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Börsenkurse: Zeit für Zocker

Wenn Profis an der Börse den Durchblick verlieren, halten sich Privatanleger lieber fern. Wer aber das Risiko liebt, sollte zuschlagen. Die Chancen stehen gut, Aktien mit Potenzial zu finden.

Von Georgia Hädicke

Die Börse ist bisweilen ein martialischer Ort. "Die guten Nachrichten werden nur mit halbherziger Freude aufgenommen, bei schlechten Nachrichten wird den Unternehmen die Kehle durchgeschnitten", kommentierte ein Analyst von BNP Paribas das Marktgeschehen.

So sieht es an den Aktienmärkten zurzeit aus, als habe jemand mit der Machete über die Kurse gemäht. Der Dax büßte vergangene Woche mehr als zehn Prozent ein, an anderen Handelsplätzen sah es kaum besser aus. "Wir merken derzeit, dass wir kein Fukushima brauchen, damit der Dax unter 7000 Punkte sackt", sagt Stefan Klomfass, Leiter des institutionellen Wertpapiergeschäfts beim Fondshaus SEB Asset Management.

Vorzeichen einer neuen Finanzkrise?

Privatanleger stellt der Sinkflug der Kurse vor besondere Schwierigkeiten, weil die Ursachen für die Weltuntergangsstimmung aus mehreren Ecken kommen. Die Liste der Sorgenkinder ist lang: Die Schuldenkrise in der Euro-Zone, die Furcht vor einer wirtschaftlichen Abkühlung in den Schwellenländern, eine enttäuschende Berichtssaison und seit dem Wochenende natürlich die bange Frage, welche Folgen die Ratingherabstufung der USA für die Finanzmärkte hat.

Zusammengerührt ergeben sie das berüchtigte "Marktsentiment"- und das ist derzeit vor allem nervös. Selbst die Diagnosen der Finanzprofis gehen in der Frage auseinander, ob es sich bei der Abwärtsbewegung nur um eine Korrektur oder schon um die Vorzeichen einer neuen Finanzkrise handelt.

"Wir sind bei Aktien schon deutlich vorsichtiger geworden und gewichten sie in unseren Portfolios bereits seit einigen Wochen nur noch neutral", sagt Klomfass. Er glaubt nicht daran, dass die Zitterpartie schon vorbei ist. "Analysten haben zu lange blind darauf vertraut, dass die Konjunkturentwicklung gut ist." Daran kommen nun Zweifel auf. Die Einkaufsmanagerindizes, die gemeinhin als gute Indikatoren für die künftige Entwicklung der Wirtschaft angesehen werden, schwächeln in großen Teilen des Euro-Raums, in den USA und auch in einigen Schwellenländern wie Brasilien.

Wer nicht mutig ist, sollte nicht kaufen

"Aktieninvestoren haben schlechte Nachrichten zu lange ignoriert", sagt Uwe Zimmer, Vorstand des Kölner Vermögensverwalters Meridio. Für einen Ausstieg sei es noch nicht zu spät. "Wer als Anleger die Entwicklungen über die vergangenen Tage mitgemacht hat, sollte spätestens jetzt genug haben", sagt Zimmer. Auch andere Vermögensverwalter sind davon überzeugt, dass der Trend weg vom Risiko anhalten wird. Wer sich nicht zu den sehr Mutigen zählt, sollte sich mit Aktienkäufen zurückhalten. "Treppenartige Kurssprünge werden immer wieder vorkommen, nach oben wie nach unten", sagt SEB-Manager Klomfass.

Manfred Hofer, Aktienanalyst bei LGT Capital Management, rät sowohl investierten Anlegern als auch solchen, die noch einsteigen wollen, zur Vorsicht: "Es ist ratsam, am Markt eine Bodenbildung abzuwarten." Panische Verkäufe seien jedoch die falsche Reaktion. Hofer rechnet demnächst zumindest mit einer kurzfristigen Gegenbewegung. "Ob das dann allerdings schon eine Bodenbildung ist, muss man abwarten", sagt er. "Jetzt ist vor allem Geduld gefragt", schreibt John Chatfeild-Roberts, Investmentchef beim Londoner Fondshaus Jupiter Asset Management, in einer am Freitag veröffentlichten Analyse. Die Schwankungen würden auch Anlagepotenzial bieten.

Krisenzeit als Kaufgelegenheit

Das mag richtig sein, haben sich Krisenzeiten rückblickend doch immer wieder als Kaufgelegenheit entpuppt. Wer Spielgeld übrig und Freude am Risiko hat, kann sich Aktien solider Konzerne heute deutlich günstiger ins Depot legen als noch vor einigen Wochen. Gerade am deutschen Markt stehen die Chancen gut, unterbewertete Aktien zu finden, meinen Experten. Viele Firmen würden zu Unrecht mit hohen Kursabschlägen gehandelt.

Zwar blieben in Deutschland mehr als 50 Prozent der Konzerne mit ihren Quartalsberichten hinter den Erwartungen der Analysten zurück. Das ist nach Meinung vieler Vermögensverwalter jedoch vornehmlich darauf zurückzuführen, dass die Erwartungen von vornherein zu hoch waren. "Gerade deutsche Unternehmen sind im Moment eigentlich gut aufgestellt", sagt Christoph Ohme, Fondsmanager für deutsche Aktien beim Investmenthaus DWS. Er geht davon aus, dass Verluste aus höheren Rohstoffpreisen und Löhnen bereits teilweise eingepreist sind. Allerdings müssten Investoren künftig stärker unterscheiden, welche Firmen wirklich durch solide Zahlen überzeugen und welche nur im bisherigen Aufwärtstrend mitgeschwommen sind.

Besonders nach dem Ratingschock vom Wochenende ist allerdings klar, dass die Schnäppchenjagd am Aktienmarkt wirklich nur etwas für mutige Naturen ist. "Der Aufwärtstrend ist erst mal vorbei", sagt Hofer. "Wir rechnen für die kommenden Monate noch mit einer starken Volatilität." Entspannung sei erst zu erwarten, wenn Politik und Notenbanken mehr Einigkeit demonstrierten. Hofer: "Dies ist die Voraussetzung, um Vertrauen zurückzugewinnen, was wieder Raum für eine Aufwärtsbewegung öffnen würde."

FTD
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