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Familienunternehmen: Der Deutschland-Clan

Ihre Gesichter werden Sie nicht kennen, ihre Produkte schon - von Brockhaus bis zu Ritter Sport. Prominente deutsche Familienunternehmer trafen sich in Berlin für ein einmaliges Projekt.

Es gab kein Getuschel, und keiner wollte ein Autogramm, als sich die zwei Damen und elf zumeist etwas älteren Herren vergangene Woche im Berliner Interconti-Hotel trafen. Offenbar hatte niemand sie erkannt. Dabei sind ihre Namen fast allen Deutschen vertraut. So plauderten die stillen Stars ganz ungestört: Herr Brockhaus mit Herrn Faber-Castell, Herr Ritter mit Frau Schweizer geb. Oetker, Herr Meggle mit Herrn Würth.

Es war das - in dieser Form bisher einzigartige - Zusammentreffen von dreizehn Herrschern über kleinere, größere und auch unfassbar große Wirtschaftsimperien. Viele von ihnen sind von den Meden gekrönt worden: zum Lexikon-, Bleistift-, Schokoladen- oder Schraubenkönig. Mehrere stehen auf der Liste der reichsten Deutschen vom "Manager Magazin" - mal mit Milliardenvermögen, mal einigen hundert Millionen Euro.

Das "Who's who"

der deutschen Familienunternehmer kam in die Hauptstadt, um sich für eine gute Sache zu engagieren: Sie unterstützen von nun an den Deutschen Gründerpreis, der jährlich vom stern, den Sparkassen, McKinsey und dem ZDF verliehen wird. Die insgesamt 19 Chefs - neben den Anwesenden auch Willy Bogner, Heinz-Horst Deichmann, Günther Fielmann, Klaus Fischer, Claus Hipp und Gerd Strehle - bilden das neue Kuratorium des Gründerpreises. Ihre wichtigste Aufgabe dabei: Jeder von ihnen übernimmt künftig eine Patenschaft für einen der ausgezeichneten Gründer und gibt so ein wenig seiner Erfahrung an die Start-ups von heute weiter. "Wir möchten ein Signal für den Standort Deutschland setzen", sagt Florian Langenscheidt, der Erbe der zweisprachigen Wörterbücher, "und dazu beitragen, dass aus Gründungen erfolgreiche Unternehmen werden."

Keiner wäre dafür geeigneter als diese Spezialisten in Sachen Mut & Risiko - mit besonderem Sinn für die Bedürfnisse der Gemeinschaft. Wer sich die Biografien von Schrauben-Würth, Babykost-Hipp oder Dübel-Fischer ansieht, stößt immer wieder auf Begriffe wie Verantwortung, Gemeinsinn oder Fürsorge. Sie, die Träger großer Namen und Bosse von einigen hundert bis zu Zehntausenden Angestellten, trennen Welten von den modernen Heuschrecken, die heute hier, morgen dort investieren und denen Profit das Ein und Alles ist. Und sie heben sich auch von vielen Managern ab, die, getrieben von den Finanzmärkten, auf Mitarbeiter flieg raus gute Zahlen liefern müssen.

Ja, es ist sogar so, dass die Familienunternehmer über den einen oder anderen aus dem Manager-Kosmos selbst kräftig die Nase rümpfen, aber: Keine Namen, bitte! Was soll man auch halten von Managern, die nichts kennen, als Kosten zu sparen - und darüber vergessen, dass eine Firma ohne Wachstum und Ideen nicht überleben kann. Oder von einem üppig versorgten Ex-Karstadt-Chef, der vor Gericht verzweifelt um seine Privilegien streitet, während das Unternehmen ums Überleben kämpft.

Natürlich sind Patriarchen

nicht die besseren Menschen. Sie sind aber oft die besseren Chefs. Wolfgang Grupp zum Beispiel: Der Eigentümer des T-Shirt-Herstellers Trigema kann ganz schön kauzig sein. Er fliegt gern Hubschrauber, er lässt sich zu Hause von einem Butler bedienen, und seine Kinder werden nicht gerade antiautoritär erzogen. Aber in Burladingen auf der Schwäbischen Alb, wo das Stammwerk von Trigema steht, stört das niemanden. Dort zählt, dass Grupp sich auch in schweren Zeiten an seine Zusage hält, niemanden zu entlassen, und sogar die Kinder der Beschäftigten hier eine Art Jobgarantie bekommen.

Grupp kritisiert so offen wie kaum ein anderer die herrschenden Verhältnisse in der deutschen Industrie und an der Börse. Kurzfristiges Handeln mit dem vorrangigen Ziel, möglichst rasch den Aktienkurs nach oben zu treiben - im Managerdeutsch Shareholder-Value genannt -, hält er schlicht für eine "Todsünde". Und trifft damit den Nerv vieler Kunden.

Oder Reinhold Würth. Der 70-Jährige hält seine Vertreter dazu an, erst nach Dienstschluss zu tanken, weil sonst zu viel Arbeitszeit verloren geht; er beschäftigt einen ehemaligen Sterne-Koch, weil der Mensch von Schrauben allein nicht leben kann; er fliegt - auch vergangene Woche nach Berlin - gern selbst sein eigenes Flugzeug. Aber sind das nicht ziemlich kleine Marotten im Vergleich dazu, dass Würth in den vergangenen 50 Jahren rund 50000 Jobs geschaffen hat und einer ganzen Region im Schwäbischen Arbeit gibt?

"Deutschland", sagt Würth, "ist ein toller Standort." Es fehle aber an Optimismus und "Sinn für das Gemeinwohl".

Oder Annette Roeckl. Ihre Handschuhfirma blieb ebenso wenig wie Daimler-Chrysler, Siemens oder auch mancher ihrer Unternehmerkollegen von der Wirtschaftskrise verschont. "Wir haben schwere Jahre hinter uns", sagt Roeckl. Die Produktion ist schon in den 90er Jahren nach Rumänien verlegt worden. 2005 vollzog Roeckl dann das, was auch bei Großkonzernen und sogar Beamten Praxis ist: Sie verlängerte die Arbeitszeit ihrer Angestellten von 38 auf 40 Stunden pro Woche; Überstunden werden nun durch Freizeit, nicht mehr finanziell ausgeglichen. In ihrem Unternehmen blieb es trotzdem ruhig. Und das nicht nur, weil es in kleinen Firmen schwerer fällt, gegen Anordnungen von oben zu protestieren. "Alle verstehen, dass wir gemeinsam durch Durststrecken gehen und ich nicht absahne, sondern für alles die Verantwortung trage", sagt Roeckl. "Am Ende ist der Unternehmer der Letzte, der das Licht ausmacht." Anders als ein Manager, der rechtzeitig, bevor es dunkel wird, die Abfindung nimmt und geht.

Auch Roeckl fallen

Werte ein, wenn sie gefragt wird, was Firmeneigner von angestellten Managern unterscheidet. Verlässlich, ehrlich, vor allem aber: am dauerhaften Wohl orientiert - diese Eigenschaften nimmt sie für sich und viele andere Familienunternehmer in Anspruch. Das war nicht immer so bei der heute 38-Jährigen. Als Jugendliche hielt sie Kapitalisten schon mal für "Ausbeuter", fügt aber schnell, fast wie eine Entschuldigung, hinzu: "Ich war da Kind meiner Zeit."

Tatsächlich hat sich das Bild des Unternehmers stark gewandelt. Ausgerechnet die altmodischen Firmenlenker, die noch vor wenigen Jahren als hoffnungslos schrullig und gestrig galten, weil sie nicht an Börse, Boom und schnellen Euro glaubten, gelten heute vielen als Vorbild. Es gibt eine regelrechte Sehnsucht nach den Patriarchen. Und die ist keineswegs pure Sozialromantik, sondern durchaus rational. "Die kapitalistische Wirtschaftsordnung wird von DNA-Ketten zusammengehalten", schreibt Harold James, Geschichtsprofessor an der amerikanischen Princeton University, in seiner 2005 erschienenen Untersuchung "Familienunternehmen in Europa". Ohne familiäre Bande, so James, gäbe es das nicht, was den Kapitalismus neben dem Gewinnstreben am Laufen halte: "Verantwortungsbewusstsein".

So gesehen darf man sich wünschen, dass es ein wenig altmodischer zuginge in der Wirtschaft. Und gespannt sein, was Deichmann, Hipp & Co. den Gründern von heute mit auf den Weg geben werden.

Frank Thomsen / print