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Bahnstreik-Presseschau: "Der Showdown der Dickköpfe"

Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) macht ihre Drohung wahr: Ab Donnerstag wird gestreikt - mitten in der Urlaubszeit. Eine absolut richtige Entscheidung sagen einige Zeitungs-Kommentatoren. Andere wiederum sind fassungslos angesichts der "aberwitzigen" GDL-Forderung.

Zu dem angekündigten Bahnstreik schreibt die Berliner Morgenpost: "Es liegt nun am GDL-Chef, die Angebote der Bahn zur Deeskalation zu prüfen und darüber zu verhandeln. Denn eines kann man der Bahn nicht vorwerfen: Nachdem sie über Monate versuchte, das lange bekannte Problem mit den Lokführern auszusitzen, hat sie sich jetzt bewegt und immerhin Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen gemacht. Die GDL hingegen hält weiter stur an ihren Maximalforderungen fest. Dieses Beharren suggeriert, die GDL würde aus einer Position der Stärke heraus handeln - doch das kann leicht kippen. Beharrt Manfred Schell auch weiter darauf, einen eigenen Lokführertarifvertrag zu bekommen, bestätigt er den Verdacht, dass es ihm zwar auch um bessere Arbeitsbedingungen, vor allem aber um Gewerkschaftspolitik geht."

"Bild-Zeitung"

"Bild-Zeitung"

Ein ganzes Land fürchtet sich seit Wochen vor dem großen Bahnstreik einer kleinen Gewerkschaft mit einer aberwitzigen Forderung: 31 Prozent mehr Lohn. Seit gestern steht fest: Die Lokführer machen ihre Drohung wahr: Der Streik kommt - mitten in der Ferienzeit! Mehr erfahren die verunsicherten Reisenden aber nicht! Stattdessen gibt's nur nebulöse Andeutungen. Wir wollen verhindern, die Kundschaft zu verärgern, verspricht der Gewerkschaftschef. Der Urlaubsverkehr soll sogar geschont werden. Wie das gehen soll, sagt aber niemand! Die Lokführer-Gewerkschaft sollte die Bürger nicht für dumm verkaufen, sondern Klartext sprechen. Denn wer die Bahn bestreikt, der will auch, dass Hunderttausende Reisende wie Deppen auf leeren Bahnsteigen stehen. Der nimmt auch in Kauf, dass ganz Deutschland lahm gelegt wird.

"Neue Presse"

"Neue Presse"

Zu Recht pochen die Lokführer auf ihre Sonderrolle und die besondere Verantwortung ihres Berufsstandes, gleichzeitig setzen sie sich des Verdachts der Gier aus. 31 Prozent mehr Gehalt das klingt nicht gerade unbescheiden. Über Erfolg oder Misserfolg des Streiks entscheidet, ob sie die öffentliche Meinung für sich gewinnen können. Im Moment scheint der Bahnchef vorne zu liegen, denn die Welle der Empörung über Verspätungen und mögliche Zugausfälle rollt bereits. Doch Hartmut Mehdorn sollte sich nicht zu sicher sein. Letztlich braucht er seine Spezialisten nötiger denn je. Er sollte den Führungskräften deutlich entgegenkommen denn für wenig Geld übernimmt höchstens Jim Knopf in Lummerland die hohe Verantwortung für einen ganzen Zug und seine Passagiere.

"Westdeutsche Zeitung"

"Westdeutsche Zeitung"

Wegen ein paar aufmüpfiger Lokführer sollte der Wirtschaftsaufschwung nicht kaputt gemacht werden, zumal in vielen Bundesländern noch Schulferien sind und Urlaubspläne - gerade von Großfamilien - zerstört werden. Der Fahrplan sollte jetzt lauten: Ein paar Stunden Streik seien, auch um die Urabstimmung zu rechtfertigen, erlaubt. Dann müsste aber schnellstens ein Schlichter her. Die Streiks gehören während der Schlichtung abgeblasen. Der Schlichter sollte beiden Parteien den Kopf waschen und verpflichten, endlich zu "Potte zu kommen". Einigen müssen sie sich früher oder später sowieso. Da ist früher schon besser als später. Das ist auch billiger und für die Fahrgäste schonender.

"inancial Times"

"Financial Times Deutschland"

Der Streik kommt, ab Donnerstag. 96 Prozent der Mitglieder der Lokführergewerkschaft GDL wollen es so. Deren Vorsitzender Manfred Schell kann angesichts des Abstimmungsergebnisses auch gar nicht mehr einlenken selbst dann nicht, wenn Bahn-Chef Hartmut Mehdorn doch noch in letzter Minute ein verbessertes Angebot machen würde, und Schell es annehmen wollte. Nach all den Wortgefechten der vergangenen Wochen sind die GDL-Mitglieder gründlich auf Krawall gebürstet. Für das deutsche Wachstum ist der Streik allerdings kein Drama, auch wenn bereits Prognosen von täglich bis zu 500 Mio. Euro Schaden kursieren. In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung 2007 wird dieser Arbeitskampf wie noch jeder Streik, der kein Generalstreik ist keine großen Spuren hinterlassen.

"Der Tagesspiegel"

"Der Tagesspiegel"

Deutschland muss sich auf wochenlange Bahnstreiks einstellen. Einen Kompromiss in letzter Sekunde hat der Konzern ausgeschlossen. Der Chef der Lokführergewerkschaft, Manfred Schell, und Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, die beide nicht an zu wenig Selbstbewusstsein leiden, wollen es nun wissen: Wer hält länger durch? Es ist ein Showdown der Dickköpfe. Das Problem sind eben nicht nur ein paar tausend renitente GDL-Mitglieder. Der Bahn-Vorstand hat sich einiges einfallen lassen, um der kleinen Gewerkschaft ein gutes Angebot zu machen und ihre Stellung im Gefüge der drei Gewerkschaften zu stärken. Der Bahn kann man jedoch vorwerfen, dass sie viel zu lange auf Zeit gespielt hat. Der Konzern hat darauf gehofft, dass der kleine Gegner schon irgendwann einknickt oder von den Gerichten gestoppt wird. Als wirklich Bewegung in die Angebote der Bahn kam, war die GDL zu einer Diskussion nicht mehr bereit. Jetzt geht es ihr ums Prinzip und ums Überleben.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Aus verständlichen Gründen will die Bahn nicht über einen eigenständigen Spartentarifvertrag verhandeln. Sie hat gerade erst die Verhandlungen mit den beiden anderen Bahngewerkschaften für 134.000 Beschäftigte abgeschlossen, mit einer kräftigen Lohnerhöhung von 4,5 Prozent und einer Einmalzahlung von 600 Euro. Viel mehr kann Mehdorn auch den Lokführern nicht anbieten, sonst gäbe es eine einheitliche Vergütungsstruktur bei der Bahn nicht mehr. Die Bahn sollte sich dem Druck nicht beugen. Mehdorn hat Zeit. Je mehr Urlauber auf den Bahnsteigen festsitzen, desto größer wird der Ärger. Das Unverständnis der Fahrgäste über die Lokführer wird wachsen, auch weil sie wissen, dass sie für die überzogenen Lohnforderungen werden zahlen müssen, in Form später steigender Bahnpreise.

AP/DPA / AP / DPA