Einzelhandel Poker um die Supermarkt-Krone der Briten


Großbritannien muss für Supermarkt-Bosse die Insel der Seligen sein. Rabatte, Sonderangebote und Schnäppchen kennen die Briten vor allem aus dem Urlaub.

Daheim sind die Preise meist gesalzen: Eine Zahnbürste umgerechnet 6 Euro, ein Liter Orangensaft 1,60 Euro, 10 Mülltüten 5 Euro. Doch vielleicht wird das ja bald anders. Denn in der britischen Supermarkt-Branche tobt eine beispiellose Übernahmeschlacht. Dabei will sich der US-Konzern Wal-Mart, die Nummer 1 auf dem Weltmarkt, die Krone sichern. «Das spannendste Schachspiel, das die Londoner City seit vielen Jahren gesehen hat», urteilt der «Observer».

Objekt der

Kaufgelüste ist die Safeway-Kette, die viertgrößte in Großbritannien. Ihr Vorstand hat einer Übernahme durch den kleineren Rivalen Morrison zugestimmt, doch seit der Bekanntgabe vor knapp zwei Wochen meldet sich fast täglich ein neuer Interessent: Erst die britische Nummer 2, Sainsbury; dann der amerikanische Riese Wal-Mart, der in Großbritannien bereits die Nummer 3, Asda, besitzt; dann US-Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts (KKR); und zum Schluss der britische Milliardär Philip Green, ein schillernder Unternehmer, der zu seinem letzten Geburtstag 250 Gäste für eine dreitägige Toga-Party nach Zypern einfliegen ließ. Nur die britische Nummer 1, Tesco, hält sich bisher noch bedeckt, brütet nach Presseberichten aber auch schon über Kaufplänen.

Das etwa fünf

Milliarden Euro teure Safeway löst deshalb so großes Interesse aus, weil es als letzter Übernahmekandidat der britischen Supermarkt-Branche gilt. Danach sind die Karten erst einmal verteilt. Für jeden der Mitspieler geht es um etwas anderes: Morrison, ein schnell expandierender Aufsteiger aus Nordengland, geführt von seinem 71 Jahre alten Besitzer Sir Ken Morrison, will endlich bei den Großen mitspielen. Sainsbury will seinen Spitzenplatz hinter Tesco nicht einbüßen, wofür sein Vorstandschef Sir Peter Davis sogar Jahre später in Rente gehen will («Mir fehlen noch zehn Jahre, um mit Sir Ken gleichzuziehen»). Wal-Mart will Marktführer auch im Königreich werden und dafür notfalls eine Milliarde Euro mehr zahlen als die anderen Bieter. KKR und Green wollen mit einem Schlag groß ins Supermarktgeschäft einsteigen.

Vor allem eine Übernahme durch Wal-Mart, Sainsbury oder Tesco ist für die kleineren Anbieter ein Horror-Szenario. Sie befürchten, dass der unbestrittene neue Marktführer dann die Preise diktieren und einen Teil der Konkurrenten mittelfristig ausschalten würde. Sogar Lord MacLaurin of Knebworth, der selbst Vorstandsvorsitzender von Tesco gewesen ist, sagt: «Die Wettbewerbsbehörden wären verrückt, wenn sie auch nur einem der großen Drei erlauben würden, Safeway zu übernehmen.»

Mahner wie

der Lord befürchten auf Dauer weniger Konkurrenz und höhere Preise. Aber vielleicht würde der Wettbewerb - wenigstens während des Konzentrationsprozesses - ja auch härter, und vielleicht würden die Preise dann bröckeln. Zur Zeit deutet vieles auf Preisabsprachen hin. Warum sonst sollten so viele Supermarktprodukte in London, Edinburgh und Belfast zwei bis drei Mal so teuer sein wie in Calais, wo sich britische Tagesurlauber so gern mit Lebensmitteln, Zigaretten und Wein eindecken? Am Transportweg über den Kanal kann es nicht liegen. Bezeichnenderweise sind es gerade zwei deutsche Ketten, Lidl und Aldi, die in letzter Zeit versuchen, mit ihrem Billigkonzept auf der Insel Fuß zu fassen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker