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Bahn-Chef im Verkehrsausschuss: Die Unschuld vom Lande

Hartmut Mehdorn ist seit fast zehn Jahren Chef der Deutschen Bahn und damit einiges gewohnt. Am Mittwoch musste er sich seinen größten Kritikern stellen: im Verkehrsausschuss des Bundestags. Er sollte Licht ins Dunkel der seit Wochen schwelenden Daten-Affäre im Konzern bringen. Mehdorn gab die Unschuld vom Lande.

Von Marcus Gatzke, Berlin

Mehdorn liebt solche Auftritte. Die Kameras reihen sich vor dem Sitzungssaal auf wie die Rekruten beim Morgenappell. Die Journalisten stehen mit gezücktem Notizblock bereit und warten - auf ihn, auf Hartmut Mehdorn. Doch Mehdorn lässt sie stehen und verschwindet am Mittwochmorgen gleich im Sitzungssaal. Es gilt, erst das Parlament zu informieren und dann die Journalisten. Im Ausschuss wird er über mehrere Stunden unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Fragen gelöchert. Gelassen wirkte er und gut gelaunt, berichten Teilnehmer. Souveränität wollte er ausstrahlen und hat dies auch geschafft.

Der Bahn-Chef weiß, wie er sich in solchen Situationen verhalten muss, wann er sein sonst leicht aufbrausendes Temperament besser zügelt. Keine Wutausbrüche, keine Beschimpfungen der Politiker als "sogenannte Verkehrsexperten", sondern ein sachlicher, um korrekte Auskunft bemühter Vorstandsvorsitzender. Es geht ja um Aufklärung und die Bahn gehört noch zu 100 Prozent dem Bund.

Wortreiche Antworten

Alle Fragen sollen wortreich beantwortet worden sein, heißt es von Ausschussmitgliedern. Mehr aber auch nicht. Wirklich Neues hat er nicht erzählt. Stattdessen betonte der Bahn-Chef nach Angaben von Teilnehmern immer wieder, von den mehrfachen Ausspähungen der eigenen Belegschaft nichts gewusst zu haben. Begründet hat er dies unter anderem mit den so vielfältigen Aufgaben eines Vorstandsvorsitzenden. Er sei mehr an Ergebnissen interessiert gewesen, soll er gesagt haben. Wenn dem wirklich so sein sollte, hätte er aber auch diejenigen Personen im Ausschuss aussagen lassen können, die die Verkehrspolitiker des Deutschen Bundestages seit Wochen gerne sprechen würden.

Josef Bähr, der mittlerweile beurlaubte Leiter der Konzernrevision, ließ sich jedoch mit Hilfe eines amtlichen ärztlichen Attestes entschuldigen. Es sei "psychisch krank", hieß es. Wolfgang Schaupensteiner, der Korruptionsbeauftragte der Bahn, hat zwar schon mehrfach vor dem Ausschuss ausgesagt, diesmal wollte aber auch er nicht kommen. Er ließ sich aufgrund eines Besuches beim Zahnarzt entschuldigen. Stattdessen Mehdorn pur.

Mehdorn will nichts gewusst haben

Und Mehdorn gibt die Unschuld vom Lande: Auch von einer möglichen Aktenvernichtung bei der Bahn will er nichts gewusst haben. Er könne sich so etwas nicht vorstellen, sagte Mehdorn im Ausschuss und lässt sich gleichzeitig eine Hintertür offen: Er könne nicht vollends ausschließen, dass sie wirklich stattgefunden hat. Der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Toni Hofreiter, behauptet, dass er mehrere schriftliche und mündliche Hinweise über eine bei der Bahn Anfang Februar stattgefundene Aktenvernichtung hat. Hofreiter sprach gar von einer "bewussten Vernichtung" in "der Revision und einer anderen Abteilung".

Ähnlich äußerte sich auch sein Kollege von der CDU, Dirk Fischer. Fischer erklärte, er habe "Informationen, auch andere Kollegen haben Informationen. Wir haben Hinweise, auch aus dem Unternehmen selbst". Die Frage sei: "Haben die mit dem Komplex etwas zu tun, wird dadurch Aufklärung behindert?" Der SPD-Abgeordnete Uwe Beckmeyer sagte, es gebe "sehr große Indizien" für eine Aktenvernichtung. In der Politik wächst auch deshalb der Unmut über die Aufklärungsarbeit der Bahn.

Ob die Vernichtung wirklich stattgefunden hat, kann bislang nicht bewiesen werden. Hofreiter fordert auch deshalb, dass die Staatsanwaltschaft der Bahn einen Besuch abstatten soll. Sie müsse sichern, was es noch an Unterlagen gebe, sagte Hofreiter in einem Interview mit dem Sender "Phoenix". Wirklich wahrscheinlich ist eine solche Durchsuchung nicht. Zu dünn ist die Faktenlage.

Verkehrsausschuss lädt erneut vor

Der Verkehrsausschuss will Hartmut Mehdorn - und mit ihm Josef Bähr, Wolfgang Schaupensteiner sowie Aufsichtsratschef Werner Müller - erneut vorladen. Und zwar, sobald die Wirtschaftsprüfer von KPMG Ende März ihren Abschlussbericht vorgelegt haben. Mehdorn freut sich schon jetzt auf seinen nächsten Besuch. "Ich bin gerne gekommen", sagte er am Mittwoch und schritt sichtlich guter Laune von dannen. Als ob er den Ausgang schon jetzt kennen würde.