Aufsichtsräte im Visier Mehr Macht für Kontrolleure


Schmiergeld für einen Infineon-Vorstand, Scheinfirmen bei VW, Ermittlungen gegen Ex-DaimlerChrysler-Mitarbeiter - immer mehr Top-Adressen der deutschen Wirtschaft rutschen in den Korruptionssumpf. Doch wer guckt wem auf die Finger?

Eigentlich arbeiten sie eher im Stillen. Wenn sich die Aufsichtsräte großer deutscher Unternehmen treffen, tagen sie hinter geschlossenen Türen. Und bei den Hauptversammlungen sitzen die Mitglieder meist schweigend auf dem Podium. Doch nach den Affären bei VW und dem Chiphersteller Infineon sind die Aufseher nun selbst ins Visier der Öffentlichkeit geraten: Ist die Kontrolle der Konzerne mangelhaft? Experten fordern seit langem, die Kraft der Aufsichtsräte zu stärken. Und auch im aufziehenden Wahlkampf bahnt sich Streit um die Manager-Aufsicht an.

Kaum offene Debatten

"Wenn der deutsche Aufsichtsrat sich irrt, dann irrt er sich einstimmig", lautet ein geflügeltes Wort in der Wirtschaft. Zu selten komme es in den Runden zu schonungslos offenen Debatten, bemängeln Verbände, Wissenschaftler und Politiker. Die häufig 20-köpfigen Gremien müssten kleiner und effektiver werden, fordert auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Denn zwar seien große Bilanzskandale wie bei Enron in den USA oder Parmalat in Italien hier zu Lande verhindert worden. Dass das deutsche System schlagkräftiger werden sollte, bestreitet aber kaum jemand.

Denn während börsennotierte Firmen in den USA oder Großbritannien mit ihrem hohem Streubesitz stark "von außen" über den Kapitalmarkt kontrolliert werden, wachen die deutschen Aufsichtsräte "von innen" über den Kurs des Unternehmens. Daher kommt es auf Unabhängigkeit an. Anlegerschützer sehen es denn auch mit Sorge, dass bei vielen Großen im Deutschen Aktien-Index (DAX) frühere Vorstandschefs direkt auf den Sessel des Aufsichtsratsvorsitzenden wechseln, um dort ihre eigenen Nachfolger zu kontrollieren - wie Ferdinand Piëch bei VW. Der Druck auf die Konzerne wächst aber bereits, wenn auch nur sanft.

Der Ex-Chef kontrolliert seinen Nachfolger

Ein rasanter Rollentausch solle "nicht die Regel sein", beschloss die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex gerade als neue Empfehlung zur guten Unternehmensführung. Soll der frühere Boss trotzdem Chefaufseher werden, muss es der Hauptversammlung extra begründet werden. Rechtlich bindend ist die Leitlinie zwar nicht. Wenn eine Aktiengesellschaft sich nicht daran halten will, hat sie es aber zumindest jedes Jahr öffentlich zu erklären.

Überhaupt müssen Aufsichtsräte inzwischen höheren Anforderungen gerecht werden, wie eine Befragung des Wissenschaftszentrums Berlin unter Führungskräften ergab. Während traditionelle Themen wie Investitionsplanung oder Finanzierung eher an Bedeutung verlieren, müssen sich die Aufseher zunehmend in Fragen von Umstrukturierungen, Krisenbewältigung und Risikomanagement auskennen. Statt im Nachhinein zu kontrollieren, sollten sie stärker im Voraus an strategischen Weichenstellungen mitwirken.

Gewerkschaftsfunktionäre in der Kritik

Dass in den Skandal bei VW auch Arbeitnehmervertreter aus dem Aufsichtsrat verwickelt sein sollen, gibt der Debatte zusätzliche Schärfe. Aktionärsschützer fordern grundsätzlich schon lange, dass Gewerkschaftsfunktionäre ihre Kontrollmandate an Beschäftigte des jeweiligen Unternehmens abtreten sollen. Die FDP will der Arbeitnehmerseite sogar nicht mehr die Hälfte, sondern nur ein Drittel der Sitze zugestehen. Die rot-grüne Bundesregierung hat dies bisher aber strikt abgewehrt.

Weitgehende Einigkeit herrscht indes darüber, dass Aufsichtsräte für eine höhere Verantwortung auch gut honoriert werden sollen. Viele Konzerne haben die Saläre in den vergangenen Jahren angehoben und ergebnisbezogene Teile eingeführt. Dass die Kontrolleure ihre Bezüge individuell ausweisen sollen, legt ihnen aber auch weiterhin nur eine freiwillige Empfehlung nahe - das gerade verabschiedete Offenlegungs- Gesetz gilt nur für Topmanager.

Sascha Meyer/DPA DPA

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