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Entwicklungsländer: Supermarkt-Riesen schuld an Hungerlöhnen

Die Hilfsorganisation Oxfam erhebt schwere Vorwürfe gegen die großen Discounter: Lidl, Aldi und Co. seien durch ihre Methoden Mitschuld an den Hungerlöhnen in Entwicklungsländern. Helfen soll nun das Kartellamt.

Von Kristina Pezzei

"Die Einkaufsmacht ermöglicht es den Top fünf der Branche, die Preise für die Lieferanten zu diktieren", sagte Oxfam-Handelsexpertin Marita Wiggerthale am in Berlin. Lidl, Aldi, Edeka, Rewe und Metro bedienten 70 Prozent des deutschen Marktes, die Konzentration dürfte sich in den kommenden Jahren weiter verstärken. "Es führt kein Weg an den Supermarkt-Ketten vorbei - die Im- und Exporteure müssen die Forderungen erfüllen, sonst sind sie schlicht und ergreifend nicht mehr im Geschäft", kritisiert Wiggerthale bei der Vorstellung ihrer Studie "Endstation Ladentheke".

Aldi macht die Preise im Bananenhandel

Ihren Recherchen nach genießen die deutschen Konzerne dank der Kaufkraft ihrer Kunden enorme Bedeutung weltweit. Im Bananenhandel etwa gebe Aldi ganz klar die Preise vor. "Da kommt der Importeur morgens ins Geschäft und fragt, wie der Aldi-Preis ist. Und dann heißt es Daumen rauf oder Daumen runter für den Verkaufspreis."

Die Folgen der geballten Macht schlagen sich in den Verträgen mit Zulieferunternehmen wider: Manche müssten Geld zahlen, um überhaupt gelistet zu werden, verdorbene Ware müsse zurückgenommen werden und bisweilen würden Lieferanten verpflichtet, sich an den mildtätigen - und werbewirksamen - Spenden von Lidl & Co. zu beteiligen.

Leidtragende sind die Arbeiterinnen auf den Plantagen

Die Importeure geben das Diktat weiter an Exporteure, die an die Produzenten vor Ort. Leidtragende sind die, die am Anfang der Kette stehen - die Ananas-Pflückerinnen in Costa Rica und die ecuadorianischen Packerinnen bei Bananen-Herstellern. In Costa Rica liegen die Stundenlöhne Oxfam zufolge bei 0,75 US-Dollar pro Stunde, in Ecuador sind es teilweise noch weniger. Die Diskussion um Mindestlöhne in Deutschland wirkt da wie von einem anderen Planeten.

Dazu kommen Arbeitstage von mindestens zwölf Stunden, Kinderarbeit und kaum Arbeitsrechte - oft wird die Gründung von Gewerkschaften vor Ort behindert. Namentlich stellt Oxfam die Lieferanten von Dole, Chiquita, Del Monte, dem Cobana-Fruchtring und Edeka Fruchtkontor an den Pranger. Es sind führende Südfrucht-Importeure für Deutschland. Kinderarbeit und gesundheitliche Belastungen sind die Regel. "Viele Pestizide, die dort verwendet werden, sind bei uns längst verboten", sagte Wiggerthale und verwies auf das giftige Herbizid Paraquat, das beim Ananasanbau zum Einsatz kommt. Die Schäden für die landwirtschaftlichen Arbeiter - meist sind es Frauen: Die Fingernägel werden zerfressen, Gliederschmerzen setzen ein, die Atemwege werden geschädigt. Die Folgen können tödlich sein.

Oxfam sieht Bundeskartellamt in der Pflicht

Wiggerthale erklärte, sie habe zu Beginn ihrer Recherchen die betroffenen Supermarktketten angeschrieben und nach deren Lieferanten gefragt. Antwort habe sie nie bekommen. Auskünfte erteilten ihr immerhin einige Importeure in Deutschland. Lokale Organisationen in Ecuador und Costa Rica halfen bei Nachforschungen zu den Rechten und Bedingungen von Plantagenarbeitern.

Oxfam forderte das Bundeskartellamt auf, zu untersuchen, inwieweit die fünf Konzerne ihre Einkaufsmacht missbrauchen. Sei dies der Fall, müsse die Bundesregierung handeln und entsprechende Gesetze zum Schutz von Menschen- und Arbeitsrechten erlassen. Bei der Prüfung der Fusionspläne von Edeka und Plus sei der mögliche Machtmissbrauch zu berücksichtigen. Die fünf großen Einzelhändler müssten "ihre Einkaufspolitik drastisch ändern", hieß es an Lidl, Aldi und deren Konkurrenten gerichtet.

Andere Beteiligten auffällig geschont

Zwar sprach Oxfam ausdrücklich von einer "Mitverantwortung" der fünf großen Ketten, nahm die anderen Beteiligten im Produktzyklus aber auffällig wenig in die Pflicht. Die Exporteure seien wegen des Drucks von oben gezwungen, Standards runterzufahren und gesetzliche Regelungen teilweise zu missachten. Die nationalen Regierungen täten oft wenig, um ihre arbeitende Bevölkerung zu schützen, bekannte Wiggerthale zwar, hielt sich aber mit Forderungen an diese Adresse ebenfalls zurück. Dem Verbraucher schließlich bleibe derzeit nichts anderes übrig, als zu Bio-Produkten zu wechseln - oder auf Bananen und Ananas ganz zu verzichten.

Während von Aldi zunächst keine Stellungnahme zu erhalten war, kündigte Lidl an, sich in Kürze zu der Studie äußern. Edeka-Sprecher Alexander Lüders wies die Kritik zurück. Edeka habe Anfang des Jahres Leitlinien aufgestellt, um Sozialstandards bei den Produzenten und die Lebensmittelsicherheit stärker in den Fokus zu rücken. In Südeuropa seien bereits eigene Audits durchgeführt worden, in Süd- und Mittelamerika seien unangekündigte Kontrollen geplant. Die Herausforderung, dabei den Wettbewerb in Deutschland nicht aus dem Blick zu verlieren, verhehlte er nicht: "Wir müssen möglichst beides unter einen Hut bringen und dazu noch ein gutes Preis-Leistungsverhältnis anbieten", sagte er.