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"Desertec": Startschuss für Wüstenstrom-Projekt

In München will heute eine Gruppe aus etwa 20 Konzernen die Industrieinitiative "Desertec" gründen. Ihr Ziel: Die Gewinnung von Solar- und Windenergie in den Wüsten Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens. 400 Milliarden Euro würde das kosten. Eine Kleinigkeit gegen die möglichen Erlöse, hoffen die Befürworter.

Europas Strom könnte bald aus der Wüstensonne kommen - zumindest wenn es nach den Entwicklern des "Desertec"-Projekts in Nordafrika geht. Spektakuläre Solarstrom-Anlagen in der Sahara sollen zur Energiewende in Europa beitragen, so die Idee der Organisation. Heute wollen mehrere deutsche Großkonzerne das Projekt mit der Gründung einer Initiative in München voranbringen. Rund 20 beteiligte Konzerne und Unternehmen werden dort ein "Memorandum of Understanding" unterzeichnen. Die nächsten drei Jahre soll nun erst einmal überprüft werden, ob das Projekt überhaupt machbar ist: Dem Vernehmen nach soll innerhalb dieser Zeit ein konkreter Umsetzungsplan für den Bau solarthermischer Kraftwerke in der afrikanischen Wüste entwickelt werden.

Im Kern geht es bei "Desertec" darum, in der Sahara aus Sonne und Wind Strom zu gewinnen und diesen zu einem großen Teil nach Europa zu transportieren. Mitten in der afrikanischen Wüste sollen riesige Solarkraftwerke und Windparks entstehen, die mit ihrer Leistungsfähigkeit bis 2050 etwa 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken können. Über Hochspannungsnetze, die zum Teil über den Grund des Mittelmeers verlaufen sollen, soll der Strom in die EU transportiert werden. Die Technologien dafür existieren bereits, sie müssen "nur" in Nordafrika aufgebaut werden. Das nötige Investitionsvolumen soll bei astronomischen 400 Milliarden Euro bis zum Jahr 2050 liegen, die möglichen Umsatzerlöse mit zwei Billionen Euro aber noch höher.

Im Moment noch Zukunftsmusik

Vor der heutigen Gründung der Initiative hat der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Knies die Einwände gegen das Wüstenstrom-Projekt zurückgewiesen. Knies sagte dem Radiosender "MDR Info", die Investitionen bezögen sich auf einen Zeitraum von 40 Jahren. Pro Jahr gehe es also um zehn Milliarden Euro. Im Vergleich zu dem, was im Energiebereich sonst investiert werde, sei das eine "kleine Summe". Wörtlich sagte der "Desertec"-Mitinitiator: "Im Kraftwerkssektor sind das Peanuts."

Knies wies außerdem das Argument zurück, Europa würde sich mit dem Projekt von problematischen Staaten abhängig machen. "Bei der Öl- und Gasversorgung sind wir schon jetzt sowohl von Libyen und Algerien sehr abhängig - und das klappt hervorragend." Mit Jordanien, Ägypten, Tunesien oder Marokko stünden weitere "recht stabile und zuverlässige" Länder als mögliche Partner bereit. Zudem würden diese Staaten zusätzlich stabilisiert, wenn sie eine Industrie zum Bau der Kollektoren entwickelten und dann den Stromverkauf als Einnahmequelle hätten.

"Es ist natürlich im Moment noch Zukunftsmusik, aber das überwältigende Interesse zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind", heißt es auch beim weltgrößten Rückversicherer Münchener Rück. Am Wochenende hatte auch Siemens-Chef Peter Löscher Kritik an "Desertec" zurückgewiesen. Löscher bestritt im "Spiegel" den Vorwurf, es sei unwirtschaftlich, in Afrika gewonnenen Strom aus Solarkraftwerken über Verteilnetze nach Europa zu transportieren.

Mit an Bord bei "Desertec" sind neben Siemens auch die Energieversorger RWE und Eon, der Solartechnik-Anbieter Schott Solar, die Deutsche Bank und Vertreter der Desertec Foundation. Deren Begründer verfolgen schon lange die Vision, mit der Kraft der Wüstensonne die Energieprobleme der Zukunft zu lösen.

Ein großangelegtes Manöver gegen den Klimawandel

Dass das Projekt erst jetzt in Gang kommt, hat viele Gründe. Der Rohölpreis gab nach den Ölkrisen der 70er Jahre kräftig nach. Das nahm bei der Suche nach Alternativen zu fossilen Energien erstmal den Druck aus dem Kessel. Die Gefahren des Klimawandels wurden damals noch kaum ernst genommen. Mittlerweile hat sich das Blatt gründlich gewendet: Horrende Schäden durch Wetterextreme wie Wirbelstürme, Starkregen und Überschwemmungen, die auch die weltweite Versicherungsbranche treffen, lassen sich nicht mehr wegdiskutieren. Aber auch die knapper werdenden Ressourcen und drastische Preisanstiege bei der Energie haben das Bewusstsein geschärft, dass neue, länderübergreifende Lösungsansätze her müssen. "Die Zeit scheint reif zu sein für ein wirklich großangelegtes Manöver gegen den Klimawandel", sagt Knies.

Doch in die breite Unterstützung - auch Greenpeace ist für Desertec - mischen sich kritische Stimmen. Allen voran der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, der auch Vorsitzender der Vereinigung Eurosolar und Experte für erneuerbare Energien ist, lehnt Desertec ab. "Warum in die Ferne schweifen?", ist die zentrale Frage Scheers. Seiner Meinung nach werde es angesichts der rasanten Fortschritte bei der Solartechnik bis zur Fertigstellung der Wüstenkraftwerke günstiger sein, dieselben Mengen an Solarstrom in Deutschland zu produzieren. Seiner Auffassung nach kann "Desertec" deshalb nur zum Erfolg werden, wenn auf Druck der beteiligten Konzerne der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland gestoppt wird. Außerdem unterschätzten die Konzerne die Widrigkeiten für die Wüstenkraftwerke etwa durch Sandstürme, sagt Scheer und warnt bereits vor einer großen Subventionsruine.

Finanzierung des Projekts noch offen

Auch Fritz Vahrenholt, der Chef der RWE-Ökostromsparte Innogy, relativierte vor kurzem in der "Financial Times Deutschland" die Möglichkeiten des Projekts. "Was mir an der ganzen Diskussion nicht gefällt, ist, dass Leute glauben, wir bauen einfach eine Leitung nach Deutschland und haben dann Wüstenstrom." Stattdessen müssten zunächst Ägypten, Tunesien oder Marokko von der Energie profitieren - bis der erste Strom aus der Sahara in Deutschland ankommt, ist es also noch ein langer Weg. Zudem forderte Vahrenholt eine staatliche Anschubfinanzierung nach dem Vorbild des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Zurückhaltend zeigten sich auch andere Beteiligte: Die Idee sei interessant, "wir befinden uns allerdings noch in einem ganz frühen Anfangsstadium", bremste Eon-Chef Wulf Bernotat die Euphorie. Auch die Münchener Rück räumt ein, dass die Finanzierung des spektakulären Vorhabens noch völlig offen sei. Und der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) lobt zwar die Technologie, meldet aber Zweifel am Bedarf und ökonomischen Nutzen an. Bei den derzeitigen Wachstumsraten für die erneuerbaren Energien wie Solar-, Wind- und Wasserkraft könne bereits 2020 die Hälfte des deutschen Strombedarfs daraus gedeckt werden, sagt BSW-Geschäftsführer Carsten Körnig. Er verweist auf Fortschritte in der Photovoltaik: "Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Die Wüsten sind hier auf unseren Dächern."

Bedenken gibt es auch wegen politischer Unsicherheiten und schwieriger Investitionsbedingungen in einigen Ländern des Sonnengürtels. Die Befürworter glauben, dass sich die Probleme angesichts der großen Potenziale ausräumen lassen - schließlich könnte das Projekt viele Tausend Arbeitsplätze schaffen und auch der Energiegewinnung für Meerwasser-Entsalzungsanlagen dienen, sagt Knies. Von der neuen Initiative würden aus seiner Sicht also alle profitieren.

DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters