Bilanzfälschung und Betrug Großer Parmalat-Prozess eröffnet


Zweieinhalb Jahre nach der Pleite des Turiner Milch-Multis Parmalat hat ein weiterer Prozess gegen Firmengründer Calisto Tanzi und 63 Mitangeklagte begonnen. Ihnen drohen wegen Bilanzfälschung und betrügerischem Bankrott lange Haftstrafen.

"Der wichtigste Prozess aller Zeiten um Finanzbetrug in Europa" - so nannten Beobachter zuletzt das Strafverfahren gegen die Verantwortlichen des Skandals um den Parmalat-Milchkonzern. Ein Prozess der Superlative ist es allemal, der am Montag in der norditalienischen Stadt Parma begonnen hat: Insgesamt 64 ehemalige Manager und Mitarbeiter sitzen auf der Anklagebank, die Prozessakten umfassen unglaubliche 2,5 Millionen Seiten. Die Richter müssen klären, wie und in welchem Umfang die Ex-Verantwortlichen des Milch- Riesen, darunter Unternehmensgründer Calisto Tanzi, an der Milliardenpleite beteiligt waren. "Von Enron zu Parmalat - Die Prozesse des Jahrhunderts", schrieb die Zeitung "La Repubblica" am Montag.

Hohe Haftstrafen

Welches Strafmaß droht Tanzi und Co.? "Schwer zu sagen", meinte ein Kommentator der Zeitung "La Repubblica". Aber schließlich seien bei den spektakulären Prozessen gegen die früheren Enron- und Tyco-Bosse in den USA auch hohe Gefängnisstrafen verhängt worden. Die Ex-Enron-Chefs Kenneth Lay und Jeffrey Skilling müssen mit mehr als 25 Jahren Haftstrafe wegen Betrugs und Verschwörung rechnen, die ehemalige Nummer 1 bei Tyco Dennis Kozlowski sitzt bereits eine Haftstrafe von 25 Jahren ab.

Auch in Parma lasten die Hauptanklagepunkte schwer: Bilanzfälschung, betrügerischer Bankrott und Gründung einer kriminellen Vereinigung lauten die Vorwürfe. "Immerhin 135.000 Kleinanleger sahen ihre Ersparnisse in Milch ertrinken", kommentierte eine Zeitung. Der Skandal war am 19. Dezember 2003 ins Rollen gekommen, als die Bank of America mitteilte, dass ein angebliches Konto der Parmalat-Tochter Bonlat auf den Cayman-Inseln nicht existiere, auf dem knapp vier Milliarden Euro liegen sollten. Die Ermittlungen ergaben später, dass ein Parmalat-Mitarbeiter einen vermeintlichen Brief der Bank gefälscht hatte. Bonlat soll eigens zur Bilanzfälschung gegründet worden sein.

Tanzi: Desinteresse und Unfähigkeit

Calisto Tanzi hat bereits über 100 Tage im Gefängnis verbracht und steht seither unter Hausarrest. Der heute 68-Jährige ist durch den Skandal sichtlich gealtert, er wirkt schwach und angeschlagen und kämpft mit Herzproblemen. "In meinem Leben gibt es keine Siege mehr. Aber die Zeit wird auch die Niederlagen auslöschen", sagte er zum Prozessauftakt der Turiner Zeitung "La Stampa". "Aber ich bin selbst auch ein Opfer", erklärte er. Von den kriminellen Machenschaften seiner Vertrauten habe er nichts gewusst. "Das war mein Fehler: Mein Desinteresse und meine Unfähigkeit in Finanzfragen", gesteht er.

Bei einem anderen Parmalat-Prozess in Mailand, der bereits im vergangenen September begonnen hatte, bat er zuletzt um Verzeihung: Er empfinde "Schmerz und Reue" und wisse, dass er Schaden angerichtet habe. In Mailand und in Parma sind unter anderem auch Tanzis Sohn Stefano und sein Bruder Giovanni angeklagt - ebenso wie Ex-Finanzdirektor Fausto Tonna, der als einer der Drahtzieher gilt. Der Zusammenbruch des Konzerns unter einem Schuldenberg von fast 15 Milliarden Euro gilt als einer der größten Betrugsskandale der europäischen Unternehmensgeschichte. Seither versucht Insolvenzverwalter Enrico Bondi den Milch-Konzern wieder auf Kurs zu bringen. Im Oktober 2005 wagte Parmalat die Rückkehr an die Mailänder Börse - mit Erfolg.

DPA DPA

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