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Facebook-Gründer Zuckerberg: Erst die Mission, dann das Vergnügen

Viele haben Facebook schon abgeschrieben. Kein Wunder, seit dem Börsengang sind 70 Milliarden Dollar Firmenwert verpufft. Doch Mark Zuckerberg gibt sich unbeirrt und spielt weiter den Visionär.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Spaß? Nein, Spaß ist das falsche Wort. "Für mich geht es um die Mission", sagt Mark Zuckerberg mit Nachdruck. Facebook soll Menschen einander näher bringen, "die Welt offener machen". Das ist sein Mantra, dafür nimmt der Gründer des sozialen Netzwerks auch gern in Kauf, ab und zu auf die Nase zu fallen – so wie jetzt wieder, da der heiß erwartete Börsengang seiner Firma zur Blamage geraten ist: Seit die Facebook-Aktie am 18. Mai in den Handel kam, ist ihr Kurs um gut die Hälfte gefallen, mehr als 70 Milliarden Dollar an Firmenwert sind verpufft.

Autsch? Zuckerberg gibt sich unbeirrt. "Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir ein Auf und Ab erleben", sagt er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit dem Börsengang, und wenn jetzt manche hämisch lachen, ihn womöglich nicht ganz ernst nehmen, dann soll ihm das nur recht sein. "Mir ist es lieber, wenn wir unterschätzt werden", erklärt der 28-Jährige. "Das gibt uns die Freiheit, richtig etwas zu riskieren und Dinge zu tun, die die Menschen begeistern und zum Staunen bringen."

Zuckerberg umschmeichelt Wall Street

So gelassen das klingen soll, Zuckerberg sitzt bei diesen Sätzen gespannt wie ein Flitzebogen auf der Bühne eines Konferenzzentrums in San Francisco, redet ohne Punkt und Komma, bis ihn sein Interviewer bremst. #link;<http://techcrunch.com/events/disrupt-sf-2012/>;TechCrunch Disrupt# heißt die Messe, auf der Zuckerberg spricht, es ist eine Art Woodstock für Internet-Startups und Web-Entwickler: Tausende im berstend vollen Saal hängen an den Lippen des Facebook-Gründers, der seine übliche Arbeitskleidung trägt: Jeans, Turnschuhe, T-Shirt.

Einen gigantischen neuen Boom hatte sich die Technikwelt vom Börsengang des sozialen Netzwerks erhofft. Stattdessen humpelt Facebook nun so vor sich hin, genau wie andere einst umjubelte Jungfirmen, die davon leben, aus dem freundlichen Miteinander ihrer Nutzer ein Geschäft zu machen – Groupon etwa oder der angeschlagene Spielegigant Zynga. Zeit also für ein wenig Bescheidenheit.

"Natürlich ist es enttäuschend, wie sich der Aktienkurs entwickelt hat", sagt Zuckerberg und versichert artig: "Unsere Anleger liegen uns sehr am Herzen." Im Frühjahr hatte er potenzielle Aktionäre noch gewarnt, Geldverdienen sei für ihn eher zweitrangig, wichtig vor allem, um Facebook besser zu machen, nicht um Anleger zu bereichern. Inzwischen hat der Internet-Durchstarter gemerkt: Er ist auf die Zuneigung der Wall Street angewiesen, damit Facebook sexy bleibt. Sein Ziel kann er nur erreichen, wenn ihm das Versprechen auf schnellen Reichtum weiterhin hilft, die besten Entwickler anzulocken. "Menschen wollen für ein Ziel arbeiten, an das sie glauben, aber sie wollen auch Geld verdienen", sagt Zuckerberg. "Die Mission und das Geschäftliche gehen Hand in Hand."

Mobil-Geschäft verpennt

Mobildienste sollen nun das Wachstum bringen, das viele Anleger bisher vermisst haben. Trotz 955 Millionen Nutzern kam Facebook im jüngsten Quartal auf gerade mal 1,2 Milliarden Dollar Umsatz – ein Zehntel der Einnahmen, die Google im selben Zeitraum verbuchte. Von Smartphones erwartet Zuckerberg deutlichen Rückenwind, weil Nutzer, die unterwegs bei Facebook vorbeischauen, sich doppelt so oft sehen ließen, länger blieben und generell aktiver seien. "Wir werden mobil mehr Geld verdienen als am PC", verspricht der Facebook-Chef. Das soll unter anderem durch neue Arten von Werbung klappen, die enger mit den Inhalten verbunden ist als schlichte Anzeigen.

Reue zeigt Zuckerberg, weil Facebook auf Mobilgeräten lange Zeit auf den Browser vertraut hat, statt spezielle Smartphone-Apps zu entwickeln. "Das hat uns zwei Jahre gekostet", sagt er. "Es war vielleicht der größte strategische Fehler, der uns bisher unterlaufen ist." Nun aber, mit eigenen Apps für iPhone Android, könne Facebook durchstarten: Fast 550 Millionen Mobilnutzer zählt sein Unternehmen im Monat, "die Chance ist enorm". Von einem eigenen Smartphone allerdings, das in der Gerüchteküche immer mal wieder hochkocht, will der Ober-Netzwerker nichts wissen. "Es macht keinen Sinn für uns", wehrt Zuckerberg ab. "Vielleicht könnten wir zehn Millionen Kunden finden, vielleicht zwanzig Millionen – für andere mag das viel sein, für Facebook dagegen, eh schon in Sichtweite der Milliarde, aber nicht. "Es würde für uns keinen Unterschied machen."

Google im Visier

Eher schon könnte Zuckerberg sich vorstellen, aus all den Daten, die seine Fans ihm überreichen, einen neuen Google-Konkurrenten zu basteln. "Suche ist interessant", sagt er, schließlich erwarten Nutzer immer öfter Antworten, die im Zusammenhang stehen, nicht einfach eine Liste mit Links zu anderen Webseiten. "Da ist Facebook in einer hervorragenden Position. Irgendwann werden wir uns darum kümmern."

Irgendwann. Er hat es nicht eilig, auch nicht als Chef eines Unternehmens, das jetzt den Launen der Börse ausgesetzt ist. Nur kein Quartalsdenken mit starrem Blick auf die nächsten drei Monate. "In zehn oder zwanzig Jahren", sagt Zuckerberg, "sollte das Erbe dieser Firma sein, dass wir alle Menschen auf der Welt miteinander in Kontakt gebracht haben." Erst kommt die Mission, dann das Vergnügen.