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Pleite von Schlecker: For you, vor Ort - vorbei

Die Regale sind ausgedünnt, die Stimmung ist angespannt: Der Drogerie-Riese Schlecker sorgt mit seiner Insolvenz für schlechte Nachrichten. Mal wieder.

Von Malte Arnsperger, München

Der bucklige Mann mit der Fellmütze weiß genau, was er will. "Haben sie dieses Spülmittel für 79 Cent nicht mehr, das sonst hier immer steht?", fragt er die neben ihm stehende Verkäuferin Ina J. (Namen geändert). Die Rothaarige zupft an ihrem Kittel, der so weiß ist wie der Schnee, der zentimeterhoch vor diesem Schlecker-Markt in München liegt. "Nein, das ist nicht mehr da. Müssen wir erst bestellen. Keine Ahnung, wann das wieder kommt." Der Bucklige brummt etwas wie "dann komm ich wieder" und schlurft zum Ausgang. Doch ob dieser Laden bei seinem nächsten Besuch überhaupt noch Spülmittel verkauft, ja überhaupt noch existiert, ist fraglich. Denn der Schlecker-Konzern ist pleite und hat den Gang in die Insolvenz angekündigt.

Dabei hätte doch alles so schön werden sollen. Schlecker, diese spießige Drogerie-Kette mit meist kleinen, engen, unübersichtlichen Läden, in denen Hausfrauen ihre Rilanja-Seife oder AS-Spültabs kaufen, sollte endlich cool werden. Schließlich war das Geschäft in den vergangenen Jahren immer schlechter gelaufen, die Konkurrenten dm, Müller oder Rossmann hatten dem einstigen Platzhirsch viele Kunden weggenommen. Im Jahr 2010 schickte Firmengründer Anton Schlecker seine beiden Kinder Meike und Lars nach vorne. Die sollten mit ihrem jugendlichen Auftreten und vielen Presse-Interviews die neue Offenheit der bisher so unnahbaren Firma repräsentieren. Zwar mussten in den vergangenen Monaten von einstmals weit über 8000 Filialen hunderte geschlossen werden. Den verbliebenen Märkten wurde aber eine neues Logo verpasst, zusammen mit dem etwas schiefen Claim "Schlecker - For you, vor Ort" sollte dem Kunden signalisiert werden: Bei Schlecker tut sich was. Passend dazu lief ein Umbau der Filialen an, breitere Gänge, niedrigere Warenregale, freundlicheres Licht. Das Restrukturierungskonzept nannte man "Fit for future".

Tausende Arbeitsplätze sind gefährdet

Doch dieses Fitnessprogramm reicht offenbar nicht, die wirtschaftlichen Probleme bei Schlecker sind zu groß. Eine geplante Zwischenfinanzierung ist nach Angaben des Unternehmens kurzfristig geplatzt, weshalb nun die "geplante Insolvenz" nötig sei. "Wir gehen davon aus, dass wir einen Großteil der Arbeitsplätze erhalten können", sagte ein Sprecher zu stern.de. In Betriebsratskreisen ist man nach stern.de-Informationen zurückhaltender. Der Tenor dort: Ein Insolvenzverfahren macht alle Stellen eher unsicherer als sicherer. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fordert vom Eigentümer Schlecker "volles Engagement bei der Rettung der Arbeitsplätze". Schlecker trage persönlich die Verantwortung für seine Beschäftigten. Besonders in einem solchen Falle gelte die Parole "Eigentum verpflichtet".

Für die rund 30.000 Mitarbeiter ist die Pleite ein weiterer Nackenschlag. Denn sie mussten in den vergangenen Jahren einiges mitmachen: Immer wieder gab es Klagen über die Arbeitsbedingungen, es war von Gängelung und Ausbeutung die Rede. 1998 war das Ehepaar Schlecker sogar wegen Lohndumpings zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden, zudem musste jeder eine Million Euro zahlen. Sie hatten Hunderte Beschäftigte jahrelang unter Tarif bezahlt. Der Umgang mit Angestellten hatte Züge von Steinzeit-Kapitalismus, wie zuletzt auch der Skandal um Billig-Leiharbeiter im Jahr 2010 oder eine angebliche Abschussliste für unliebsame Angestellte bewies. Zudem sind die meist sehr dünn besetzten Filialen ein beliebtes Ziel von Raubüberfällen, 380 davon gab es 2010. Die betroffenen Mitarbeiter werden oft schlecht betreut, wie der stern 2011 berichtet hatte. Und nun auch noch der Gang zum Insolvenzgericht.

Die Münchner Verkäuferin Ina J. hat aus dem Radio davon gehört. Viel will sie nicht sagen, Schlecker hat seinen Mitarbeitern einen Maulkorb verpasst. Aber dann spricht sie doch. "Ich mache mir da erst mal keine Sorgen. Schauen wir doch mal, was passiert", sagt sie und schiebt mit stoischem Pflichtbewusstsein die Angebotszettel in die Aufsteller. "Weißer Riese Megaperls" für 2,22 Euro statt bisher 3,99 Euro. Sie glaubt also an die Versicherungen des Konzerns. In einem internen Schreiben, das stern.de vorliegt, heißt es: "Dies ist eine Chance, jetzt mit gemeinsamer Kraft daran zu arbeiten, das Unternehmen und die Verkaufsstellen wieder in die Erfolgsspur zu bringen. (...) Daran müssen wir nun alle gemeinsam arbeiten, indem wir den heutigen Tag nicht als Ende sondern als Startpunkt mit veränderten Bedingungen sehen. (…) Ihre Familie Schlecker und der Vorstand."

Die Warenauswahl in den Filialen schrumpft

Eine ältere Kundin schiebt ihren Einkaufswagen durch die Regalreihen in Richtung Kasse. Ihre Krücke hat die 85-Jährige zu der Anti-Falten-Creme, dem Feuchtigkeitsbalsam und dem Vollwaschmittel gelegt. "Veränderte Bedingungen" will sie nicht. "Ich bin behindert, für mich wäre es sehr schlecht, wenn der Schlecker hier zu macht", sagt sie. "Denn dann muss ich viel weiter laufen. Und ich muss noch schwerere Tüten aus dem Supermarkt schleppen." Seit vielen Jahren kauft die Frau in dieser Schlecker-Filiale ein. Und sie hat in den vergangenen Wochen eine Veränderung bemerkt: "Die Auswahl an Ware ist nicht mehr so groß wie früher."

Die Lieferschwierigkeiten von Schlecker sind seit Monaten bekannt, angeblich verlangen einige Lieferanten Vorkasse. Und auch wenn der Firmensprecher versichert, dass "die Regale wieder voller" sind, klaffen auch in den Auslagen des Marktes von Ina J. einige Lücken. Von dem angebotenen "Wellaflex-Hairspray" für 2,39 Euro ist keines mehr da, selbst von dem als neu angepriesenen "Nivea Styling-Gel" daneben ist nur noch ein Exemplar vorhanden. Zwei junge Männer suchen nach Feuchtigkeitscremes - "für unsere Freundinnen", wie sie grinsend versichern. Sie wohnen gleich um die Ecke und kaufen hin und wieder beim Schlecker ein. "Es fehlt schon oft an Ware. Aber das ist doch klar, hier kommt doch auch kaum Kundschaft rein." Eine Schließung würde sie nicht weiter stören. "Mein Gott, dann fahren wir halt ins nächste Einkaufszentrum. Da bekommen wir sowieso alles."

Während Verkäuferin Ina J. unverdrossen Pampers-Windeln einsortiert, flattert draußen an der Tür ein trotziger Zettel im Schneesturm. Auf ihm steht unter dem blauen Schlecker-Logo in roter Schrift: "Schlecker Super-Samstag am 21.01.201. Ab 12 Uhr 20 % auf alle Wasch-Putz-Reinigungsmittel. Wir freuen uns auf Sie."