EM.TV »Ich habe Fehler gemacht«


EM.TV-Chef Haffa verlässt das Unternehmen - von seinem Traum, größer als Disney zu werden, ist nichts mehr übrig. Sein Nachfolger, Werner Klatten muss jetzt den Karren aus dem Dreck ziehen.

Eine freundschaftliche Umarmung mit dem Nachfolger, keine Nachfragen, nur ein kurzes »Tschau« an die weit über hundert versammelten Journalisten. Das war?s: Der Neue Markt verliert einen seiner buntesten und zugleich umstrittensten Protagonisten. EM.TV-Chef Thomas Haffa ist gegangen und überlässt die Bühne nun Werner Klatten, bislang Manager beim »Spiegel«-Verlag und bis vor sieben Jahren Chef von Sat1.

Aktionärsschützer: »Zeitpunkt für Flucht erbärmlich«

Der Abgang Haffas kommt denkbar knapp vor der EM.TV-Hauptversammlung kommende Woche. Enttäuschte Anleger und Aktionärsschützer haben sich seit Monaten auf diesen Termin vorbereitet, um ihre Wut über den Absturz des einstigen Börsenlieblings loszuwerden. Haffa kommt nun laut Aufsichtsratschef Bernd Thiemann nicht mehr zur Aktionärsversammlung. Aktionärsschützer hatten dazu aufgerufen, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern und die Münchner Staatsanwaltschaft will bald entscheiden, ob sie Haffa und andere Vorstandsmitglieder wegen falscher Gewinnprognosen auf die Anklagebank schickt. »Der Zeitpunkt seiner Flucht ist erbärmlich«, sagt nun Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre.

Sonnyboy selbst in der Niederlage

Wie immer mit dem für ihn typischen Siegerlächeln trat Haffa mit seinem Nachfolger Klatten in das Blitzlichgewitter und vor die Fernsehkameras. Dann verlas er seine Erklärung: »Wir haben Fehler gemacht, ich habe Fehler gemacht, das wissen wir.« Und trotzig schiebt er nach: »Wir haben auch vieles richtig gemacht.« Sein Argument ist, dass die Aktionäre der ersten Stunde immerhin einen Wertzuwachs von mehr als siebenhundert Prozent gemacht hatten. Dabei rechnet Haffa den kräftigen Kurssprung ein, den die Nachricht seines Rücktritts gerade an den Börsen verursacht hat.

Größer als Disney

Vor gut einem Jahr - auf dem Zenit des Höhenflugs der EM-TV-Aktie - warb das Münchner Kinderfilm- und Merchandising-Unternehmen doppelseitig in Hochglanz-Magazinen um neue Anleger: Wer sich beim Börsengang 1997 für ein paar Tausend Mark mit dem damals 34 Mark teuren Papier eingedeckt hätte, wäre nun Millionär. Haffa schwärmte von den Kurssteigerungen von 18.000 Prozent. Mit dem einst erfolgreichsten deutschen Aktienpapier überflügelte der Lizenzhändler von Biene Maja, Muppet-Show und Familie Feuerstein Werte wie die Lufthansa. In der »Süddeutschen Zeitung« erklärte Haffa damals, er wolle bis zu seinem fünfzigsten Geburtstag am 18.April 2002 als Anbieter von Kinder- und Familien-Entertainment größer als Disney sein. Der Traum blieb eine Seifenblase. Der Kurs stürzte um bis zu 99 Prozent ab.

Abgang mit Trauer

»Mit Wehmut und Traurigkeit erfüllt mich dieser Schritt«, sagt Haffa bei seinem Abschied. Nach zwölf Jahren muss er sein Baby nun in andere Hände geben, sein Rückzug erfolgt vollständig: »Ich strebe keine Aufsichtsrats- oder andere Positionen an.« Vor seinem Rücktritt hat er aber nach eigenen Angaben am Dienstagabend noch wichtige Verträge für den Verkauf von Beteiligungen unterzeichnet, mit denen die Bankschulden der EM.TV komplett getilgt werden können.

2,8 Milliarden Mark Verlust

Im Dezember vergangenen Jahres hatte der bereits durch teure Firmeneinkäufe angeschlagene Medienkonzern eine Gewinnwarnung herausgegeben: Statt dem zunächst geplanten Vorsteuer-Gewinn von 525 Millionen Mark sollte es für das Jahr 2000 nur rund 50 Millionen Mark Gewinn geben, kündigte Haffa an. Um so größer war der Schock, als ein halbes Jahr später der wahre Verlust bekannt geben wurde: 2,8 Milliarden Mark. Formel 1 und Muppet-Show steigerten den Umsatz zwar auf 1,3 Milliarden Mark, waren aber teuer eingekauft worden.

Erleichterung über Klatten als Nachfolger

Der frühere Sat1-Chef Klatten ist für Haffa ein »im Management von Medien sehr erfahrener Kämpfer«. Bei der Präsentation seines Nachfolgers fühlte sich Haffa aber erleichtert, er selber kann jetzt »mit einem deutlich besseren Gewissen den Weg für eine vollständige personelle Erneuerung freimachen«. Um seine Worte zu unterstreichen, setzt sich Haffa, nachdem er Klatten zum neuen Job gratuliert hat, überraschend nicht wieder hin, sondern eilt mit erhobenen Haupt aus dem Raum. Von seinen Mitarbeitern hatte er sich bereits am Morgen verabschiedet.

Neues Konzept Anfang August

Klatten kündigt an, sämtliche Beteiligungen von EM.TV auf einen Verkauf oder Sanierung hin zu überprüfen, auch Muppet-Show und Sesamstraße. Über seine neue Linie sagt er: »Man kann nicht Beteiligungen haben wie einen Blumenstrauß.« Auf der Hauptversammlung will er sein genaues Firmenkonzept vorstellen.

Michael Pohl


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