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Papst vs. "Titanic": Ratzingers Entpapstung

Das Satiremagazin "Titanic" darf sich rühmen, von einem Papst persönlich angezeigt worden zu sein. Dabei müsste der Kirchenvater es doch besser wissen.

Von Sophie Albers

Für die Redaktion der "Titanic" kommt es ungefähr einer Heiligsprechung gleich: Das "endgültige Satiremagazin", die "verbotenste Zeitschrift Deutschlands" (mit diesem Heft stehen 28 Titel auf dem Index), ist Ziel einer zivilrechtlichen Klage des Stellvertreters Jesu Christi auf Erden, weil der aktuelle Titel den Papst - in Anspielung auf den "Vatileaks"-Skandal - mit einer besudelten Soutane zeigt. Was immer man vom Papst und seiner Organisation hält, kein Titelbild der Welt könnte das Oberhaupt aller Katholiken heftiger auf die Erde krachen lassen als dieser rechtliche Schritt.

Um zu verstehen, was die von einer Bonner Anwaltskanzlei vor dem Landgericht Hamburg erwirkte Unterlassungserklärung - "Titanic" darf weder die Titelseite noch die letzte Seite der Juli-Ausgabe abdrucken - bedeutet, reichen zwei Zahlen. Nach jüngsten Angaben des Vatikans sind 1,196 Milliarden Menschen katholisch (17,5 Prozent der Weltbevölkerung). Die Auflage der "Titanic" liegt laut Magazin bei 99.760 Heften pro Ausgabe. Was - um Himmels Willen - hat den Heiligen Vater dazu getrieben, sich auf diesen weltlichen Schlagabtausch einzulassen?

"Wir haben uns ein Glas Sekt gegönnt"

"Titelbild und Rückseite der aktuellen Titanic-Ausgabe sind rechtswidrig. Sie verletzen den Heiligen Vater in seinen Persönlichkeitsrechten", sagte Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz. Die "Titanic" überschreite "jedes Maß an Zumutbarem". "Ich hätte den Papst für klüger gehalten", zitiert der Branchendienst "DWDL.de" den "Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer, der sich über die massive PR freut. "Wir haben uns ein Glas Sekt gegönnt. Alleine schon aus dem Grund, weil wir uns als Katholiken darüber freuen konnten, dass der Papst unser Magazin liest und persönlich zur Feder greift, um unsere Arbeit zu kommentieren", heißt es aus der Redaktion auf Anfrage von stern.de.

Erstaunlicherweise ist die Kirche immer noch ein dankbares Vehikel, um im Gespräch zu bleiben: Vor allem wenn es um Religionssatire geht, laufen beim Presserat Beschwerden ein, sagt dessen Sprecherin Edda Kremer. Wobei der besudelte Papst bis heute (Stand Mittwochmittag) nur 40 Eingaben motiviert habe. Rekordhalter sei bisher der "Titanic"-Titel "Kirche heute" (April 2010), der den Kopf eines katholischen Geistlichen in Schritthöhe vor einem gekreuzigten, schamesroten Jesus zeigt. 200 Gläubige hatten sich empört, doch der Presserat sprach in seiner abschlägigen Begründung sogar noch ein Lob aus: Die vorliegende Karikatur sei die zugespitzte Darstellung eines gesellschaftlichen Missstandes und schmähe als solche nicht eine Religion. "Aufgabe von Karikatur und Satire ist es, Diskussionen in einer Gesellschaft so aufzugreifen, dass sie diese pointiert und manchmal auch an Grenzen gehend darstellt", hieß es.

Die andere Wange

Zugegeben: "Vatileaks" ist nicht mit dem Missbrauchsskandal gleichzusetzen, als bekannt wurde, dass Geistliche sich an Schutzbefohlenen vergreifen und auch noch von der Institution geschützt werden. Doch ist der "Titanic" diesmal noch viel Größeres gelungen: Ein kleines Satiremagazin aus Frankfurt hat den Papst, den höchsten geistlichen Amtsträger der christlichen Welt, dazu gebracht, sich ganz menschlich bloßzustellen. Dabei müsste der doch am Besten wissen, dass er zur Ausübung seines Jobs die andere Wange hinhalten muss.

"Egal, woran Sie glauben, was Sie gut finden, wem Sie vertrauen oder was Sie bewundern - wir sind dagegen!", stand im Vorwort des "Titanic"-Jubiläumsband zu lesen. Benedikt XVI. hat keine Chance.