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Ergo-Skandal: Orgie mit 20 Prostituierten und Stehgeiger

Ein Jahr nach dem Auffliegen des Sexskandals der Ergo-Versicherung kommen bizarre Details ans Licht. Teilweise wähnt man sich in einer Parodie über die Welt des Herrn Kaiser.

Von Thomas Schmoll

Der Imageschaden war enorm, weshalb Ergo-Chef Torsten Oletzky von Anfang an den reuigen Sünder mimte: "Die Veranstaltung war ein grober Fehler." Zu Einzelheiten wollte er sich trotzdem nicht äußern, "da wir die Details noch untersuchen". Inzwischen kennt der Vorstandsvorsitzende der Versicherung die Einzelheiten des Sexskandals seines Unternehmens. Zutage gefördert hat sie die eigene Konzernrevision. Aufgedeckt hat die Affäre, die zu den bizarrsten der deutschen Wirtschaftsgeschichte gehört, das "Handelsblatt". Die Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer hatte im Juni 2007 ihre freien Mitarbeiter mit den besten Verkaufserfolgen zur Belohnung in die legendäre Gellert-Therme in Budapest eingeladen. 20 Prostituierte waren mit von der Partie.

Die Wirtschaftszeitung veröffentlichte nun Auszüge aus dem schon im Juni 2011 fertiggestellten Revisionsbericht des Unternehmens, der das ganze Ausmaß des Skandals veranschaulicht. "Die Spezialisten sichteten 300 Gigabyte an Daten, werteten Zehntausende E-Mails aus, fast 100 Personen wurden befragt. 27 Revisionsangestellte arbeiteten sich durch 28 Archivkartons, prüften Tagungsprotokolle, Handy- und Spesenrechnungen", beschreibt das "Handelsblatt" die "intensive, teils schmerzliche und in manchen Punkten unergiebige" Aufklärungsarbeit des Konzerns, der sich dem Motto "Versichern heißt verstehen" verschrieben hat.

Nach "ausreichend Mädels" Ausschau gehalten

Teilweise wähnt man sich in einer Parodie über die Welt des Herrn Kaiser. An einer Stelle heißt es: "Während des Dinners ist der gebuchte Stehgeiger aufgetreten. Dieser ist nach Angaben von A. der Schwager des Budapester Polizeipräsidenten, der wiederum für die Verlängerung der Sperrstunde von 24:00 auf 4:00 Uhr morgens für die Außenveranstaltung im Gellert-Bad zuständig war." Der Bericht könnte in seinem gestelzten Deutsch auch ein Bericht eines Geheimdienstes über eine geplante oder durchgeführte Operation sein. So wird konstatiert: "Es wurde vorgeschlagen, das Event mit 100 Personen durchzuführen. Sofern nicht ausreichend qualifizierte Gewinner vorhanden sind, sollte das Kontingent mit Geschäftsstellen- und Stützpunktleitern aufgefüllt werden."

Mal muss man lachen, mal bleibt einem das Lachen im Halse stecken, wenn man zum Beispiel liest, dass das Projekt "Party total" hieß, bei einer "ersten Check-Reise" die Gegebenheiten vor Ort geprüft wurden, bei einer "zweiten Check-Reise“ nach "ausreichend Mädels" Ausschau gehalten wurde und dann tatsächlich "rund 60 bis 70 Damen für den Abend, davon 20 Prostituierte und weitere 40 bis 50 Hostessen" engagiert wurden.

Kennzeichnung für Prostituierte und Hostessen

"Handelsblatt"-Redakteur Sönke Iwersen, der für die Aufdeckung des Skandals für den nach dem stern-Gründer benannten Henri-Nannen-Preis nominiert war, schreibt hinter jedem Zitat die exakte Quelle. So steht hinter "Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 10": "Gegen 18:00 Uhr begann die Veranstaltung mit einem Empfang im Spoon (Schiff auf der Donau). Nach bestätigten Aussagen von sieben Teilnehmern ist an dem Schiff eine Barkasse mit barbusigen Hostessen vorbeigefahren. Diese sollen ein Schild mit der Aufschrift 'We love HMI' hochgehalten haben." HMI steht für den Ergo-Vertrieb Hamburg-Mannheimer Inter-Organisation. Ein Topmanager beschrieb den Anwesenden dem Bericht zufolge den Verlauf des weiteren Abends im Gellert-Bad - und die Spielregeln. Er soll von Damen gesprochen haben, "mit denen man reden müsse (Hostessen) und andere, mit denen man nicht reden bräuchte (Prostituierte). Diese seien anhand von farblichen Armgelenk-Bändchen zu erkennen". Dem Bericht zufolge verwechselte der Vertriebsdirektor "die Kennzeichnung der Prostituierten und Hostessen".

Offenbar wurden die Sieger des internen Ergo-Verkaufswettbewerbs richtig heiß gemacht. Geschäftsstellenleiter hätten ihre Mannschaft mit vielsagenden Andeutungen angestachelt. Eine Agentur sei mit Beschaffung externer Dienstleistungen für mehr als 300.000 Euro beauftragt worden, "ohne dass eine schriftliche Vertragsgrundlage, die kaufmännische und juristisch relevante Bedingungen beinhaltet, bestand. (Ergo-Konzernrevision, Fachbericht Seite 8)". Trotzdem seien alle Rechnungen anstandslos bezahlt worden - sogar doppelt. Erst nachdem sich die Konzernrevision nach dem Auffliegen des Skandals im Frühjahr 2011 intensiver mit der Veranstaltung beschäftigte, soll das Unternehmen den Angaben zufolge gemerkt haben, dass der Verantwortliche "35.674,70 Euro für die Flugtickets nach Budapest zweimal in Rechnung gestellt hatte - und Ergo zweimal bezahlt hatte".

Nicht alle Mitarbeiter machten mit

Der Bericht gibt auch Hinweise darauf, dass die Budapester Sexorgie keine einmalige Sache gewesen sein könnte. So wird aus Zeugenaussagen geschlossen, "dass im Rahmen von Führungsseminaren der HMI am Zürichsee in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre Prostituierte eingeflogen worden seien. Die Kosten seien über die Position 'Helikopterrundflüge' angerechnet worden". Bruno Viggen, seit 2005 Leiter der Konzernrevision, kommt zu dem Fazit: "Hätte nicht jemand ein Interesse daran gehabt, das Thema in die Medien zu bringen, wüssten wir heute noch nicht, was auf dieser Reise (nach Budapest - die Red.)passiert ist." Und auch das kam bei der Revision heraus: Nicht alle Mitarbeiter waren geil auf die Orgie. Nachdem Gerüchte über die Teilnahme von Prostituierten auftauchten, sagten einige Gewinner des Ergo-Wettbewerbs ab.