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Comeback der Genossenschaften: Gemeinschaftlich zur Energiewende

Sie ist gut 150 Jahre alt und wird durch die Energiewende wiederbelebt: die Genossenschaftsidee. In immer mehr Orten schließen sich Menschen zu Gemeinschaften zusammen, etwa um Windräder zu betreiben.

Volksbanken und Wohnungsgenossenschaften sind in Deutschland weit verbreitet, doch galt diese Idee bis vor einigen Jahren als Auslaufmodell. Gleiches Stimmrecht unabhängig davon, wie viele Anteile ein Mitglied besitzt, mutete als Relikt aus dem 19. Jahrhundert an. Doch seit einigen Jahren schießen neue Genossenschaften wie Pilze aus dem Boden. Grund ist die Energiewende, die es den Bürgern ermöglicht, selbst Energieproduzenten zu werden.

Beispiel Schlöben: Über sechs Ortsteile verstreut zählt die thüringische Gemeinde knapp 1000 Einwohner. Etliche von ihnen haben sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen und eine Biogasanlage samt Holzhackschnitzelheizung, Blockheizkraftwerken und Wärmenetz gebaut. "Unser Ziel ist es, umweltfreundlich Wärme zu vernünftigen Preisen zu erzeugen und Wertschöpfung in der Region zu halten", sagt Bürgermeister Hans-Peter Perschke (SPD), zugleich Vorstand der Genossenschaft. Im Herbst 2009 gegründet, hat sie inzwischen mehr als 100 Mitglieder.

Den großen Energieversorgern die Stirn bieten

Rund 4,5 Millionen Euro wurden investiert. "Wir decken für zwei Orte - Zöttnitz und Schlöben - 80 Prozent des Wärmebedarfs", erklärt Perschke. Über den Anschluss des Ortsteils Mennewitz werde gerade diskutiert. "Wir haben in der Gesamtgemeinde ungefähr 600 Haushalte, erzeugen aber Strom für 2000." Inzwischen kämen Interessenten sogar aus Japan und Korea, um sich über das Projekt zu informieren.

Damit liegt der Ort, der im vergangenen Jahr im Bundeswettbewerb Bioenergiedörfer ausgezeichnet wurde, im Trend. Deutschlandweit habe es Ende 2012 etwa 650 Energiegenossenschaften mit rund 130.000 Mitgliedern gegeben, berichtet Andreas Wieg, Leiter Vorstandsstab beim Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband. "Hatten wir vor zehn Jahren in einem guten Jahr 30 Genossenschaftsgründungen, so hat sich die Zahl bis heute vervielfacht." Voriges Jahr waren es 236 - das Gros (150) davon im Sektor Umwelt, Energie und Wasser.

Doch wie erklärt sich dieser Boom? "Er hat auch ökonomische Ursachen, weil man mit Investitionen in erneuerbare Energien Geld verdienen kann", sagt der Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Das erklärt aber nicht die Wahl der Genossenschaft als Unternehmensform. "Da steckt der Gedanke dahinter, dass immer mehr Bürger ein so wichtiges Feld wie die Energieerzeugung nicht mehr allein großen Unternehmen überlassen wollen." Es gehe auch um alternative Formen des Wirtschaftens, um kollektive Produktion, die sich nicht ausschließlich dem Dogma eines "immer mehr und nie genug" unterwerfe.

Ökologische Ressourcen mehr im Blick

In Jena etwa wurde eine Genossenschaft gegründet, die Anteile an den Stadtwerken erwirbt. Dadurch soll die Bürgerbeteiligung an dem Unternehmen erhöht werden, sagt der Aufsichtsratschef der BürgerEnergie Jena eG, Reinhard Guthke. "Wir organisieren einen Dialog der Stadtwerke mit den Bürgern." Die Genossenschaft hat inzwischen weit über 700 Mitglieder und hält zwei Prozent an dem Energieversorger. Ziel sei es, den Anteil auf bis zu zehn Prozent zu erhöhen und einen Posten im Aufsichtsrat zu besetzen. Die Mitgliedschaft in der Genossenschaft ist bei den momentan niedrigen Sparzinsen nicht uninteressant: Für 2012 betrug die Ausschüttung vier Prozent.

Bleibt die Frage, ob der neue Genossenschaftsboom allein auf den Energiesektor beschränkt bleibt. Dörre meint, dieser Trend könne auf andere Bereiche überschwappen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise habe die Grenzen des Modells von immer mehr Wachstum auch auf Kosten sozialer und ökologischer Ressourcen vor Augen geführt. Befragungen zeigten, dass immer mehr Menschen die Zukunftsfähigkeit dieses Wirtschaftssystem skeptisch sähen.

Beispiele für Genossenschaftsmodelle in anderen Bereichen gibt es bereits: Den Supermarkt auf dem Land, ein Breitbandnetz, ein Hallenbad oder eine Schule. Schlöbens Bürgermeister Perschke denkt ebenfalls schon weiter. Er ist unzufrieden mit der Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und meint: "Abhilfe könnten Bürgerbusse schaffen."

cob/Andreas Hummel, DPA / DPA
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