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Bahnstreiks: Den Frust bekommen die Falschen ab

Wenn ab 2 Uhr die Räder im Nahverkehr der Deutschen Bahn still stehen, leiden nicht nur die Kunden, sondern allen voran die Servicemitarbeiter am Bahnsteig. Sie bekommen den Frust der Passagiere ab, obwohl sie gar nicht streiken. Die Solidarität mit den Kollegen schwindet.

Von Tim Tolsdorff

Um zwei Uhr früh am Donnerstag wird auf vielen Bahnhöfen im Land wieder das Chaos ausbrechen. Ab diesem Zeitpunkt bestreiken die Angehörigen der Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer (GDL) erneut bundesweit den Regionalverkehr. "Die Streikdauer von 30 Stunden soll dem Arbeitgeber verdeutlichen, dass die Arbeitnehmer des Fahrpersonals nicht gewillt sind, seine Hinhaltetaktik zu akzeptieren", sagte am Montag der stellvertretende Vorsitzende und derzeitige Verhandlungsführer der GDL, Claus Weselsky. Die Dauer der Arbeitsniederlegung dürfte für die Bahnkunden zu einer Verschärfung der bekannten Beeinträchtigungen führen, nämlich langen Wartezeiten auf Bahnsteigen, Staus auf überfüllten Autobahnen und sogar zu Lohneinbußen wegen verspätetem Erscheinen am Arbeitsplatz.

Undankbar ist die Situation auch für die Bahnbediensteten an den Bahnsteigen und hinter den Service-Schaltern der Bahnhöfe. Ihr Dilemma: Die GDL streikt lediglich für das Fahrpersonal. Lokführer und Zugbegleiter aber stehen während des Ausstands nur sehr begrenzt in Kontakt zu den Kunden. Während sich die Streitparteien in den Medien ihrer gegenseitigen Sturheit versichern, müssen die Bahnhofsmitarbeiter in den kommenden Tagen wohl erneut den berechtigten Zorn und die Enttäuschung der Kundschaft über sich ergehen lassen. Die Betroffenen reagieren sehr zurückhaltend auf Fragen zu den Arbeitsniederlegungen der Kollegen. "Eine eigene Meinung zum Streik habe ich zwar, aber ich möchte mich dazu nicht öffentlich äußern", meint etwa ein Servicemitarbeiter auf einem Bahnhof im Rheinland. Sein Kollege im Nachbarort nimmt nach einem Anruf beim Vorgesetzten Abstand von einer Äußerung. Aus der Konzernzentrale der Bahn in Berlin heißt es jedoch, dass die Forderungen des Fahrpersonals nur noch auf wenig Verständnis bei den Kollegen träfen.

Drei Gewerkschaften mischen mit

Die Rolle der Bahnhofsbediensteten als weinende Dritte ist auf die seltene Konstellation zurückzuführen, dass bei der Deutschen Bahn gleich drei Gewerkschaften die Interessen der Arbeitnehmer vertreten. Neben der GDL erfüllen diese Aufgabe die Gewerkschaft Transnet und die Verkehrsgewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamter und Anwärter (GDBA). Bis zum Jahr 2002 handelten die drei Organisationen als Tarifgemeinschaft der Deutschen Bahn gemeinsam die Arbeits- und Lohnbedingungen mit dem Unternehmen aus. Nach einem Konflikt mit Transnet und GDBA über tarifpolitische Ziele trat die GDL 2002 jedoch aus der Tarifgemeinschaft aus und öffnete sich auch für die Zugbegleiter und die Mitarbeiter der Speisewagen. Seitdem setzt sich die ehemalige Lokführergewerkschaft für einen gesonderten Tarifvertrag des Fahrpersonals ein.

Die GDL ist nach eigenen Angaben die traditionsreichste der drei Gewerkschaften, aber von der Mitgliederzahl her mit Abstand die kleinste. Von den knapp 20.000 Lokführern der Deutschen Bahn sind über 75 Prozent in den sieben Bezirksgruppen organisiert, dazu kommen 3.900 Zugbegleiter. Damit erreicht sie nach eigenen Angaben innerhalb des Fahrpersonals eine Mitgliederquote von 62 Prozent. Ingesamt vertritt die GDL rund neun Prozent der knapp 230.000 Beschäftigten der Deutsche Bahn AG. Jedoch: Die Mitglieder der Gewerkschaft sitzen buchstäblich an wichtigen Schaltstellen des Konzerns. Ohne Lokführer fahren eben keine Züge. Dies ermöglicht es der GDL, den Betrieb der Deutschen Bahn mit dem Streik massiv zu beeinträchtigen.

Mit breiter Brust ging die Gewerkschaftsspitze deshalb in die bisherigen Gespräche mit der Bahn. Die Streikziele der GDL orientieren sich nicht zuletzt an den Erfolgen, die andere berufsständische Gewerkschaften wie die Pilotenvereinigung Cockpit und die Ärztevertretung Marburger Bund mit radikalen Forderungen erzielten: "Wir haben natürlich gesehen, dass andere Gewerkschaften mit diesem Vorgehen durchkamen", sagt Gerda Seibert, Sprecherin der GDL. Von den ursprünglichen Forderungen, unter anderem einer Gehaltserhöhung für das Fahrpersonal um 31 Prozent, sei man aber mittlerweile abgewichen und komme der Bahn entgegen. Gleichzeitig verweist man bei der GDL auf die schwierigen Arbeitsbedin-gungen, die hohe Verantwortung und das vergleichsweise geringe Gehalt ihrer Mitglieder. "Seit 1994 ist das Realeinkommen des Fahrpersonals durch Arbeitszeiterhöhungen und Inflation um zehn Prozent gesunken. Ein Lokführer muss heute mit 1.500 Euro Nettogehalt auskommen", so Seibert.

Kein Königsweg für Hartmut Mehdorn

Den Grund für diese Entwicklung sieht man bei der GDL vor allem in den Tarifabschlüssen der Vergangenheit - und damit bei der Tarifgemeinschaft der Bahn. Die Front im aktuellen Arbeitskampf verläuft also nicht nur zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern, sondern auch zwischen der GDL einerseits sowie Transnet und GDBA andererseits. Die Wunde, die der Austritt der Lokführergewerkschaft aus der Gemeinschaft vor fünf Jahren gerissen hatte, ist bis heute nicht verheilt. Dies wurde im Anschluss an die Moderationsversuche Ende August deutlich. Die Vertreter von Transnet und GDBA kündigten die von den Vermittlern Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf vorgeschlagene Zusammenarbeit mit der GDL bei den Tarifverhandlungen endgültig auf. Transnet-Chef Norbert Hansen warf der GDL eine eigene Interpretation des Moderationsergebnisses vor, obwohl die Vereinbarung einen eigenen Gehaltstarifvertrag für die Lokführer möglich gemacht hätte.

Die Fronten zwischen den Gewerkschaften sind verhärtet, und zusätzlich steht Bahnchef Hartmut Mehdorn mit dem Rücken zur Wand: Erfüllt er die Forderungen der GDL nach einem eigenständigen Tarifvertrag, dann würde auch die Friedenspflicht der beiden in der Tarifgemeinschaft verbliebenen Gewerkschaften enden. "Die GDL tritt für eine neue tarifliche Einordnung ihrer Mitglieder ein", sagt der Gewerkschaftsexperte Wolfgang Schröder von der Universität Kassel. "Bei der Bahn fürchtet man dagegen permanente Tarifkonflikte durch Spartisierung und die Auflösung der Tarifeinheit", so Schröder weiter. Ständige und langwierige Arbeitskämpfe oder den deutlichen Anstieg aller Löhne und Gehälter im Konzern könne sich das Unternehmen aber im Hinblick auf den angepeilten Börsengang nicht leisten. So ist zu erwarten, dass der Streik ab Donnerstag nicht die letzte Stresssituation für Bahnreisende wie Bahnhofsmitarbeiter bleiben wird.