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Bertelsmann: Musikverlag steht zum Verkauf

Jetzt ist es amtlich: Nach Aussagen von Vorstandschef Gunter Thielen will der Gütersloher Medienkonzern seinen Musikverlag BMG Music Publishing bis Ende September verkaufen.

Die Unterlagen seien an 15 Bewerber verschickt worden, darunter seien die vier großen Musikunternehmen Universal Music, Sony Music, Warner Music Group und EMI Group sowie eine Reihe von Finanzinvestoren, erklärte Gunter Thielen, Chef von Europas größtem Medienhaus, am Rande des diesjährigen Werbefilmfestivals in Cannes. "Das ist ein verdammt begehrtes Asset", sagt Thielen. "Viele solcher Geschäftsfelder, die drei Mal den Umsatz einbringen, haben wir nicht", betont er. Mit ersten Angeboten für den Musikverlag rechnet der Bertelsmann-Chef in ungefähr einem Monat. "Ich denke in vier Wochen werden wir eine Indikation haben, und Ende September werden wir den Verkauf möglicherweise abschließen", sagte er.

Sony steht nicht zum Verkauf

Bertelsmann kauft den Minderheitsanteil der von dem Investor Albert Frere kontrollierten Investmentgesellschaft Groupe Bruxelles Lambert (GBL) zurück und verhindert so den unerwünschten Gang an die Börse. Dafür muss sich Bertelsmann vorübergehend höher verschulden und trennt sich von BMG Music Publishing, um den Kredit mit dem Erlös teilweise zu tilgen. Der Musikverlag hält unter anderem die Rechte an den Songs der Popstars Christina Aguilera und Coldplay. Führende Branchenköpfe erwarten, dass Bertelsmann für BMG Music Publishing mindestens 1,5 Milliarden Euro erzielen kann.

Interesse hat auch der Chef des Musikverlags, Nicholas Firth. Er prüfe ein Management-Buyout zusammen mit einigen seiner Kollegen, falls ein geeigneter Finanzier Interesse habe, sagte er.

Thielen hatte bereits deutlich gemacht, dass die 50-Prozent-Beteiligung am Musikkonzern Sony BMG nicht zur Disposition stehe. Entgegen anders lautender Medienberichte gebe es keine Pläne, das Gemeinschaftsunternehmen zu restrukturieren, sagte Thielen in Cannes, wo er beim internationalen Werbefestival als "Media Person of the Year 2006" ausgezeichnet wurde. Bertelsmann habe erwogen, den Anteil zu beleihen, das sei aber nicht notwendig. Bertelsmann halte an Sony BMG fest. "Die Piraterie geht zurück, den Schritt ins digitale Zeitalter hat die Musik früher als andere Medien bereits geschafft", sagt Thielen. "Musik wird auch in 100 Jahren noch gehört."

"Media Person of the Year"

Derzeit könnte bei Bertelsmann die Harmonie auch gar nicht größer sein. Zum Festakt der Ernunnung zur "Media Person of the Year" in Cannes, reist die gesamte Vorstandsriege nach Südfrankreich, um zu gratulieren. Und sogar Firmeneignerin Liz Mohn kommt am Vorabend ihres 65. Geburtstages vom familieneigenen Landsitz auf Mallorca übers Mittelmeer gejettet, um bei dem Ereignis dabei zu sein. Wenige Wochen nach der Entscheidung über die größte Transaktion in der 170-jährigen Firmengeschichte - den Rückkauf eines 25-Prozent-Aktienpaketes zum Preis von 4,5 Milliarden Euro - schaut man bei Bertelsmann wieder nach vorn.

So soll der Betrag, mit dem der BGL-Anteil aufgekauft wird, schnell verdaut sein. Ein Pfeiler bei dieser Strategie sind kräftig steigende Firmengewinne. "Wir werden beim operativen Ergebnis zweistellig zulegen", prognostiziert Thielen nach Ablauf von fast sechs Monaten für das Jahr 2006. Im vergangenen Jahr hatte Europas größter Medienkonzern mit operativ 1,6 Milliarden Euro Plus ein Rekordergebnis geschrieben. Auch der Umsatz von 18 Milliarden Euro soll kräftig wachsen und die Mitarbeiterzahl von derzeit 90 000 bald an der Grenze zur Sechsstelligkeit kratzen.

Geschäfte laufen wieder besser

Alle sechs Unternehmensbereiche - vom Fernsehen (RTL) über den Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr ("Stern") bis zum lange Zeit kränkelnden Clubgeschäft lägen besser als im Vorjahr. "Wir haben kaum noch Verlustbringer", sagt Thielen. Die Eignerfamilie von Familienpatriarch Reinhard Mohn, vom 1. Juli an wieder alleiniger Herr im Hause Bertelsmann - wird es gerne hören.

DPA/Reuters / DPA / Reuters