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Weniger schuften ab 60: Chemiegewerkschaft will Drei-Tage-Woche für Ältere

In deutschen Chemiefirmen herrscht oft Schichtbetreib. Die Chemiegewerkschaft IG BCE bezweifelt, dass die alternde Belegschaft die Arbeit bis 67 durchhält und sieht in der Drei-Tage-Woche die Lösung.

Die IG BCE verhandelt bundesweit für 1900 Betriebe mit insgesamt rund 550.000 Mitarbeitern

Die IG BCE verhandelt bundesweit für 1900 Betriebe mit insgesamt rund 550.000 Mitarbeitern

Die Chemiegewerkschaft IG BCE will Arbeitnehmern über 60 zum Ende ihres Berufslebens spürbar reduzierte Arbeitszeiten ohne erhebliche Abschläge bei Einkommen und Rentenniveau ermöglichen. Die Chancen auf Vier- und später sogar Drei-Tage-Wochen sollen in der nahenden Tarifrunde erstritten und mit Hilfe der Politik auch von der staatlichen Rentenkasse unterstützt werden. "Wir wollen die Menschen befähigen, länger in den Betrieben arbeiten zu können", sagte IG-BCE-Tarifvorstand Peter Hausmann in Hannover. "Die Drei-Tage-Woche ist keine Träumerei." Hausmann berichtete von ersten Gesprächen mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD).

In der Chemieindustrie macht jeder Dritte Schichtarbeit. Die IG BCE verhandelt bundesweit für 1900 Betriebe mit insgesamt rund 550.000 Mitarbeitern. Ihre nächste Tarifrunde startet im Januar. Hausmanns Darstellung zufolge ist es realistisch, dass 10.000 Arbeitnehmer pro Jahrgang ein Stufenmodell für den flexiblen Übergang in den Ruhestand nutzen könnten. Denkbar wäre, dass sie dabei ab 60 Jahren auf eine Vier-Tage-Woche mit 30 Stunden reduzieren und ab 62 dann auf noch einen Wochentag weniger (22,5 Stunden).

Freizeitplus bedeutet weiger Netto

Das Freizeitplus würde zwar Einbußen beim Netto bedeuten. Doch der Einkommensverlust soll moderat ausfallen. Hausmann nannte eine Akzeptanzschwelle von zehn Prozent. "Das wäre für den Gesetzgeber ein Modell, das kostenmäßig sehr überschaubar wäre", sagte Hausmann.

Zur Finanzierung dieses Modells äußerte sich der Tarifpolitiker nicht im Detail. Der entscheidende Hebel wäre ein Fonds ähnlich einem schon tariflich erstrittenen Topf, in den zwischen 2010 und 2015 rund 1,7 Milliarden Euro fließen. Dieser Demografiefonds hilft bereits, das starre Arbeitszeitkorsett aufzubrechen. So werden mit ihm etwa beim Reifenhersteller Continental Vier-Tage-Wochen gefördert, auf die die Mitarbeiter hinsparen. Ein neuer Topf für Vier- und Drei-Tage-Wochen müsste laut Hausmann "deutlich" vergrößert werden. Konkretere Angaben vermied er ebenso wie Aussagen zu den dafür nötigen Abstrichen beim Entgeltplus, das es für die IG BCE ebenso zu erstreiten gilt.

Mit weniger Arbeit sinkt das Rentenniveau

Teil zwei des nötigen Hebels wäre Schützenhilfe von der Politik: Der Ruhestandswegbereiter Teilrente, der ein Hinausgleiten aus dem Berufsleben ermöglicht, müsste reformiert - und letztlich vom Staat bezuschusst werden. Denn mit weniger Arbeit sinkt das Rentenniveau.

Weitere Sondierungen mit Nahles seien vereinbart, sagte Hausmann. Er ließ durchblicken, dass die IG BCE bei den politisch nötigen Zugeständnissen für den Ruhestandswegbereiter einer geförderten Teilrente den Schulterschluss mit der IG Metall suche. "Wir werden da versuchen, eine Linie hinzukriegen." Die Tarifrunde bei den Metallern startet ebenfalls von Beginn nächsten Jahres an.

amt/DPA / DPA
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