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Desertec: Die häufigsten Fragen zum Wüstenstrom

Es ist eines der weltweit ehrgeizigsten Projekte zu erneuerbaren Energien: Mit Wüstenstrom aus Afrika sollen 15 Prozent des europäischen Strombedarfs bis spätestens 2050 gedeckt werden. Wie der Erfinder von Desertec, Gerhard Knies, seine Vision erklärt.

Warum funktioniert Desertec nur in der Wüste?

Wo viel Sonne ständig scheint, entstehen Wüsten. Wer das Potential der Sonneneinstrahlung ausschöpfen will, muss daher in diese Regionen, erklärt Desertec-Erfinder Gerhard Knies. "In sechs Stunden geht auf die Wüsten der Erde mehr Sonnenenergie nieder, als die gesamte Menschheit innerhalb eines Jahres verbraucht", sagt er. Allein die Wüsten in Nahost und Nordafrika bringen es jährlich auf 630.000 Terawattstunden an ungenutzter Sonnenstrahlen-Energie. Ganz Europa verbraucht pro Jahr etwa 4000 Terawattstunden. Nach Europa soll der Wüstenstrom über ein Hochspannung-Gleichstrom-Leitungsnetz transportiert werden - über 3000 Kilometer. Auf 1000 Kilometer würde man Knies zufolge mit dieser Technik nur drei Prozent der Energie verlieren. Das Leitungsnetz müsste allerdings erst gebaut werden.

Warum gibt es Desertec nicht schon längst?

Erste solarthermische Kraftwerke wurden bereits in den achtziger Jahren zum Beispiel in Kalifornien gebaut - als Reaktion auf die Ölkrisen in den siebziger Jahren. Danach wurde Öl aber wieder so billig, dass die Solarthermie dagegen nicht ankam. Berechnungen des DLR zufolge wird allerdings spätestens 2020 solarthermisch erzeugter Strom einen ähnlichen Preis haben wie fossil erzeugter. Um Desertec umzusetzen, müssen allerdings auch geeignete politische Rahmenbedingungen in den Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens geschaffen werden, damit sich überhaupt Investoren finden.

Wann könnte Desertec Realität werden?

"Das hängt von der Priorität ab, die man dem Projekt einräumt", sagt Knies. "Technologisch sind wir soweit." Möglich wäre es bereits 2020. 2040 sieht er allerdings als realistischeren Zeitpunkt an. In den kommenden drei Jahren soll erst einmal überprüft werden, ob das Projekt überhaupt machbar ist. Dafür soll das Desertec-Industrie-Konsortium Geschäftspläne und Finanzierungskonzepte erarbeiten.

Machen wir uns mit dem Wüstenstrom nicht von politisch instabilen Staaten abhängig?

Laut Desertec ist es geplant, die Solarthermie-Kraftwerke in Ländern wie Ägypten, Algerien, Marokko, Libyen, Sudan, Jemen, Jordanien, Palästina und Israel zu errichten. Ein häufiger Einwand gegen das Projekt ist daher, dass sich Europa damit von politisch instabilen Staaten abhängig machen würde. "Ist es besser, von Russland abhängig zu sein?", entgegnet Gerhard Knies, der in diesem Zusammenhang auch auf die ehemalige Erzfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland verweist. "In meiner Jugend wäre es undenkbar gewesen, sich von Frankreich abhängig zu machen", sagt er. Mittlerweile sei die Konfrontation der Kooperation zwischen den beiden Ländern gewichen. Ähnliches erhofft sich der Physiker auch für das Verhältnis zwischen Europa und Nordafrika. Mit dem Wissen der Europäer könnten die Staaten ihre stille Reserve, die Wüsten, zu Kraftwerken machen, sagt Knies. So sollen Arbeitsplätze in den Ländern entstehen, mit der Energie könnten zudem Anlagen betrieben werden, die Meerwasser entsalzen und so Trinkwasser liefern. Damit würden beide Partner von dem Projekt profitieren, hofft er, und sich bestenfalls auch die politischen Verhältnisse in den Ländern stabilisieren.

Lea Wolz