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Deutsche Telekom: 50.000 haben Angst vor diesem Mann

René Obermann, 43, ist seit drei Monaten Chef der Deutschen Telekom. Nun sorgt er mit einem brutalen Sanierungsplan für Panik in der Belegschaft. Sein Konzept: Rendite rauf, Löhne runter, Leute raus.

Von Johannes Röhrig

René gibt Gas. Er treibt seinen Golf GTI durch die Straßen von Krefeld auf Geschwindigkeit, an jeder Ampel kreischt der Motor, aus dem Kassettendeck dröhnt Roxy Music, "Love Is The Drug". "Warum fährst du eigentlich immer wie ein Bekloppter?", fragen ihn Mitfahrer oft. René Obermann, damals 19 Jahre alt, tischt ihnen das Märchen vom Benzinsparen auf: Der Verbrauch eines Autos sinke, je schneller man ein Fahrzeug auf Touren bringe und wenn man die Geschwindigkeit dann möglichst lange konstant halte. Eine Zeit lang kurven ein paar aus seiner Clique mit heulenden Motoren durch die City - in dem irren Glauben, so Sprit zu sparen.

René schindet Eindruck. Im Arndt-Gymnasium seiner Heimatstadt Krefeld liefert Obermann zwar eher Mittelmaß ab, erinnert sich ein Mitschüler. Die Lehrer schätzen den Jungen mit dem Aktenkoffer dennoch. Er ist charmant und besitzt Esprit. Manche empfinden das als Schleimerei. Mit dem Klassenprimus habe sich René so prächtig verstanden, dass der ihn eine halbe Stunde vor Schulbeginn abschreiben lässt.

Es ging um Millionen. Jetzt um Milliarden

René macht Kasse. Immer schon hat er irgendwelche Geschäfte am Laufen gehabt: zuerst Gebrauchtwagen aufgemotzt und wieder verkauft, später Autotelefone, Anrufbeantworter und allerlei Kommunikationskram per Kleinanzeigen verhökert. Obermann gründet die Firma ABC Telekom, findet einen Finanzier im Bekanntenkreis, das Geschäft wächst und wächst. Als sich sein Abiturjahrgang zum Zehnjährigen trifft, fehlt der Jungunternehmer. Ein Mitabiturient erzählt, er habe ein Telegramm geschickt: Bin in Hongkong. Habe für zehn Millionen meine Firma verkauft. Euch einen schönen Abend.

Jetzt hat René ein Problem, doch diesmal geht es um Milliarden. Seit gut drei Monaten steht er an der Spitze der Deutschen Telekom, die Aussichten dort sind mies, die Telefonkunden laufen weg. Doch sein Rettungsplan, dem Aufsichtsrat intern gerade als "big picture" verkauft, wird von der Belegschaft abgelehnt. Obermann will die Telekom in den nächsten Jahren brutal auf Rendite trimmen. Das werden vor allem die 86 000 Arbeitnehmer und Beamten im Inland zu spüren bekommen, die in der angeschlagenen Festnetz-Sparte arbeiten. 45 000 Mitarbeiter, vielleicht auch 50 000 oder noch mehr, will der Vorstand in eine Service-Gesellschaft zwangsversetzen. Sie sollen sich dort mit geringeren Löhnen oder mit längeren Arbeitszeiten abfinden. Eine Alternative bleibt ihnen nicht, sonst droht Rausschmiss. Ständig bläut der Vorstand seinen Mitarbeitern ein, das Unternehmen beschäftige zu viel Personal. Aus dem Management werden rüde Parolen kolportiert ("Alle rauswerfen"). Gleichzeitig fehlen aber Tausende im Kundenservice. Die Dividenden sollen steigen, die Löhne sinken. Auf Milliardengewinn folgt ein Sparprogramm. Wer soll dafür Verständnis zeigen? René Obermann braucht nicht nur eine neue Unternehmensstrategie, sondern muss sie auch erklären.

Er ist ehrgeizig. Und schnell

Das wird schwer, auch für einen Selfmade-Typen wie René Obermann. In wenigen Tagen wird er 44 Jahre alt, er ist der jüngste Chef eines Dax-Konzerns - und sieht auch so aus. Zudem ist er einer der wenigen Topmanager, deren Lebenslauf nicht Elite-Universitäten und Karrierestationen bei den McKinseys dieser Welt auflistet. Im Gegenteil: Der Manager kann überhaupt kein abgeschlossenes Studium vorweisen, nur eine Lehre als Industriekaufmann. Dass er nach wenigen Semestern in Münster sein Volkswirtschaftsstudium abbrach, lag am Zeitmangel: Obermann arbeitet seit 20 Jahren in der Telekommunikationsbranche, davon elf Jahre in Firmen, die er selbst gründete. Seit 1998 ist er bei der Deutschen Telekom, leitete zunächst den Vertrieb im deutschen Handygeschäft, später den ganzen Mobilfunkbereich.

Wer ihn gut kennt, beschreibt ihn im Job als ehrgeizig, gradlinig und schnell. Er könne Menschen leicht überzeugen: "Der muss nicht ständig die Chefkarte ausspielen", sagt sein ehemaliger Mitstreiter Ralf-Peter Simon von der Firma The Phone House in Münster. Auch der frühere Debitel-Chef Joachim Dreyer lobt: Obermann sei "einer der wenigen in der Branche", die sich in allen Bereichen auskennen.

Probleme mit brutaler Offenheit benannt

Der schneidige Obermann und der träge rosa Riese - das scheint zunächst eine glückliche Verbindung zu sein, vor allem für Obermann selbst. Mit Horrorgeschichten über den Service der Telekom kann jeder mühelos einen Abend bestreiten, über die T-Aktie erst recht. In der Beliebtheit rangiert das Unternehmen auf einer Stufe mit GEZ, Einwohnermeldeämtern und der Bahn. Da kann ein neuer Chef fast nur gewinnen.

Das hat auch Obermann schnell erkannt: Selten ist eine Führung so schonungslos mit der eigenen Firma ins Gericht gegangen wie die Clique an der Spitze der Telekom, in der Obermann vorwiegend Vertraute versammelt hat. Im fünften Stock der Konzernzentrale scherzt er mit seinem Freund Timotheus "Tim" Höttges, der nun im Vorstand die Deutschlandgeschäfte leitet, bisweilen über Haarausfall und andere Mittvierziger-Wehwehchen. "Wir haben den Galgenhumor nicht verloren", sagt der Chef dann. Defizite werden in Mitarbeiterbriefen und bei Firmenpräsentationen hingegen in brutaler Klarheit benannt: der flaue Aktienkurs etwa oder die massenhaften Kundenverluste im Festnetz, wo die Telekom im vorigen Jahr mehr als zwei Millionen Anschlüsse verlor; vor allem aber "schlechte Erreichbarkeit" und "mangelnde Kundenorientierung".

Finanzinvestoren stehen auf Obermann

Ist die harsche Selbstkritik nur ein Trick? "Wir zeichnen ein realistisches Bild des Unternehmens", sagt Obermann, "wir machen uns nicht absichtlich schlechter, um dann wie Phönix aus der Asche aufzusteigen." Tatsächlich trifft die Mängelliste die Lage bei der Telekom und die Stimmung vieler Kunden, die von den Callcentern ins Nirwana vermittelt wurden. Die neue Deutlichkeit hat aber noch einen weiteren Zweck: "Wir brauchen eine 'burning platform', um unbequeme Maßnahmen durchzusetzen", sagt ein Telekom-Insider. Anders gesagt: Erst hat Obermann den Laden in Brand gesteckt. Nun sollen ihm möglichst viele beim Löschen helfen.

Mit diesem Kurs punktet Obermann vor allem bei Investoren wie dem Großaktionär Blackstone, einer US-Finanzfirma. Die Anteilseigner im Aufsichtsrat lassen ihm weitgehend freie Hand. Dort ziehen Emissäre des Bundes und Blackstone-Vertreter an einem Strang. Der Vorstandschef weckt neue Fantasien für Übernahmen im Ausland, für die er über zehn Milliarden Euro lockermachen will. Zudem soll eine Service-Offensive im Inland gestartet, die Marken der Telekom neu sortiert und Firmenteile verkauft werden. Das Ziel: Die Telekom-Führung will das Kapital der Aktionäre künftig mit mindestens neun bis zehn Prozent verzinsen - Kurssteigerungen und Dividenden zusammengerechnet. "Alles andere ist Esoterik", verbreitet Obermann intern dazu, "sonst steckt doch niemand sein Geld in diesen Laden."

Der Staat will ales: Jobs und Gewinn

Einen Konzern wie die Telekom zu führen, an dem der Staat einen wesentlichen Anteil hält, ist kompliziert. Die Erwartungen von Aktionären, Kunden und Beschäftigten widersprechen sich oftmals. Kunden wollen günstige Tarife und guten Service, Finanzinvestoren wollen Kursgewinne, und der Bund will am liebsten alles auf einmal: steigende Kurse, mehr Wettbewerb und Beschäftigung für die Angestellten und Beamten, die er dem Unternehmen bei der Privatisierung mit auf den Weg gab.

Die Kamikaze-Aktion Job-Transfer ist derzeit sicher das heikelste Thema, also guckt Obermann immer besonders ernst, wenn er davon spricht. Er schwört, nichts liege ihm mehr am Herzen als der Erhalt der Arbeitsplätze. Doch der jungenhafte Manager ist einer, der auf Effizienz setzt: 25 Prozent machen die Lohnkosten im Festnetz aus, nur acht Prozent im Mobilfunk - wer da nicht verstehe, wohin die Reise gehen muss, sei selbst schuld. Na, also: "Die Kosten müssen runter." Man kann ihn mächtig ärgern, wenn man diese Logik als zu schlicht und unsozial geißelt. Dann wird Obermann aufbrausend und zieht ein Gesicht, als hätte ihm jemand das Auto zerkratzt.

Frühe Treffen mit Beuys und Richter

Die kühle Kalkuliertheit überrascht, denn Obermann entstammt eher einfachen Verhältnissen. Er wuchs bei seinen Großeltern auf, die in der Steckendorfer Straße in Krefeld eine kleine Buchdruckerei betrieben. Noch heute prangt das Firmenschild über der Hofeinfahrt, die Buchstaben bröckeln. Daneben, im Erdgeschoss, hatte René sein Zimmer. Es ist ein Viertel mit Altbauten und 50er-Jahre-Klinker im öden Wechsel, in den Hinterhöfen eine Teppichreinigung und eine Glaserei.

Seine Eltern ließen sich scheiden, da ging René Obermann noch nicht zur Schule. Die Mutter, die damals am Theater in Krefeld arbeitete, zog es später in die Künstlerszene des nahen Düsseldorf. Der Sohn spricht nicht besonders ausführlich über diese Zeit. Nur so viel: Er habe seine Mutter in den Siebzigern gern an der Kunstakademie besucht, sei dort auch auf Joseph Beuys und auf Gerhard Richter getroffen. Die Namen sagten dem Jungen damals wohl noch nicht viel. Aber ein Eindruck ist geblieben: "Die haben immer nur geredet und geredet und nie gemalt." Sein Vater starb in Frankfurt, da war René gerade erwachsen geworden. "Er hatte es sicher nicht immer leicht", sagt seine Tante Monika Obermann, die in Krefeld in einer Parfümerie arbeitet.

Man altert schnell in diesem Job

In der Heimatstadt sind jetzt viele mächtig stolz auf René: der Eishockeyklub, in dem er als Jugendlicher spielte; die Schule, wo der Direktor im Archiv nach einem alten Klassenfoto mit seinem erfolgreichen Zögling sucht. Er würde es gern ins Internet stellen, aber er findet keines. Obermanns Vorgänger Kai-Uwe Ricke kam übrigens auch aus Krefeld, erzählt hier jeder. Aber in seinem Fall waren die Verhältnisse andere: Ricke ging auf ein altehrwürdiges Gymnasium, die Familie wohnte in einer Villengegend. Vor der Privatisierung war sein Vater auch mal Chef der Telekom.

Es gibt Fotos von Kai-Uwe Ricke zum Ende seiner Telekom-Karriere, da sieht er aus wie vergreist. Das Gesicht faltig, die Augen müde. Dabei ist Ricke nur gut ein Jahr älter als sein Nachfolger. In diesem Job kann man schnell altern. Das weiß auch René Obermann, und davor hat er Angst. Vielleicht ist es das Einzige, was Obermann wirklich fürchtet.

Mitarbeit: Dirk Liedtke / print