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Die Schuldenkrise und der Börsenabsturz: Endlich abwärts

Am Aktienmarkt geht es kräftig bergab. Endlich. Denn eine Welt, die seit Jahrzehnten auf Pump lebt, hat keine stabile Börse verdient - sondern braucht einen reinwaschenden Finanzorkan.

Ein Kommentar von Dirk Benninghoff

Endlich. Lange haben sich die Börsen von der Realität abgekoppelt, nun hat es sie erwischt. Es war höchste Zeit. Griechenland klinisch tot, Portugal und Irland auch schon im Krankenhaus, Spanien und Italien auf dem Weg dahin, - und im Hintergrund die Angst um die USA. Und was machte der Dax: Bewegte sich Ende Juli in etwa auf dem Niveau vom Februar. Zu schön, um wahr zu sein.

Man muss sich einmal verdeutlichen, was seit dem Februar passiert ist: In Japan geschah der Super-GAU, Griechenland brauchte neue Milliarden, Portugal schlüpfte unter den Euro-Rettungsschirm, Italien und Spanien gerieten ebenfalls in den Strudel der Krise, die USA wurden sich bewusst, dass die kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stehen - und ihre Wirtschaft kommt anders als erwartet nicht auf die Beine. Kurzum: Die Welt taumelt. Dem Aktienmarkt war es egal.

Bis zu dieser Woche. Die Talfahrt am Donnerstag und Freitag ist nur ein Ausdruck der Vernunft, ein Zeichen dafür, dass die Investoren am Aktienmarkt die Wirklichkeit eben doch noch nicht ganz ausgeblendet haben - und wahrnehmen, dass die Menschheit monströse Schulden aufgebaut hat, die sich nicht wie Schrott ins Weltall abschieben lassen und dann aus der Welt sind, sondern eines bösen Tages einfach fällig werden. Und dieser Tag rückt näher. Es funktioniert nicht mehr, seine Schulden einfach weiter zu erhöhen und den großen Zahltag auf nimmer Wiedersehen in die Zukunft zu verschieben. Statt Haushaltsüberschüsse für den Schuldenabbau auszugeben, wurden lieber Steuergeschenke verteilt. Hauptsache Wähler, Hauptsache Wachstum.

Panik? Vernunft!

Doch die Prioritäten haben sich verschoben. Und warum? Weil der vermeintlich böse Finanzmarkt nicht mehr bereit ist, den ewigen Schuldenmachern, zu denen fast alle Staaten der westlichen Welt und Japan gehören, zu erträglichen Konditionen weiter Kredit zu gewähren. Weil er, in dem er die Renditen von Staatsanleihen Italiens, Spaniens oder Griechenlands nach oben treibt, klar macht: Entweder Ihr zahlt viel mehr Zinsen, oder es gibt nichts mehr. Dass viel mehr Zinsen für genannte Staaten kaum oder gar nicht machbar sind, war dem vermeintlich bösen Markt bewusst. Während die Aktienmärkte also ihr Spiel jenseits der Wirklichkeit weiter trieben, sendeten die Investoren bei den Staatsanleihen unerbittliche, aber notwendige Signale. Sie haben Südeuropa nicht in die Krise getrieben, sondern sie haben auf die riesigen Probleme, in die die Eurozone hineinsteuert, erst aufmerksam gemacht. Leider etwas spät.

Jetzt von Irrationalität oder gar Panik an den Börsen zu sprechen, wird den Märkten nicht gerecht. Angesichts der desaströsen Gesamtlage einer Welt, deren Staaten häufig über mehr Schulden als Wirtschaftsleistung verfügen, nehmen sich die bisherigen Verluste harmlos aus.

Aber warum geht es denn auf einmal so kräftig bergab?, fragt sich der ratlose Anleger. Dumme Äußerungen aus Europa waren am Donnerstag nur der "Trigger", der Auslöser. Dass José Manuel Barroso ohne Absprache und unverhohlen öffentlich von einer Ausweitung der Eurokrise fabuliert zeigt nur einmal mehr, wie überfordert die EU mit der Situation ist. Viel entscheidender für die Grundstimmung jedoch: die US-Krise. Zum ersten Mal hat die Börsenwelt mitbekommen, dass die Amerikaner riesige Probleme haben, sich weiter auf Pump zu finanzieren. Amerika war stets der Motor der globalen Geldmaschinerie. Dieser Motor fällt für längere Zeit aus. Kein Konsum, keine Jobs, zerstrittene Eliten und keine Idee, wie es besser wird. Unter Obama ist das Land in schlimmerem Zustand als je zuvor. Jüngste Konjunkturzahlen gaben einen Eindruck, wie schwach das Land wirklich ist. Es wird die Welt noch schwer belasten.

Die Wende?

Der Absturz wird wohl kommende Woche weiter gehen. Das wird die Finanzen einiger Menschen belasten. Ihnen sei an dieser Stelle Mitgefühl ausgesprochen. Wer die Verluste nicht aussitzen mag, kann immerhin Gold kaufen oder Quasi-Nullzins-Bundesanleihen. Viel Geld gibt es erstmal nicht zu verdienen, aber der Bürger wird auch nicht zwangsläufig ärmer.

Der finanziell weniger involvierte, vernünftige Beobachter darf sich freuen: Endlich hat die Börse gemerkt, dass die Welt aus den Fugen geraten ist, und - wenn auch noch immer viel zu verhalten - reagiert. So beginnen Wenden zum Guten.

  • Dirk Benninghoff