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Essay

Zukunft: Warum die Demokratie dringend einen Marshallplan braucht

Die Autorin Sibylle Barden-Fürchtenicht fordert ein Konjunkturprogramm für neues Denken, für neues Arbeiten, für neue Formen des Miteinanders, für eine nachhaltige Wirtschafts- und Finanzpolitik - kurz einen Marshallplan.

Von Sibylle Barden-Fürchtenicht

Deutschland in der Krise? Die Demokratie braucht einen Marshallplan.

Deutschland in der Krise? Die Demokratie braucht einen Marshallplan.

Getty Images

Die Zeitenwende, die wir gerade erleben, ist nicht neu. Neu ist sie für die Nachkriegsgenerationen der westlichen Welt. Die Welt, in der immer alles wachsen muss: die Wirtschaft, die Städte, der Wohlstand, das eigene Glück. Bis..., bis der Zenit überschritten ist. Der Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008 war eine Art Vorspiel, das uns hätte vorbereiten können, auf den Hauptakt, der uns bervorsteht. Seit 2008 haben Staaten und Privatsektor viel getan, damit der Hauptakt auch wirklich zum Tipping Point, zum Umkipp-Punkt wird – sie haben noch mehr Schulden angehäuft als vor der Weltfinanzkrise. Insgesamt 247 Billionen Dollar, so der Weltbankenverband. Der Bürger fragt sich zurecht: Wie geht das? Er fordert Antworten ein, die er von den Regierungen der Nationalstaaten nicht mehr bekommt. Die Regierungen antworten mit den immergleichen Rezepten: Banken-Bailout, EU-Rettungsaktionen, viel-soll-und-wenig-muss-Regelungen für die Finanzindustrie, Sparprogrammen für die Sozialsysteme - und viele neue Ämter, die diese Aktionen verwalten.

Die Demokratie braucht dringend einen Marshallplan

Wir brauchen einen Marshallplan, ein Konjunkturprogramm für neues Denken, für neues Arbeiten, für neue Formen des Miteinanders, für eine nachhaltige Wirtschafts- und Finanzpolitik, kurz, wir brauchen einen neuen Gesellschaftsauftrag. 

Sibylle Barden

Sibylle Barden-Fürchtenicht, Jahrgang 1970, hat in ihrem neuen Buch "Wie wollen wir leben? Die Welt braucht einen Marshallplan" 66 zeitdokumentarische Essays veröffentlicht. 

Die Amerikaner haben 1948 mit ihrem Konjunkturprogramm für Westeuropa in erster Linie für eine Finanzspritze gesorgt, um die Wirtschaft anzukurbeln – aber sie haben gleichzeitig auch ein Signal gesetzt. Ein Signal, das für einen positiven Stimmungswechsel in der Gesellschaft gesorgt hatte: "Der Krieg ist vorbei – jetzt krempeln wie die Ärmel hoch und gestalten eine bessere Zukunft."

Einen solchen Stimmungswandel brauchen wir heute wieder.

Die westliche Welt liegt heute nicht durch Bomben am Boden, aber wir leben mitten im selbstgemachten Schuldendesaster, im völligen Werteverfall und bewegen uns täglich ein Stück weiter in Richtung Klimakatastrophe. Laut dem Genfer Weltwirtschaftsforum haben bereits 90 Prozent aller Fische und Vögel Plastikpartikel in ihren Mägen – und somit auch wir Menschen. Wir zerstören unser Wasser, unsere Luft, unsere Erde. Wir häufen Schulden an, die niemand mehr abtragen kann. Zeitgleich "besitzen 200 Oligarchen mehr als 60Prozent der Welt", wie Hans-Jürgen Jacobs in seinem Buch "Wem gehört die Welt?" schreibt.

Was machen Regierungen und internationale Organisationen?

Sie lassen die Bevölkerungen in Ohnmacht unvereint und fragmentiert zurück. Es ist, als ob Winston Churchill nicht Chamberlain, seinen Vorgänger, adressierte mit den folgenden Worten, sondern die Politikerkaste unserer Zeit: "Sie haben den Entschluß gefaßt, unentschlossen zu sein. Sie sind willens, keinen Willen zu haben. Mit eisener Energie lassen sie die Zügel schleifen, allmächtig in ihrer Ohnmacht."

Dabei gibt es gerade in Deutschland so viele Fragen:

Warum fährt der erste Tesla nicht aus den Toren von Rüsselsheim oder Ingolstadt? Warum entwickeln wir nicht das erste Krebsheilmittel? Wo ist das europäische Google? Das deutsche Facebook, WhatsApp? Warum ist die Antwort des deutschen Einzelhandels nicht ein noch besseres Amazon? Wer bremst den Fortschritt? Die Unternehmen? Die Zivilbevölkerung? Die Politik?

Wer bremst in Deutschland den Fortschritt?

Die Financial Times fragte vor kurzem: "Kann Deutschland den i-phone-Moment überleben?", und lieferte die Antwort gleich mit: "Die Bedeutsamkeit des i-phones, als es 2007 erstmals zum Verkauf angeboten wurde, bestand nicht darin, daß es ein besseres Telefon mit einem überlegenen MP3-Player und einer Spitzenkamera war. Entscheidend war auch nicht der Touchscreen, das große Display oder die vielen Apps. Entscheidend war, dass all diese Dinge in einem einzigen Gerät zusammenkamen. Dieser i-phone-Moment für Autos ist noch nicht gekommen, aber es ist leicht vorzustellen, wie er aussehen wird: Ein elektrisches, sich selbst steuerndes ‚Wohnzimmer auf Rädern', sicher verbunden mit dem World Wide Web, das deutlich mehr geteilt wird unter den Nutzern, als das sie es kaufen. Es ist noch unklar, wer dieses Auto bauen wird, aber die Investoren an der Börse sind sich einig: Es werden nicht die Deutschen sein."

"Die Investoren an der Börse sind sich einig: Es werden nicht die Deutschen sein."

Dabei hatte uns das Weltwirtschaftsforum gerade eine positive Note zukommen lassen. Laut deren Studie ist Deutschland das innovativste Land. Bei näherem Hinschauen ging es um die Anzahl der Patentanmeldungen, wo Deutschland durchaus an der Spitze steht. Leider nicht in der Umsetzung. Während wir fleißig unsere Patente zuhause anmelden, werden die Ideen in den USA und China blitzschnell umgesetzt. Warum tun wir das nicht selbst? Wer bremst uns?

Im FAZ Verlagsspezial "Trending Topics" lese ich mit großer Aufmerksamkeit die Zahlen zum Thema "Digitale (R)Evolution": "Bis zum Jahr 2025 wird der Markt für Künstliche Intelligenz mehr als 100 Milliarden US-Dollar wert sein, schätzt das amerikanische Marktforschungsunternehmen Constellation Research". Wieviel Prozent davon werden wohl 2025 auf Deutschland abfallen?, war mein erster Gedanke. Dabei hatte ich die mahnenden Worte Wolfgang Reitzles im Ohr, des Aufsichtsratsvorsitzenden der Linde AG, der bei einer Handelsblatt-Konferenz eine starke EU-Initiative zur Förderung Künstlicher Intelligenz eingefordert hatte. Leider stiess er in Berlin und Brüssel nicht auf Gegenliebe. Warum nicht?

Auf der Folgeseite desselben FAZ-Magazins bekomme ich meine Antwort in einem Artikel über den "neuen Mobilfunkstandard 5G, der voraussichtlich 2020 nach Deutschland kommt." 5G ist die Technologie, die zehnmal schneller als alle bisherigen Netze ist, mit Datenübertragung in Echtzeit, die als Basis für die neuen Anwendungen für Smart Cars, Smart Energy, Smart Cities benötigt wird. "Voraussichtlich" ist so ein Wort, das an die Eröffnung des Hauptstadtflughafens erinnert. Wer heute auf einem Flughafen zwischen London und Peking aufschlägt und sein Smart Phone einschaltet, der weiß sofort: 5G ist Realität – während  Deutschland in 3G-Starre verharrt. Und sich den Fortschritt zurechtschreibt und zurechtredet, leider nicht umsetzt.

Der neue 5G-Mobilfunkstandard –den wir voraussichtlich 2020 bekommen sollen – diese Technolgie wird am Tag des Einsatzes fast veraltet sein.

Deutschland möchte immer ganz vorn sein, natürliche Führungsstärke ausüben, der Welt Lektionen erteilen – als hätten wir das Denken erfunden. Haben wir nicht. Wir hinken mächtig hinterher. Das weiß der Linde-Chef genauso wie der Handwerker von nebenan.

Ist der deutsche Staat Motor der Transformation oder Verwalter des Abgesangs? Seit 2005 freut man sich, daß Merkel und Co. jeden Tag zur Arbeit kommen und sich möglichst unauffällig benehmen. Das Resultat: Stillstand, Rückschritt. Die Yacht Deutschland stand dreizehn Jahre im Hafen und hat angefangen, morsch zu werden. Draußen, auf Hoher See, herrscht ein Handelskrieg und eine Neuaufteilung der Welt. Wir müssen auf der Hut sein, dass wir nicht zwischen den Machtblöcken zerquetscht werden.

Um unsere Yacht Deutschland wieder seetauglich zu machen, müssen wir uns von althergebrachten Thesen und Selbstverständnissen verabschieden. Das macht man am besten mit neuen Fragen und neuen Köpfen, die hoffentlich zu neuen Antworten führen. Wir sollten jetzt den Staub von den Schultern wischen, aufstehen und das Haus Deutschland fit für die Zukunft machen. Das wäre dann auch eine große Hilfe für Europa.

Sibylle Barden-Fürchtenicht

Sibylle Barden-Fürchtenicht: Wie wollen wir leben? Die Welt braucht einen Marshallplan; erschienen am 24. Oktober 2018 bei Barden Publishing. Hier gelangen Sie zur Leseprobe des Buchs.