an Kasse zwei ist gestresst. In hohem Tempo zieht sie Damenbinden und Mundwasser über den Scanner. "For you. Vor Ort", der Slogan, mit dem sich der Konzern vor einigen Monaten reichlich Spott eingehandelt hat, steht in blauer Schrift auf ihrem weißen Kittel. Für Aussagen, die über Preisauskünfte hinaus gehen, ist die Kassiererin jedoch nicht zu sprechen. "Sie sehen doch, was hier los ist." Und überhaupt: Man wolle nicht mehr über die ganze Geschichte reden, sondern es einfach nur noch hinter sich bringen. Da helfen auch die aufmunternden Worte der treuen Kunden nicht. "Sie werden bestimmt etwas neues finden", keucht eine Frau hinter einem Berg von Waschmittelpackungen.

Das Ganze so schnell wie möglich über die Bühne bringen - das ist auch die Meinung von Kundin Doris Kletsch. Als wirtschaftlichen "Leichenfledderer" will sie sich nicht sehen: "Je mehr ich jetzt einkaufe, desto früher haben die armen Frauen hier doch ihre Ruhe". Kletsch hat Mitleid mit den Mitarbeiterinnen in ihrem Schlecker, die ihr in den letzten Wochen immer gestresster und immer trauriger vorkamen. "Es ist unerhört, was hier passiert, dass die Politik nicht oder viel zu spät eingegriffen hat. Eine Schande".

Von der Kasse in die Kita?

Dabei hat Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen schon Pläne mit den Schlecker-Frauen: Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und der Gewerkschaft Verdi hatte sie am Donnerstag vorgeschlagen, die arbeitslosen Frauen einfach in strukturschwachen Gebieten zu Erzieherinnen oder Altenpflegerinnen umzuschulen. Auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder ist Feuer und Flamme für die Idee und will die Frauen von der Kasse in die Kita schicken. "Es geht hier nicht darum, jemanden in eine Umschulung zu pressen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass unter diesen lebenserfahrenen Frauen viele mit Freude und Engagement diese neue berufliche Chance ergreifen wollen", sagte die Ministerin der "Süddeutschen Zeitung".

Dirk Mescher, Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wirtschaft in Hamburg hält diesen Vorstoß grundsätzlich für keine schlechte Idee. Er warnt jedoch im Gespräch mit stern.de davor, zweitklassig ausgebildete Erzieherinnen auf die Kinder loszulassen. "Wichtig ist, dass die Frauen keine billigen Hilfskräfte sondern kompetente, vollwertig ausgebildete Erzieherinnen werden". In anderen Ländern gehöre eine Hochschulausbildung zum Erzieherjob. "Auch wir als Gesellschaft sollten uns fragen, was uns die Erziehung unserer Kinder wert ist", sagt Mescher. Für den Gewerkschafter tut sich in der Diskussion um neue Beschäftigungsmöglichkeiten auch die Frage auf, ob die Kassiererinnen überhaupt in die Kitas wollen. Hoffnung auf ein gutes Einkommen sollten sich die gebeutelten Schlecker-Frauen jedenfalls nicht machen: "Auch als Erzieherinnen werden sie sehr schlecht verdienen. Das ist ja auch der Grund für diesen Fachkräftemangel".

Volle Tüten und große Bedenken

Der AWO-Vorsitzende Wolfgang Stadler warnt dagegen davor, Sozialberufe als "Auffangbecken" zu nutzen. Die Erziehung von kleinen Kindern und die Pflege Hilfsbedürftiger eigneten sich "weder für arbeitsmarktpolitische Zwangsmaßnahmen noch dafür, ungelernte Kräfte einzusetzen," so der Bundesvorsitzende am Freitag.

Auch vor dem Schlecker-Markt in Hamburg, in dem sich langsam die Regale lichten, kommt die Idee nicht gut an, aus Kassiererinnen Erzieherinnen zu machen. "Ich würde keiner Frau mein Kind anvertrauen, die nicht perfekt dafür ausgebildet ist", sagt Schlecker-Kundin Doris Kletsch. Sie hebt ihre schweren Einkaufstüten und schleppt sich nach Hause. Morgen will sie nochmal vorbeischauen. Vielleicht gibt es ja noch das ein oder andere Schnäppchen zu machen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker