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MÜNCHEN: Europa im Alltag

In meinem Geldbeutel feiern Pfennige, Cent, Euro und Mark wilde Orgien

In meinem Geldbeutel feiern Pfennige, Cent, Euro und Mark wilde Orgien

Die letzte Stufe der Währungsunion selbst erklimmen? Kein Problem - dachte ich. Ausgerüstet mit einem Starter Kit und einem Bündel unwirklich aussehender Scheine stürze ich mich in die Wirren des Uni-Alltags.

Die erste Bewährungsprobe: der Fahrkartenautomat. Was kostet eine Streifenkarte? Der Bus kommt, keine Zeit, um die Preisliste länger zu studieren. Der Fahrer sieht mich grimmig an: »Streifenkarte? Im Bus? Gibt's seit dem ersten Januar 2002 nicht mehr.« Erklärung gibt es auch nicht mehr, dafür den Befehl sich am nächsten Kiosk eine Tageskarte zu kaufen.

Gesagt getan, am Kiosk stolz die erste Euro-Transaktion des Tages getätigt. Doch was ist das? Auf dem Tresen vor mir liegen alte Münzen. »Wir geben Mark zurück, bis wir genügend Euro haben«, erklärt man mir. Meine schöne Ordnung ist zum Teufel. In meinem Geldbeutel feiern Pfennige, Cent, Euro und Mark wilde Orgien.

Der Weg runter zur U-Bahn hat sich Gott sei Dank nicht verändert. Auch die Telefonzelle ist noch da. Allerdings merkwürdig gewandelt, nur noch eine Stahlsäule. Die Neugier ist groß: Was nimmt die? Euro oder Mark? Aha, gar nichts, sie ist »Außer Betrieb«. Auch eine Lösung.

»5 DM-Schließung«

Vor dem Eintritt in die Bibliothek steht das Entkleiden. Rucksack und Jacken müssen in die Schließfächer. Ein beunruhigendes Schild grinst mir entgegen. Bis März 2002 seien die Schließfächer bitte noch mit Deutscher Mark zu füttern. Die »5 DM-Schließung«, wie sie in schönem Bürokratendeutsch bezeichnet wird, funktioniere leider nur mit der alten Währung. Gott sei Dank hat man mir vorhin die alten Münzen mitgegeben. Allerdings: ein Fünfmarkstück war nicht dabei. Erste Anzeichen von Stress.

In der Bibliothek scheint alles ruhig. Aber nur auf den ersten Blick. Das Fluchen eines Studenten am Automaten für Kopierkarten stört die Stille. Der Grund: Die Maschine akzeptiert keine Euro, nur DM-Scheine. Die Münzkopierer dagegen sind schon auf Euro umgestellt. Deswegen sind sie vermutlich auch defekt. Schweißperlen schlüpfen durch meinen Haaransatz.

Umrechungsstau

Die Flucht in die Mensa führt nur in die Traufe. Tablett, Geldbeutel, Getränk und Euro-Taschenrechner, dass ist zu viel für meinen Gleichgewichtssinn. Apropos zuviel. Das Standardessen kostet jetzt nicht mehr zwei Deutsche Mark, sondern 1,15 Euro. Ich rege mich auf. »30 Pfennig mehr! Ich meine 15 Euro, nein Cent...« Die Schlange hinter mir interessiert sich nicht für meinen Vortrag über versteckte Preiserhöhung. In diesem Moment erscheint ein Mikrofon unter meiner Nase; wie ich das neue Geld fände. Ich glaube nicht, dass meine Antwort gesendet werden darf.

Nun reicht es. Ab jetzt zahle ich nur noch mit EC-Karte. Ich werde meine wertvollen Energien wieder anderen Dingen widmen. Was bleibt ist die Hoffnung auf Alltag. Denn schon bald wird auch der Euro zu dem, was er eigentlich schon ist: zu Geld. Nicht mehr - und nicht weniger. (cw)

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