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Bank-Chef Ackermann: König der Söldner

Er verdient elf Millionen Euro im Jahr. Seinen besten Leuten schenkt er Milliarden. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann lebt in einer Welt, in der Geld das Maß aller Dinge ist.

Meistens sitzt er einfach nur so da. Den breiten Rücken vorgebeugt, die Ellbogen in den Tisch gestemmt, links ein Anwalt, rechts ein Anwalt, dahinter ein eigens engagierter Stenograf. Er macht sich keine Notizen, liest nicht heimlich Unternehmensakten, er hat bislang auch wenig zu sagen. Dies sind stille Tage im Leben von Josef Ackermann, 56, Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank AG. In den ersten zwei Monaten des Mannesmann-Verfahrens ist er nicht mehr als eine Nebenfigur.

Wenn die Vorsitzende Richterin die Verhandlung schließt, steigt er in seine abgedunkelte Limousine. Manchmal ärgert er sich dann über die nutzlos verstrichene Zeit. Er hat so viel zu tun, er ist einer der wichtigsten Manager des Landes. Seine Bank ist noch immer eine Baustelle, Rendite und Aktienkurs sind weiterhin zu niedrig, ständig gibt es Gerüchte, mächtige Konkurrenten wollten sie übernehmen. Und er hätte so viel zu sagen, über Deutschland, die Reformen und all das. Aber es geht nicht, er trägt den Makel des Angeklagten. Doch Ackermann zeigt seinen Ärger nicht.

Denn das alles hier ist heikel, sehr heikel. Juristisch ohnehin, ein Freispruch vom Vorwurf der schweren Untreue ist nicht gewiss. Unerhört blieben die vorsichtigen Angebote seiner Anwälte an die andere Seite, man könne sich doch friedlich einigen. Würde er verurteilt, wäre das ein Debakel für die Deutsche Bank und das Karriereende für ihn, zumindest vorläufig.

Heikel ist das alles auch, weil hier verschiedene Welten aufeinander treffen, die sonst sauber getrennt sind. Da ist die Welt der Paragrafen von Aktien- und Strafrecht, in der helfen ihm seine beiden Anwälte, sie gehören zu den besten der Republik. Aber da ist auch die so genannte öffentliche Meinung: Zuschauer, Journalisten, die Leute draußen. Die verstehen von alldem nicht viel, aber sie hören von Millionengehältern, Prämien, Abfindungen, sie denken an ihr eigenes Einkommen, dann empören sie sich und sprechen von "Gier". Und schließlich ist da seine, Ackermanns Welt. In der kennt er sich aus. Zu Beginn des Prozesses hat er in zwei langen Erklärungen dargelegt, warum Prämien wie die 31,5 Millionen Mark für Klaus Esser, die auch er absegnete, angemessen, notwendig, legitim, allemal legal waren. Er ist sich seiner Sache sicher. Und dennoch bedroht dieser Prozess seine Welt, weil er sie infrage stellt.

Vorige Woche kam eine neue Meldung aus dieser Welt: Sein eigenes Gehalt ist im vergangenen Jahr um knapp 60 Prozent gestiegen - auf rund elf Millionen Euro, gut 30.000 am Tag, Wochenenden und Weihnachten mitgerechnet. Das kam nicht so gut an da draußen, bei den reformwunden Leuten mit ihren kleinen Gehältern. In Ackermanns Welt ist es ganz logisch. Dort ist Geld nicht etwas, mit dem man sich Hemden kauft oder Brötchen oder Autos. Geld ist der einzige Maßstab für Leistung. Und Leistung hat er ja gebracht: Die Deutsche ist die einzige der großen Banken des Landes, die wirklich Gewinn macht. Der hat sich vergangenes Jahr mehr als verdreifacht, der Aktienkurs verdoppelt.

Schauen wir uns also diese Welt etwas genauer an. Am besten lässt die sich auf seinem Gehaltszettel erkennen, wenn der auch ein bisschen kompliziert ist. Ackermann bekommt rund eine Million Euro Grundgehalt. Dazu kommt ein Jahresbonus, der sich daran bemisst, ob die für das jeweilige Jahr geplante Eigenkapitalrendite erreicht wird. Je höher also der Gewinn vor Steuern ist, desto besser für Ackermann. Die Deutsche Bank hat voriges Jahr eine Eigenkapitalrendite von rund 13 Prozent erzielt, neun Prozentpunkte mehr als im Jahr davor. Das dürfte Ackermann etwa vier Millionen Euro bringen, ausgezahlt in bar.

Auch mittelfristig soll der Chef motiviert werden. Das Instrument dafür heißt Mid Term Incentives. Ihre Höhe hängt von Aktienkurs und Dividende der vergangenen beiden Jahre im Vergleich zu denen anderer Großbanken ab. Deren Aktienrendite legte 2003 um 21 Prozent zu, die der Deutschen Bank um etwa 50 Prozent. Zur Belohnung erhält Ackermann geschätzt rund 1,5 Millionen Euro, ebenfalls in bar.

Zusätzlich dürfte er für 2003 rund 50.000 Aktien der Deutschen Bank erhalten. Allerdings darf er sie erst nach vier Jahren verkaufen. Bei einem Kurs von derzeit etwa 70 Euro sind sie rund 3,5 Millionen Euro wert. Dazu kommen etwa 60.000 Optionen. Das sind Anrechte, Deutsche-Bank-Aktien zum heutigen Kurs zu kaufen, sobald der Kurs dauerhaft 20 Prozent zugelegt hat. Ackermanns Gewinn ist der Unterschied zwischen heutigem Kurs und dem Kurs bei Verkauf. Da den niemand kennt, bewertet die Bank die Optionen nur mit dem, was sie rechnerisch jetzt kosten - weniger als eine Million Euro. Doch mit jedem Euro Kursgewinn sind sie 60.000 Euro mehr wert.
Zusammengerechnet ergibt sich das offizielle "Gehalt", jene elf Millionen Euro. Doch da Ackermann auch für 2002 schon einen Bonus bekam, verfügt er zusätzlich über 75.823 Aktienbezugsrechte und 108.802 Optionen, deren Wert mit der Aktie stiegen. Beim aktuellen Kurs von rund 70 Euro bedeutet das einen zusätzlichen Gewinn von etwa 2,5 Millionen Euro. Eigentlich hat er 2003 nicht elf Millionen, sondern 13,5 Millionen Euro verdient.

Und das Beste für ihn: Diese Effekt verstärkt sich in Zukunft noch, sollte der Kurs der Aktie weiter steigen. Beim Kurs von 84 Euro im nächsten Jahr, einem angenommenen Anstieg um 20 Prozent, kämen allein aus den alten Aktienrechten und Optionen rund drei Millionen Euro zu seinem Gehalt dazu. Am Ende seiner laufenden Amtszeit im Jahr 2006 wird Josef Ackermann schätzungsweise eine halbe Million Aktien und Optionen besitzen. Ihr Wert: zwischen 20 und 40 Millionen Euro, je nach Kurs. Eine Vertragsverlängerung ist möglich, denn Ackermann wird 2006 erst 58 Jahre alt sein. Kein Grund, in Rente zu gehen, auch wenn die noch so üppig wäre: 2003 lagen 13,7 Millionen Euro für die Versorgung der vier amtierenden Vorstandsmitglieder bei der Deutschen Bank bereit. Tendenz: steigend. Doch selbst wenn Ackermann vor 2006 scheitern sollte, hätte er ausgesorgt: Im Falle der Kündigung werden, so sehen es die Verträge vor, die Bezüge für die restliche Laufzeit ausgezahlt - inklusive der zu erwartenden Boni.

Josef Ackermann ist nicht allein in seiner Welt. Zuweilen sagt er, 200 seiner Angestellten (von 67.500) seien das wichtigste Vermögen der Bank. Diese 200 bevölkern Ackermanns Welt. Es sind seine Top-Leute, vor allem die wichtigsten Investmentbanker. Als er 1996 zur Deutschen Bank kam, schloss er mit denen einen Pakt: Er machte sie groß, sie stärkten seine Macht. Erst verband er sich mit der amerikanischen Investmentikone Edson Mitchell, bis der Ende 2000 mit seinem Privatflugzeug verunglückte. Heute gilt der Investmentbanker Anshu Jain - Inder, 40 Jahre alt, residierend in London - als Ackermanns bester Mann. Und heute ist das Investmentbanking der wichtigste Geschäftszweig der Deutschen Bank, und Ackermann ist seit bald zwei Jahren ihr Chef.

Investmentbanker sind anders als die kleinen Bankangestellten, die man aus der Filiale kennt. Sie interessieren sich nicht für Girokonten und Reihenhausfinanzierungen und Kredite für den Mittelstand, sie interessieren sich vermutlich noch nicht einmal für die Deutsche Bank. Sie sind allein an den ganz großen Deals interessiert, mit denen das ganz große Geld zu machen ist, für den jeweiligen Arbeitgeber und vor allem für sich selbst. Sie ziehen die Fäden, wenn sich Konzerne zusammenschließen, wenn sie sich gegenseitig fressen, wenn ganze Unternehmen zerschlagen werden. Sie organisieren Börsengänge und handeln im großen Maßstab mit Wertpapieren.

Nur treu sind sie nicht. Sie kommen wegen des Geldes, sie gehen wegen des Geldes. Sie kassieren Millionengehälter dafür, dass sie das Geld anderer Leute riskieren, zuweilen geht es um Milliarden. Sie zocken nicht mit ihrem eigenen Geld, sondern mit dem der Bank, und die gehört den Aktionären. Geht ein Deal schief, haben die eben Pech gehabt. Gelingt das Geschäft, kassieren die Investmentbanker. Oft kassieren sie selbst dann, wenn es misslingt, weil sie sonst gehen würden. Gibt es anderswo mehr zu verdienen, ziehen sie weiter, gern in ganzen Kohorten. Sie sind die Söldner der Deutschen Bank, Josef Ackermann ist ihr König. Und weil er sie braucht, hat er einen Teil seines Reiches an seine Söldner verschenkt.

Vergangenes Jahr hat die Bank Boni von drei Milliarden Euro (mehr als das Doppelte des Unternehmensgewinns) unter ihren Leuten verteilt, davon 1,4 Milliarden in Aktien. Ein großer Teil der Boni ging an die Investmentbanker. Die Aktionäre, also die Eigentümer der Bank, bekamen nur eine Dividende von 870 Millionen Euro, mehr als 11.000 Jobs wurden abgebaut. Aktien bedeuten nicht nur Geld, sondern auch Eigentum. Mindestens sieben Prozent der Deutschen Bank gehören mittlerweile ihren wichtigsten Leuten. In einem neuen Führungszirkel, dem Group Executive Committee, hat Ackermann ihnen große Macht eingeräumt. Und einige verdienen deutlich mehr als er selbst - bis zu 20 Millionen Euro.

Immer kurz vor Weihnachten beginnen die Verhandlungen mit den Investmentbankern über die Bonuszahlungen, zähe, unangenehme Gespräche, doch die Investmentbanker sitzen am längeren Hebel. Sind die Millionen überwiesen, begeben sich die Herrschaften wieder auf Jobsuche. Findet sich ein solventer neuer Arbeitgeber, wird mit dem alten abermals verhandelt, im Zweifel muss der nachlegen. Ein selbstmörderisches Spiel für die Bank, das wissen auch die Beteiligten, aber sie kennen den Ausweg nicht.

Ackermanns Welt ist ein selbstreferentielles System: Alle machen das so, also müssen alle es so machen. Die Commerzbank hat ihrer Investmenttruppe für 2003 einen Bonus von 130 Millionen Euro gezahlt - bar, obendrauf. Dabei hatte die Abteilung einen Verlust von 32 Millionen Euro eingefahren, die gesamte Bank sogar 2,4 Milliarden Euro, und der normalen Belegschaft sind kurz vor Neujahr die Betriebsrenten gekündigt worden. Robin Saunders, die Top-Investmentbankerin der WestLB (sie kam von der Deutschen Bank), verzockte im Branchen-Mekka London mal eben 700 Millionen Euro. Sie musste gehen - aber nicht ohne einen Bonus von einer Million britischen Pfund. Das ist das Schöne an Ackermanns Welt: Sie schafft sich selbst die Bedingungen, auf die sie sich hernach berufen kann. Wer sich in diesen Tagen bei der Deutschen Bank über den Gehaltssprung des Chefs um vier Millionen Euro erkundigt, wird achselzuckend auf die USA verwiesen: Merrill-Lynch-Chef Stanley O'Neal kassierte 2003 28,1 Millionen Dollar, sein Kollege James Cayne vom Wertpapierhaus Bear Stearns 27 Millionen Dollar, Henry Paulson von Goldman Sachs 21,4 Millionen Dollar. Na dann.

Doch allmählich wird es ungemütlich in Ackermanns Welt. Selbst den alten Gurus der New Yorker Wall Street ist die Maßlosigkeit suspekt. Großanleger Warren Buffett etwa geißelt heute die "Schoßhündchen-Mentalität" von Aufsichtsräten, die horrende Gehaltsforderungen nur abnickten. Buffett, selbst einer der reichsten Männer der Welt, prangert dieser Tage eine "Epidemie der Gier" in der globalen Finanzindustrie an. Deren Stabilität sieht der frühere Superspekulant George Soros gefährdet: Die "liberalen Fundamentalisten", deren einziger Maßstab eine möglichst schnelle, möglichst hohe Rendite sei, entzögen sich jeder Kontrolle.

Auch vor dem Düsseldorfer Landgericht geht es nicht nur darum, was vor vier Jahren bei Mannesmann genau geschah. Es geht um Ackermanns Welt: darum, ob ihre Bewohner weiterhin allein entscheiden dürfen, welche Regeln dort gelten. Am liebsten würden die Ankläger auch beweisen, dass die Angeklagten im vollen Bewusstsein ihres Unrechts handelten. Das wird nicht gelingen, denn dieses Unrechtsbewusstsein gibt es nicht.

Arne Daniels, Frank Donovitz, Jan Boris Wintzenburg / print