HOME

Tübingens Oberbürgermeister: Unterschiedliche Hautfarben - Grünen-Politiker Boris Palmer empört sich über Bahn-Werbung

Die Deutsche Bahn wirbt mit Fotos von zufriedenen Reisenden, darunter sind auch Prominente. Doch Tübingens Oberbürgermeister passt die Wahl der Hautfarben nicht in den Kram.

Boris Palmer schaut ernst

Boris Palmer eckt mit seinem Facebook-Post in den eigenen Reihen an. Grünen Parteikollegen gefiel seine Kritik an der Deutschen Bahn gar nicht.

DPA

Boris Palmer eckt gern mal an und vertritt Positionen, die ihm viel Kritik einbringen. Nur wenige Wochen, nachdem der Tübinger Bürgermeister Grundstücksbesitzern, die partout nicht bauen wollen, mit Enteignung gedroht hatte, tritt er die nächste Welle der Empörung los. Dafür empörte sich der Grünen-Politiker zunächst selbst – und zwar über die Deutsche Bahn.

Anlass für Palmers Unmut ist eine Reihe von Fotos, mit denen das Unternehmen auf seiner Startseite für sich wirbt. Darauf zu sehen sind mehrere sehr zufrieden aussehende Bahnkunden mit unterschiedlichen Hautfarben, darunter eine dunkelhäutige Mutter mit einem Kind, TV-Koch Nelson Müller – ebenfalls dunkelhäutig – und die türkisch-stämmige Moderatorin Nazan Eckes, ihrerseits eher hell. Mit dabei auch Nico Rosberg, der ja bekanntlich ebenfalls eine helle Hautfarbe hat. Für Vielfalt ist in der Werbung also gesorgt.  Palmer kritisiert diese Kampagne und fragt auf Facebook, welche Gesellschaft das abbilden solle. "Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die "Deutsche Bahn" die Personen auf dieser Eingangsseite ausgewählt hat“, merkt er an – und schickt die Einschätzung vorweg: "Der Shitstorm wird nicht vermeidbar sein".

Ja, Boris Palmer bekommt einen Shitstorm ab

Mit letzterer Einschätzung sollte Palmer recht behalten. Eine Nutzerin fragt etwa, wann der Grünen-Politiker "endlich zu den Rassisten" wechseln würde. Aber auch in den eigenen Reihen sorgt er mit seinem Post für Empörung. Daniel Lede Abal, der Tübinger Landtagsabgeordnete der Grünen, bezeichnete laut DPA Palmers Worte als "einfach völlig daneben". "Das ist das Deutschland, das dem Tübinger OB offenbar fremd geblieben ist", wurde er zitiert. "Wenn er als Oberbürgermeister mit so einer Stadtgesellschaft nicht zurechtkommt, sollte er sich jetzt überlegen, ob er Oberbürgermeister bleiben kann." Der grüne Gemeinderat Tayfun Tok aus Murr in der Nähe von Marbach entgegnete Palmer auf Twitter, dass auf der Bahn-Kampagne ja wohl noch etwas fehle: "Döner, ein lesbisches Pärchen und eine Frau mit Kopftuch".

Der shitstorm wird nicht vermeidbar sein. Und dennoch: Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die...

Gepostet von Boris Palmer am Dienstag, 23. April 2019

Der nordrhein-westfälische Grünen-Politiker Ali Bas fand weniger ironische Worte und forderte auf Twitter: "Es wird Zeit den Hut zu nehmen, Herr #Palmer!"

Einge Menschen pflichteten Palmer aber auch bei. Eine Facebook-Nutzerin schrieb etwa, die Bahn mache "krampfhaft auf Multikulti" und habe selbst noch nicht bemerkt, dass der Zug längst abgefahren sei. Und ein anderer fragte in die Runde, warum in Aldi-Katalogen immer "mindestens ein Farbiger" abgebildet werde.

Palmers Partei, den Grünen, war die Facebook-Anmerkung des Tübinger Stadtvaters offenbar peinlich. Die Bundespartei lobte die Werbekampagne der Bahn demonstrativ. "Die Bahn ist für alle da, und dass sie mit Vielfalt wirbt, begrüße ich", ließ sich Bundesgeschäftsführer Michael Kellner von der  DPA zitieren. "Es zeigt die gesellschaftliche Realität." Seine Partei streite lieber für pünktliche Züge und billigere Bahn-Tickets, sagte er. "Wer in den Zug steigt, ist uns herzlich egal."

Palmer selbst war das Ganze nicht peinlich. Im Gegenteil – er legte eine Stunde, nachdem der Shitstorm auf seiner Seite losgebrochen war, noch einmal nach und schrieb: "Alle, die mich jetzt fragen, warum ich dieses Thema aufgreife, frage ich zurück: Wenn die Auswahl dieser Bilder vollkommen belanglos, normal, unbedeutend ist, warum regt ihr euch dann so auf? Was wir hier diskutieren, ist Identitätspolitik. Und zwar von Rechts wie Links. Die einen sagen, man wisse nicht mehr, in welchem Land man lebt, die anderen bekämpfen alte weiße Männer. Und gemeinsam haben die Identitätspolitiker es ziemlich weit damit gebracht, uns zu spalten."

Irgendwann jedoch wurde es ihm dann doch zu viel. Palmers letzter Beitrag zu der von ihm losgetretenen Debatte liest sich so:  "Nach vier Stunden sind es 1500 Kommentare. Schlicht zu viele. Ich werde das nicht lesen oder antworten."

Deutsche Bahn reagiert auf Palmers Kritik

Eine Reaktion bekam er dann aber wohl doch noch mit - sie kam ja auch nicht über Facebook. Denn auch die Deutsche Bahn äußerte sich zu Palmers Bemerkungen:  "Herr Palmer hat offenbar zum wiederholten Male Probleme mit einer offenen und bunten Gesellschaft", sagte ein Bahn-Sprecher der DPA. "Solch eine Haltung lehnen wir ab." Nico Rosberg, Nazan Eckes oder Nelson Müller stünden "für besondere Talente, die viele Menschen begeistern". Sie passten zur aktuellen Werbekampagne und seien "positive und repräsentative Identifikationsfiguren".

Palmer jedenfalls kann - oder will - sich mit dieser Auswahl von Bahn-Botschaftern nicht identifizieren. So viel ist nach seinem Facebook-Post klar.

Bahn präsentiert ICE 4