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Wüstenstrom-Projekt: Desertec steht vor dem Aus

Sonnenstrom aus Nordafrika für Europa - war diese Idee nur eine Fata Morgana? Das Projekt steht vor dem Aus. Der Erfinder von Desertec sieht für Wüstenstrom aber weiterhin eine große Zukunft.

Von Daniel Bakir

Die Idee klang von Anfang an genauso faszinierend wie größenwahnsinnig: Statt immer mehr Sonnenkollektoren im trüben Europa aufzustellen, könnte man entsprechende Anlagen doch in Nordafrika installieren, wo die Sonne richtig schön brennt. Den Wüstenstrom müsste man dann nur noch nach Europa leiten, und wir könnten unsere dreckigen Kohlekraftwerke dicht machen. Seit fünf Jahren treibt das europäische Desertec-Projekt diese Vision voran, nun steht das Projekt offenbar vor dem Aus.

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, droht der Desertec Industrial Initiative (Dii) binnen Jahresfrist die Abwicklung. Am Montag treffen sich die beteiligten Firmen, darunter die Deutsche Bank, Munich Re und mehrere europäische Energiekonzerne, um eine Entscheidung über die Zukunft zu treffen. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie dem Projekt den Geldhahn zudrehen werden. Dii-Chef Paul van Son hat schon einen neuen Job bei RWE gefunden.

Die Afrikaner machen's lieber selbst

Der Gedanke, mit europäischen Kraftwerken unter afrikanischer Sonne mal eben unsere Energiewendeprobleme zu lösen, war unrealistisch. Die Idee vom Wüstenstrom aber lebt. "Sonnenstrom aus Nordafrika - das ist nach wie vor sinnvoll", sagt Gerhard Knies im Gespräch mit dem stern. Der Hamburger Physiker erfand einst den Begriff Desertec und initiierte die erste Machbarkeitsstudie.

Dass der Traum vom Wüstenstrom mit dem Ende der Desertec-Industrie-Initiative ausgeträumt ist, glaubt er nicht. Die Projekt-Studien hätten gezeigt, dass die Wüstenstrom-Idee technisch und ökonomisch machbar sei. Für die weiteren Schritte brauche man die europäische Dii nicht. "Es war nie meine Idee, dass das alles von Europa aus gesteuert wird", sagt Knies.

Die Europäer mögen mit ihrem Know-how den Weg geebnet haben, nun bleibt ihnen nur noch eine Nebenrolle. In Marokko etwa entsteht derzeit das größte Solarkraftwerk der Welt, gebaut wird es von einem Unternehmen aus Saudi-Arabien. Deutschland darf sich immerhin mit 115 Millionen Euro an der Finanzierung beteiligen. In Europa wird der Strom aber nicht ankommen.

Wüstenstrom für Europa in zehn Jahren?

Die Desertec-Vision sah ursprünglich vor, dass der europäische Strombedarf bis 2050 zu rund 15 Prozent mit Wüstenstrom aus Afrika gedeckt wird. "Die technischen Rahmenbedingungen sind jetzt da, der Zeitpunkt leider noch nicht", sagt Knies. Noch möchte niemand Solarstrom teuer nach Europa leiten, wo Kohle und Gas doch günstiger zu haben sind.

Vordenker Knies hofft aber, dass in zehn bis 15 Jahren der saubere Wüstenstrom auch nach Europa fließt. "Wenn man den globalen Klimaschutz ernst nimmt, müssen im Sektor der erneuerbaren Energien enorme Kapazitäten aufgebaut werden", sagt Knies. "Wenn man auf Klimaschutz pfeift, werden die Folgen noch viel teurer werden." Hier können Sie dem Verfasser auch auf Twitter folgen.