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Erdgas-Boom: Reibach für US-Städte

Im Süden und Westen der USA ist ein wahrer Boom im Gang, der ein bisschen an die Pioniertage von Gold- und Ölrausch erinnert. Doch diesmal geht es nicht um gelbes oder schwarzes Gold, es geht um Erdgas.

Rasant gestiegene Energiepreise und völlig neue Technoligien, welche die Gewinnung aus bislang unerreichbaren Erdschichten erlauben, machen das Geschäft lukrativ wie nie zuvor. In Texas, wo ein Drittel der amerikanischen Gasproduktion herkommt, wittern Städte plötzlich einen ungeahnten Reibach. Fort Worth, die 600.000 Einwohner-Metropole bei Dallas, ist Vorreiter. Denn die Stadt sitzt mitten auf einem riesigen Gas-Reservoir, dem Barnett Shale-Feld.

Millionen für Bohrrechte

"Wir haben tausende Hektar Land hier, und wir wollen die Bodenschätze nutzen", sagt der Direktor des städtischen Ingenieurbüros, Douglas Rademaker. Der erste Vertrag ist gerade unterschrieben worden. Die Firma Dale Operating aus Dallas blätterte 1,4 Millionen Dollar für das Bohrrecht in einem bestimmten Sektor des Barnett Shale-Gasfeldes hin. Ab 1. Juli fließen im Monat 25 Prozent der Bruttoeinnahmen aus dem Vorhaben als Lizenzgebühr in die Stadtkasse, mindestens 125.000 Dollar. "Wir rechnen bald mit dem vier bis fünffachen pro Bohrloch", sagt Rademaker zufrieden.

Rund 100 Bohrlöcher hält er auf städtischen Grund für möglich. "Neun Deals sind in der Pipeline." Die Stadt rechnet, wenn das riesige Feld voll angezapft ist, mit mehreren Millionen Dollar Einnahmen im Jahr. "Es ist ein unerwarteter Reibach", sagt Rademaker. Fort Worth ist die erste große Stadt, die Gas-Lizenzen vermarktet. Andere Städte wollen Fort Worth jetzt nacheifern.

Private hoffen auf Kleinparzellen

Am Stadtrand haben sich schon private Landbesitzer kleinerer Parzellen zusammengetan, um gemeinsam ein Gasprojekt an Land zu ziehen. Ab 50 Hektar sind die Chancen gut. Die Einnahmen werden dann geteilt. "Das ist wie Manna vom Himmel, keiner hat damit gerechnet", sagte Anwohner Gary Halsey, Mitglied einer Kooperative, dem Sender NPR. Er streicht jeden Monat hunderte Dollar Lizenzgebühren ein.

Umweltschützer betrachten das Treiben mit Sorge. Die Bohrtürme müssen dort nur 100 Meter Abstand zu Siedlungen haben. Die Lärm- und Geruchsbelästigung sei während der sechswöchigen Bohrzeit unerträglich, sagt Glenn Ford von der Umweltgruppe Sierra-Club in Fort Worth. "So etwas gehört einfach nicht in Stadtnähe." Der Lebensraum von Pflanzen und Tiere werde zerstört. Rademaker sagt, der 30 Meter hohe Bohrturm verschwinde, wenn das Bohrloch fertig ist. Übrig bleibe lediglich ein zwei Meter hohes Gerüst. Mit den neuen Technologien könne in 1500 Metern Tiefe horizontal gebohrt werden.

Noch große Ausbaukapazitäten

Die USA verbrauchen ein Viertel der weltweiten Gasproduktion. 84 Prozent davon fördern sie nach Angaben des Energieministeriums selbst. In Texas ersetzen die neuen Projekte sinkende Produktion aus älteren Gasfeldern. In den Rocky Mountains soll die Produktion nach Prognosen des Ministeriums aber in den nächsten 20 Jahren um mehr als 50 Prozent steigen.

Die 1400 Einwohner von Pinedale in den Rocky Mountains von Wyoming wissen kaum, wie ihnen geschieht. Das einst verschlafene Örtchen mit einer einzigen Hauptstraße ist überlaufen wie nie zuvor. Ingenieure, Bauleute und Arbeiter reißen sich um die Hotelzimmer. Im rund 50 Kilometer entfernten Jonah-Gasfeld reihen sich die Bohrtürme nur so aneinander. 400 Löcher sind schon gebohrt, schätzt Bürgermeisterin Rose Skinner, bis zu 3100 seien insgesamt möglich.

"Ein Segen für den Arbeitsmarkt"

Die zuständige Behörde (BLM) hat im vergangenen Jahr mehr als 6000 Gas-Lizenzen vergeben, rund doppelt so viele wie 2003. Schon werden die Arbeiter knapp. In Casper in Wyoming wurde ein Trainingszentrum aufgemacht, das im Jahr 1000 Gas-Arbeiter ausbilden will. "Der Gasboom ist ein Segen für unsere Arbeitsmarkt", sagt sie. Der Ort lebt im Sommer vom Tourismus, im Winter war bislang tote Hose. "Vor fünf Jahren haben wir 400.000 Dollar Umsatzsteuer eingenommen, jetzt ist es drei Mal so viel." Der Ort hat mit dem Steuersegen ein Seniorenheim, eine Bücherei, ein Hockeystadion und ein Schwimmbad finanziert. Die Lizenzgebühren streicht allerdings die Bundesregierung ein - das Gasfeld liegt in Bundesbesitz.

Christiane Oelrich/DPA / DPA
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