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Bestseller "Shades of Grey": Die Macht der "guten alten Vögelei"

Die Aufregung über die Mutti-Erotik von "Shades of Grey" ist so groß wie der Erfolg der Bücher. Im Grunde ist die Reihe für jeden ein Lustgewinn: die Autorin, die Kritiker und die Sado-Maso-Szene.

Von Sophie Albers

Am Anfang war das Wort. Genau genommen 1664 Seiten voller Wörter mit der Geschichte einer jungfräulichen Studentin namens Anastasia Steele, die sich in den reichen sexy Sadisten Christian Grey verliebt und mit ihm ins "Spielzimmer" verschwindet. Es folgte das, was die Buchindustrie speicheltriefend "Phänomen" nennt: 31 Millionen Bücher aus der Feder einer britischen Hausfrau mit fesselnder Fantasie haben sich bisher weltweit verkauft. In Großbritannien sogar schneller als die anderen Gelddruck-"Phänomene" "Harry Potter" und "Twilight". Nun überschwemmt "Shades of Grey" von E.L. James auch den deutschen Buchmarkt: 500.000 Erstauflage. 200.000 Zweitauflage. Bestsellerlisten gestürmt, so der Verlag.

Und das ist erst der Anfang des großen Reibachs. Denn "Shades of Grey" steht nicht allein, sondern surft die Erfolgswelle der "Twilight"-Serie. James' Sex-Fantasie ist die logische und damit genial lukrative Fortsetzung der No-Sex-Fantasie. Das hat die 49-Jährige auch ganz offen gesagt: Stephenie Meyer habe ihren "Schalter umgelegt". So ist Christian Grey bei genauerer Betrachtung niemand anderes als Edward Cullen, der endlich das Tier rauslässt. Kein Wunder, dass die Fans nach vier dicken Bänden der Vampir-Sehnsucht nun ausgelassen im "Spielzimmer" ihrer Fantasie Erlösung feiern. Und kein Wunder, dass sie sich - ganz wie bei "Twilight" - schon Teams zurechnen: Aus Team Edward, Team Bella, Team Jacob sind Team Christian, Team Ana, Team Fifty geworden. Und rund 50 Millionen Dollar Vermögen, das sich auf James' Konto mittlerweile angehäuft haben soll.

Parfüm und Unterwäsche Marke "Shades of Grey"

Der Film ist in Arbeit. Nach einem heftigen Bieterkrieg in Hollywood haben Universal Pictures und Focus Features fünf Millionen Dollar für die Rechte hingeblättert. Die Produzenten haben als Referenz "The Social Network" und "Moneyball" vorzuweisen. Bret Easton Ellis ("American Psycho") hyperventiliert derweil auf Twitter, weil er unbedingt das Drehbuch schreiben möchte - mit David Cronenberg als Wunschregisseur und Alexander Skarsgard als Wunsch-Sadist. In der Gerüchteküche wurde auch schon Angelina Jolie als Regisseurin gehandelt.

In London verhandelt wiederum E. L. James' Agent über das brutalstmögliche kapitalistische Ausquetschen der Marke: "Shades of Grey" als Parfüm, als Unterwäsche, als Bettwäsche, als Kosmetiklinie, für Schmuck, für Möbel und - selbstredend - auch als Qualitätsstempel für Sexspielzeug. Der Erfolg des Sado-Maso-Bestsellers hat zudem auch dem Ehemann der Autorin zu einem Buchdeal verholfen. Allerdings ist "Crusher" leider nicht der Offenbarungsroman "Was meine Frau im Schlafzimmer wirklich verlangt", sondern die Coming-of-Age-Geschichte eines jugendlichen Londoners, der des Mordes an seinem Vater verdächtigt wird. Allemal gut für das Konto von Niall "James" Leonard.

Womit wir bei der intellektuellen Ausbeute der Aufregung um die erotischen Fantasien einer Endvierzigern wären, die damit angeblich eine Midlifecrisis bekämpfen wollte.

Die ungezogene Krankenschwester

Die einen lehnen sich entspannt zurück und nennen E. L. James' Buch "Mommy Porn". Schließlich geht "Shades of Grey" nie so weit, seine Leserinnen zu verschrecken oder gar abzustoßen. Genau genommen will Heldin Anastasia ihren Züchtiger ja nur heilen, wie die Autorin gerade auf einer Podiumsdiskussion in London verraten hat: "Ana denkt, ich vögele und repariere ihn", zitiert die "Morgenpost" die füllige, gutgelaunte, seit 20 Jahren verheiratete ehemalige TV-Produzentin. Damit verriet sie mal eben ihr Erfolgsgeheimnis: "Shades of Grey" erfüllt den allzu weiblichen Wunsch, Liebe und Helfersyndrom zu verbinden. Die ungezogene Krankenschwester ist immer noch eine der beliebtesten Sex-Verkleidungen überhaupt.

Und "Shades of Grey" ist auch für Nörgler ertragreich: Vertreter des deutschsprachigen Feuilletons zehren von ihrer weniger entspannten Sicht auf die Dinge. Als "ein Softporno mit reaktionärem Weltbild", dessen "Frauenbild zum Skandal taugt", wird "Shades of Grey" auf "faz.net" wortgewaltig verteufelt. "Erbärmlich schlecht geschrieben, die Handlungsmuster so repetitiv wie das sprachliche Arsenal", heißt es in der Onlineausgabe der "Neuen Zürcher Zeitung". "Hat der Feminismus versagt?", fragt bange die "Badische Zeitung".

Frau kann im Bett machen, was sie will

Hat er nicht, sagt Deutschlands oberste Instanz in Emanzipationsfragen, Alice Schwarzer: "Eine Frau schreibt über männlichen Sadismus - denn der ist das eigentliche Thema - und über ihre weiblichen Fantasien. Das ist eher emanzipiert", so die Publizistin im Interview mit der Schweizer Zeitung "Blick". Die Heldin unterwerfe sich dem Mann letztlich eben nicht. "Und genau das macht wohl die Faszination für die Millionen Leserinnen aus: Das Spiel mit dem Feuer, das sie selber löschen können."

Auch einer, der sich mit Sadomasochismus auskennt, sieht das Buch als Gewinn. Es sei "nette Einhand-Literatur" (die andere braucht man woanders, Anm.d.Red.), findet Matthias T. J. Grimme ist Sprecher der Bundesvereinigung Sadomasochismus e.V.. Und viel wichtiger sei noch, dass erstmals ein Sex-positives Buch so sehr gehypt werde wie einst das Negativbeispiel "Feuchtgebiete". Natürlich sei "Shades of Grey" voller Klischees, aber es gehe darin eben nicht um "Heim an den Herd"-Visionen, sondern um guten Sex in einer Welt, wo dieser Mangelware sei. Zur Emanzipation der Frau gehöre auch, dass sie im Bett machen kann, was sie will, sagt die Autorin Kathrin Passig, die den Berliner Verein BDSM (Bondage&Discipline, Dominance&Submission, Sadism&Masochism) vertritt.

Zuletzt lacht E. L. James selbst: Auf die Frage, ob sie eine Lieblingsszene habe, sagte sie auf dem Podium in London: "Alle." Schließlich gehe es um "die gute alte Vögelei". Und das sei erzieherisch und aufklärerisch wertvoll.

Die dritte Auflage kommt bestimmt.