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Automobilindustrie: VW-Sanierer zückt die Chrysler-Karte

Um seine massiven Absatzprobleme in den USA zu bekämpfen, verhandelt Volkswagen mit seinem Konkurrenten DaimlerChrysler über den Bau eines Fahrzeugs für den amerikanischen Markt. Offiziell bestätigt sind die Gespräche nicht.

VW-Sanierer Wolfgang Bernhard zückt die Chrysler-Karte. Der US-Autobauer, Bernhards frühere Wirkungsstätte, könnte für VW künftig einen Mini-Van für den US-Markt bauen. Darüber verhandelt Bernhard derzeit mit seinem früheren Chef, dem designierten DaimlerChrysler-Boss Dieter Zetsche. Im wichtigen Mini- Van-Segment hat VW in den USA nichts zu bieten. Eine Auffrischung des Angebots wäre dringend geboten: VW hat auf dem bedeutendsten Automarkt der Welt im Gegensatz zu anderen deutschen Herstellern große Absatzprobleme und schreibt tiefrote Zahlen.

Weder VW noch DaimlerChrysler wollten die Verhandlungen am Dienstag bestätigen, in Branchenkreisen aber war zu hören, es gebe diese sehr wohl. Eine Kooperation würde Sinn machen, hieß es: die Chrysler-Fabriken wären besser ausgelastet, VW würde schneller zu einem neuen Modell für den US-Markt kommen. Laut "Handelsblatt" soll ein VW-Mini-Van auf Basis des Chrysler-Modells Voyager gefertigt werden. Die Mini-Vans laufen vor allem bei Chrysler und Honda, den beiden Marktführern in diesem Segment in den USA, momentan auf Hochtouren.

Kooperationen sind "in"

"Eine Zusammenarbeit zwischen VW und Chrysler wäre eine gute Entscheidung, von der beide profitieren würden", sagt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der FH Gelsenkirchen. Generell seien Kooperationen "in" in der weltweiten Autoindustrie - VW und Mercedes zum Beispiel arbeiteten bereits seit längerem etwa bei Kleinlastern zusammen.

VW steckt in den USA in einer Absatzkrise. In den ersten sieben Monaten 2005 brachen die Verkäufe der Marke im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast ein Fünftel ein. Zwar geht es der Tochter Audi besser, konzernweit stiegen die operativen Verluste in den USA im ersten Halbjahr aber auf 596 (503) Millionen Euro.

Auf die VW-Margen drücken - wie bei den anderen Herstellern - vor allem die heftige Rabattschlacht in den USA und der schwache Dollar. Dazu kommen hausgemachte Fehler: der Vertrieb ist nach Ansicht von Branchenexperten schlecht aufgestellt, die Modellpolitik unglücklich. Die beiden mit Abstand wichtigsten VW-Modelle in den USA, Jetta und Passat, liefen nahezu gleichzeitig aus. Um die veralteten Modelle auf dem umkämpften Markt an den Mann zu bringen, musste VW viel Geld dazugeben.

Kein "Microbus" mehr

Pläne für den Bau des "Microbus", der speziell für den US-Markt gefertigt und Nachfolger des legendären Bully werden sollte, ließ VW fallen - wegen des schlechten Wechselkurses sei dies unwirtschaftlich, hieß es im Frühjahr. Mit dem in Europa erfolgreichen Touran ist VW nicht in den USA vertreten. Ihre Absicherung gegen Währungsschwankungen immerhin haben die Wolfsburger mit der Entscheidung, den neuen Jetta komplett in Mexiko und damit im Dollar-Raum zu fertigen, erhöht.

Im Jahresverlauf dürften die neuen Modelle von Jetta und Passat VW zwar deutliche Absatz-Impulse bringen. Dennoch bleibt das US-Geschäft noch lange eine der größten Konzern-Baustellen: Nach Einschätzung von Konzernchef Bernd Pischetsrieder wird VW in Nordamerika in diesem Jahr und auch 2006 rote Zahlen schreiben.

Vorbei sind die Zeiten, als Volkswagen mit dem Bully oder dem Beetle glänzende Geschäfte in den USA machte. Angesichts der aktuellen Absatzkrise hatte Bernhard vor wenigen Wochen die Marschrichtung vorgegeben und gesagt: "Wir werden mit Zähnen und Klauen am amerikanischen Markt festhalten." VW müsse von seinen hohen Kosten runter, gleichzeitig aber die Qualität erhöhen. "So habe ich es auch bei Chrysler gemacht."

Gemeinsam mit Zetsche hatte Bernhard Chrysler binnen weniger Jahre saniert und wieder in die schwarzen Zahlen gebracht. Dabei allerdings baute das Team tausende von Stellen ab und machte mehrere Fabriken dicht. Während aber Zetsche bei DaimlerChrysler Karriere macht, musste Bernhard 2004 gehen - und landete bei VW.

Andreas Hoenig/DPA / DPA