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Börsengang: Herr Mehdorn, warum verkaufen Sie unsere Bahn?

Ausländische Investoren wollen einsteigen. Mit gutem Grund. Die Bahn ist mehr wert, als sie kosten soll. Hartmut Mehdorn kann es kaum erwarten.

Von Interview: Norbert Höfler, Jan Boris Wintzenburg

Herr Mehdorn, jedem Deutschen gehört ein kleines Stück Bahnhof, Gleis oder ICE. Warum wollen Sie unsere Bahn verkaufen?

Die Bahn braucht ständig Geld. Züge, Gleise und Anlagen müssen erhalten und modernisiert werden. Die Bahn hat vor zwölf Jahren aufgehört, eine Behörde zu sein. Sie muss wachsen - wie jedes andere Unternehmen auch. Außerdem ist der Bund - ich will es mal lieb ausdrücken - in Geldnot. Deshalb sagen wir: Hey, Bund, verkauf einen Teil deines Vermögens, damit wir uns frisches Kapital aus dem Markt holen können - zum Wohle von Kunden und Steuerzahlern.

Zum Verkauf stehen 63270 Kilometer Gleise, 5707 Bahnhöfe, 232 ICE-Züge ...

Wenn Sie so wollen. Tatsächlich stehen Aktienanteile zum Verkauf. Auf den Aktien steht nicht drauf, ob sie Schiene oder Bahnhof sind. Es geht um ein Unternehmen, das in diesem Jahr einen Umsatz von über 28 Milliarden Euro und kräftig steigende Gewinne machen wird.

Was hat der Bahnkunde vom Börsengang?

Er profitiert davon, dass wir mit neuem Kapital den Modernisierungsprozess der Bahn fortsetzen können. Der Kunde bekommt einen besseren Service und fährt pünktlicher, sauberer und noch sicherer.

Wird Bahnfahren auch billiger?

Es wird sicher nicht billiger. Wir werden insgesamt aber auch nicht teurer werden.

Als die Telekom an die Börse ging, sanken die Gebühren in wenigen Jahren um ein Vielfaches. Nur bei Ihnen bleibt's teuer?

Wir werden nichts versprechen, was wir nicht halten können. In den letzten 18 Monaten sind die Dieselpreise um 70 Prozent und die Strompreise um 60 Prozent gestiegen. Wir sind Deutschlands größter Energieverbraucher.

Die Bahn hat in den vergangenen Jahren mehr als 100000 Arbeitsplätze abgebaut, um fit für die Börse zu werden. Wie viel Jobs kostet der Börsengang noch?

Keinen.

Sie verdienen geschätzt eine halbe Million Euro im Jahr. Steigt Ihr Gehalt nach dem Börsengang?

Nein, ich bekomme keinen Bonus oder irgendetwas; das ist meine normale Arbeit.

Sie schreiben mit dem Börsengang Wirtschaftsgeschichte. Das motiviert Sie doch?

Nein!

Das glauben wir Ihnen nicht.

Ich bin kein Industrieschauspieler. Mir wird hier dauernd unterstellt: Mehdorn will sich ein Denkmal setzen.

Der Börsengang ist doch auch Ihr Egotrip ...

Das können Sie vergessen. Streichen Sie das! Null! Ich brauche keinen Egotrip.

Haben Sie keinen Spaß daran, das durchzukämpfen?

Klar, ich habe Spaß daran. Wenn es einfach wäre, bräuchte man mich nicht. Ich bin von der Richtigkeit des Zieles überzeugt, dass die Bahn ein ganz normales, kundengetriebenes Unternehmen wird. Am Anfang haben mir viele gesagt: Mehdorn, das schaffen Sie nie! Ha, ha! Aber wir haben viel geschafft. Da haben sich andere getäuscht - nicht ich, nicht meine Mannschaft. Wir haben unseren schweren Job gemacht.

Kaufen Sie selber Bahnaktien?

Nein.

Spricht nicht gerade von Vertrauen in die Firma, wenn nicht mal der Chef einsteigt.

Im Gegenteil. Ich finde es nicht gut, wenn derjenige, der eine Firma leitet, mit Aktien des eigenen Unternehmens handelt. Ich möchte nie in den Geruch kommen, Insidergeschäfte zu machen. Deshalb kaufe ich keine Bahnaktien.

Wer soll die Aktie zeichnen?

Wir reden mit institutionellen Anlegern, etwa Rentenfonds. Wir informieren heute schon Investoren in Japan, China, Amerika und im Nahen und Mittleren Osten. Für diese Anleger ist der Börsengang kein Überraschungsei, die stehen bereit.

Welche Rendite versprechen Sie den Ölscheichs, den Investoren in Japan und den Heuschrecken in Amerika?

Wir sagen: Lieber Aktionär, wenn du uns kaufst, garantieren wir dir, dass du die marktüblichen Zinsen bekommst plus einen Schnaps drauf. Und du wirst zusätzlich davon profitieren, dass das Unternehmen Jahr für Jahr wächst und wertvoller wird.

Die marktüblichen Zinsen liegen nur zwischen 4,5 und 5 Prozent ...

Auf Zahlen lege ich mich jetzt nicht fest.

Sie geben immerhin 49 Prozent der Bahn aus der Hand. Können Sie da nicht schneller, als Ihnen lieb sein kann, die Kontrolle über das Unternehmen verlieren?

Im schwärzesten Fall - malen wir mal die hässlichste Heuschrecke an die Wand, die es gibt - kann die 49 Prozent kriegen. Und was macht sie damit? - Gar nix! Außer dass sie eine sichere Anlage hat.

Sie kann Ihnen das Leben ganz schön schwer machen.

Kann sie nicht. Die Heuschrecke könnte nur eines wollen: das gesamte Unternehmen übernehmen, um es zu zerschlagen. Aber sie kriegt es nicht. Was soll die Heuschrecke mit 49 Prozent? Sie wird nie 51 Prozent kriegen, denn die gehören dem Bund. Punkt, aus, Feierabend.

Aber dann haben Sie keinen Spielraum für Kapitalerhöhungen?

Der Bund kann theoretisch 49 Prozent verkaufen. Aber er wird das nicht tun. Wir raten ihm: Verkauf erst mal 35 Prozent. Da hat er Luft nach oben. Der Bund wird nie etwas tun, was seine 51 Prozent verwässert. Warum sollte er? Ich sage Ihnen das noch mal: Uns kann keine Heuschrecke auffressen.

Wie viel Geld ist die Bahn denn wert?

Der Wert liegt laut unabhängiger Gutachter bei mindestens 18 Milliarden Euro für das gesamte Unternehmen. 49 Prozent wären dann eben knapp die Hälfte, aber das entscheiden Angebot und Nachfrage.

Also rund neun Milliarden Euro?

Weniger sollten es nicht sein.

Und das Geld, das durch den Verkauf hereinkommt, steht dann für Investitionen in moderne Züge und Bahnhöfe zur Verfügung?

Das beschließt am Ende der, dem die Firma gehört. Aber jeder wusste bei der Gründung der Bahn AG: Wenn man sie endgültig privatisiert, muss man das Eigenkapital aufstocken. Aber ein großer Teil des Erlöses wird beim Bund bleiben.

Dann ergibt doch der Börsengang für die Bahn wenig Sinn. Die Firma braucht dringend Geld, aber der größte Anteil fließt in die Bundeskasse, weil der Staat klamm ist?

Es ist ja nicht mein Geld. Es ist das Geld des Bundes. Und der bekommt einen großen Brocken, um damit in der Bildung oder in welchem Etat auch immer etwas Ordentliches zu bewegen.

Kritiker sagen, Mehdorn verkauft die Bahn viel zu billig, es gebe ungehobene Schätze in Ihren Bilanzen. In den vergangenen zehn Jahren haben Sie etwa 90 Milliarden Euro investiert. Knapp 40 Prozent davon sind Investitionszuschüsse des Bundes - also Steuergelder - gewesen. Wo sind die in Ihrer Bilanz?

Ein Zuschuss wird nicht in eine aktive Bilanz mit einbezogen. Wenn Bund, Land und Kommunen einem Autohersteller Geld für eine neue Fabrik geben, taucht das auch nicht in der Unternehmensbilanz auf. Alles, was wir an Infrastrukturinvestitionen gemacht haben, ist in unserem Anlagewert von 40 Milliarden Euro in der Bilanz enthalten.

Da stimmt doch was nicht. Sie sind mit 56 Milliarden Euro Anlagewert 1994 in die Bahnreform gegangen, haben in den letzten zehn Jahren 90 Milliarden Euro in Brücken, Gleise, Anlagen und Fahrzeuge gesteckt und kommen heute auf 40 Milliarden Euro?

Einspruch, die Eröffnungsbilanz der DB AG hatte ein Anlagevermögen von rund 13 Milliarden Euro.

Weil schon vorher viele Milliarden einfach gestrichen wurden. So oder so heißt das, es sind mindestens 63 Milliarden Euro irgendwo verdunstet.

Nein, die sind da. Die sind zum Teil die nächsten hundert Jahre da und werden genutzt.

Aber wieso steht das nicht in der Bilanz?

Die Zuwendungen des Bundes stehen im Bundeshaushalt, nicht in unserer Bilanz.

Aber die Gleise, Tunnel und Brücken, die damit gebaut wurden, gehören doch jetzt der Bahn und sollen verkauft werden?

Das ist eine Investition, die der Bund so auch in die Autobahn machen würde. Die Strecken kann ja nie einer wegtragen oder verkaufen.

Wir Steuerzahler haben in den vergangenen Jahren Milliarden in die Bahn gesteckt und müssen der Bahn in den nächsten zehn Jahren noch mal 25 Milliarden Euro als Investitionszuschüsse für Gleise und Anlagen geben. Und Sie verkaufen die Bahn für einen Bruchteil davon. Das ist doch komisch?

Sie machen da irgendwo einen Bruch, der so nicht erlaubt ist. Die Bahn ist quasi im Gemeinwohl mit dem Bund verwoben. In diesem Land gibt es eben Schienennetze. Die werden durch Zuwendungen des Bundes bezahlt, und die bleiben da. Das ist doch etwas anderes als eine Montagestraße bei VW.

Wieso denn? Die kann man auch nicht wegtragen. Die steht in Wolfsburg.

Die können Sie abschrauben und wegtragen und in China wieder aufbauen.

Die Chinesen haben in Dortmund ein ganzes Stahlwerk abgebaut. Wieso also nicht auch eine Eisenbahnbrücke oder einen Bahnhof?

An der Stelle machen Sie Ihren Fehler. Das Grundgesetz garantiert denen, die sich kein Auto leisten können, Mobilität mit Bus und Zug. Das ändert sich überhaupt nicht, egal, wem die Bahn gehört.

Sie wollen unsere Frage nicht beantworten. Sie bekommen für 49 Prozent der Bahn neun Milliarden Euro. Das ist doch ein schlechtes Geschäft. Wo ist unser Geld?

Das Schienennetz ist kein Wirtschaftsgut. Die Bahn hat einen Preis, der sich am Ertragswert orientiert. Punkt. Das andere ist abgeschrieben und wird weiter im Sinne dessen, der investiert hat, genutzt.

Das Schienennetz ist unrentabel, und trotzdem wollen Sie es mit an die Börse nehmen?

Weil die Bahn sonst so nicht funktioniert, wie es die Kunden zu Recht erwarten.

Warum gehen Sie statt an die Börse nicht an den internationalen Finanzmarkt und begeben eine Bahn-Anleihe? Da kriegen Sie die Milliarden für einen festen Zinssatz.

Wir nutzen das schon heute. Wir haben in der Größenordnung von elf Milliarden Euro Anleihen.

Die Bahn muss also gar nicht zwingend an die Börse. Sie kann sich auf anderem Wege Geld besorgen und dafür Zinsen bezahlen?

Klar. Es gibt immer sieben Wege zum Ziel. Aber der Börsengang ist der beste.

Wäre der Kapitalmarkt nicht günstiger?

Jedes Unternehmen braucht ein gesundes Verhältnis von Eigen- und Fremdkapital. Sie können eine Firma nicht nur mit Schulden finanzieren.

Aber nur für die Börse müssen Sie Gewinne machen. Als Staatsbahn könnten Sie plus/ minus null wirtschaften, und die Tickets wären billiger.

Wollen Sie zurück in die DDR - zurück zur Staatsbahn? Wenn Sie ein Unternehmen führen, das keine Gewinne macht, sollten Sie das besser gleich schließen. Sie können dann nämlich nicht mehr investieren. Das frisst sich selber auf und ist kaputt. So war die DDR, so war die Deutsche Bundesbahn. Genau das wollen wir nicht mehr. Wir wollen ein ganz normales Unternehmen sein, das sein Geld und sein Glück darin sieht, Kunden zu gewinnen und denen guten Service zu bieten.

In den nächsten zehn Jahren geben wir Steuerzahler der Börsen-Bahn 2,5 Milliarden Euro jedes Jahr.

Sie irren.

Das sagt Wolfgang Tiefensee, der Verkehrsminister. Der muss das doch wissen?

Wir haben in Deutschland 63000 Kilometer Bahngleise. Dieses Netz zu erhalten ist der Bund gesetzlich verpflichtet.

Aber das Geld fließt an die Bahn: 2,5 Milliarden Investitionsmittel pro Jahr.

Um das zu erhalten, was wir haben. Das hat mit der Privatisierung nichts zu tun.

Wir Steuerzahler zahlen in Zukunft diese 2,5 Milliarden Euro, damit Sie dem Investor in Dubai, Japan oder den USA eine ansprechende Rendite zahlen können.

Aber die Rendite erzielen doch auch unsere Wettbewerber, die auf deutschen Schienen fahren. Da ist die britische Arriva, da ist die französische Bahn. Es ziehen Hunderttausende eine Rendite aus dem deutschen Autobahnnetz, das übrigens ein Vielfaches kostet. Das rührt Sie nicht?

Das wird ja auch nicht verkauft.

Die Bahn auch nicht. Der Bund behält die Mehrheit.

Noch gibt es keinen Mehdorn, der die deutschen Autobahnen verkaufen will.

Sie haben eine Mehdorn-Phobie. Das hat doch nichts mit mir zu tun. Ich sage Ihnen voraus: Auch über die Straßenprivatisierung werden wir nachdenken müssen - wie in Frankreich oder Italien.

Wie viele ehemalige Staatsbahnen sind denn in Europa schon an der Börse?

In Europa keine, aber wir sind ja auch mit Abstand die beste Bahn und reif dafür.

Aber wenn wir Ihnen die jährlich 2,5 Milliarden Euro Staatshilfen streichen, schreiben Sie rote Zahlen.

Sie mögen es anscheinend sozialistisch. Sie möchten wieder die Staatsbahn zurück; das höre ich heraus. Aber der Staat gibt der Bahn nie das Geld, das sie braucht. Er hat doch selber keines. Der Bundesbahn hat man damals nicht mal Mittel für Investitionen gegeben. Und dann hat dieses Land die Nase gerümpft und gejammert: Bei der Bahn geht es nicht voran! - So eine Dreistigkeit! Wir stellen die Bahn jetzt auf eigene Füße. Die Politiker sollen uns von der Kette lassen, dann lassen wir sie auch schrittweise aus ihren Investitionen raus. Wir sind Europas größtes Mobilitätsunternehmen. Wir sind ein Leuchtturm im Fenster der Deutschen in Richtung Europa. Einer ist immer der Erste, und das sind wir.

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