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Weltbild vertreibt "Shades of Grey" Katholiken zwischen Prüderie und SM


Die katholische Kirche verdient kräftig am Erfolg von "Shades of Grey". Spät, aber heftig folgt die offizielle Empörung. Dabei macht das Gotteshaus seit Jahrzehnten mit Erotik ein Vermögen.
Von Sophie Albers

Nachdem der Papst, Vater aller Katholiken der Welt, gerade persönlich gegen ein veralberndes Cover des deutschen Satiremagazin "Titanic" juristisch vorgegangen ist, liefert die katholische Kirche aus Sicht ihrer Kritiker nun ein Beispiel für ihre Doppelmoral. Und das ausgerechnet, um sich des Sado-Maso-Bestsellers "Shades of Grey" zu erwehren. Das Buch wird in dem seit 30 Jahren der katholischen Kirche gehörenden Weltbild-Verlag vertrieben - in Filialen und online.

Man könne sich der Omnipräsenz des Werkes im gesamten Markt nicht entziehen, hatte eine Sprecherin das Vorgehen verteidigt. Doch die wird um so deutlicher, indem Weltbild auf der eigenen Website - wunderbar passend zum Roman - so etwas wie Masochismus entwickelt. Weil der Verlag nichts tun wolle, um "die Verbreitung dieses Titels zu fördern", habe man sich inhaltlich von dem Werk distanziert und kritischen Stimmen Raum gegeben. Deshalb stehen nun Verrisse neben dem Bestellbutton auf der Weltbild-Webseite. Und der erste - oh süßer Schmerz - stammt gleich von "Twilight"-Schöpferin (und Mormonin) Stephenie Meyer: "Das ist wirklich nicht mein Genre, nicht mein Ding." Aber auch "Zeit.online" und User auf Amazon werden zitiert, die sich über die "erniedrigte Frau" empören. Funktioniert eigentlich genauso wie die Beichte: Sünden erzählen, ein paar Gebete, weitermachen.

2500 erotische Titel

Weltbild kann schließlich auf eine lange Erfahrung mit Erotiktiteln zurückblicken. Im Oktober 2011 hatte "Buchreport" für einen Skandal gesorgt, als ein Bericht die Titellage beim 100-prozentigen Kirchenverlag öffentlich machte. Darunter fanden sich sündhafte Erfolge wie "Schlampen-Internat" oder "Sag Luder zu mir". Wie "Welt.de" berichtete, haben empörte Katholiken ihre Bischöfe seit Jahren immer wieder angeschrieben, doch "unter Missachtung ethischer und moraltheologischer Verpflichtungen hat sich die Kirche mit ihrem hauseigenen Konzern zu einem 'Major Player' im Mediengeschäft hochgepuscht". Über die Ausrichtung des Sortiments gebe es einen ständigen Dialog mit dem Aufsichtsrat, wird Weltbild-Geschäftsführer Carel Halff aus dem Jahr 2009 zitiert. 2500 erotische Titel fanden sich 2011 im Online-Katalog, so "Buchreport". "Wasser predigen und Wein trinken", so das Fazit.

Make war, not love

Irgendwann hat es der Papst mitbekommen, der im vergangenen November forderte, "die weite Verbreitung von Material erotischen oder pornographischen Inhalts, gerade auch über das Internet, energisch einzuschränken". Der Verzicht auf das lukrative Buchgeschäft blieb trotzdem aus.

Ein geplanter Verkauf des Verlags kam nicht zustande. Stattdessen sollen die Weltbild-Anteile, die sich noch im Besitz von zwölf Bistümern, dem Verband der Diözesen Deutschlands und der Soldatenseelsorge Berlin befinden, in eine kirchliche Stiftung übergehen, hatte der Verlag Ende Juni verkündet. Die bisherigen Eigentümer würden auf den Verkaufserlös und zukünftige Gewinnausschüttungen verzichten. Wer die neue kirchliche Stiftung öffentlichen Rechts, die gemeinnützige, kulturelle und kirchliche Ziele verfolge, dann kontrolliere, sei noch nicht bekannt, hieß es. Sie soll kirchlichem Recht unterstehen. Die Übertragung werde Monate dauern, ließ sich Weltbild-Geschäftsführer Halff zitieren, schließlich werde "alles sehr sorgfältig erarbeitet und erwogen".

Etwa so sorgfältig wie bei dem gerade aus dem Angebot des Weltbild-Verlages geworfenen Titel "Make Love"? Ein Aufklärungsbuch, dessen unverkrampfte Herangehensweise von Kritikern hochgelobt wird, wurde ohne Wenn und Aber aus dem Programm gestrichen. Das Werk von Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewski bietet der Online-Versand nicht an. Der Verlag von "Make Love", Rogner & Bernhard, reagierte ungehalten. "Aufklärung nein, Schmuddel-Porno ja, das kann einfach nicht die Einstellung der katholischen Kirche sein", erklärte Till Tolkemitt, Verleger von Rogner & Bernhard. Die Fesselspiele von "Shades of Grey" lassen sich wahrscheinlich leichter beichten.


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