Finanzexperte "Risiko für Steuerhinterzieher ist gering"


Post-Chef Klaus Zumwinkel wird beschuldigt, mehrere Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben. Im stern.de-Interview erklärt Finanzexperte Lars Feld, wie der Staat den Fall Zumwinkel begünstigt hat - und fragt sich, warum nicht viel mehr Menschen Steuern hinterziehen.

Herr Feld, warum haben es Millionäre nötig, Steuern zu hinterziehen?

Es geht nicht um die Frage, ob es jemand nötig hat. Im ersten Schritt ist es eine sehr rationale Überlegung: Jeder Steuerpflichtige macht eine Kosten-Nutzen-Analyse. Auf der Nutzenseite stehen die Höhe des Bruttoeinkommens und die erwartbare Steuerbelastung. Die Kostenseite ergibt sich aus der zu erwartenden Strafe und dem Risiko, erwischt zu werden. Auch die Möglichkeit zur Hinterziehung spielt eine Rolle. Jemand der abhängig beschäftigt ist, hat es schwerer, als jemand, der sein Einkommen aus Kapitaleinkünften bezieht. Man kann dann zum Beispiel argumentieren: Jemand, der ein sehr hohes Einkommen hat, der hat auch einen sehr hohen Nutzen aus der Steuerhinterziehung.

Und wie steht es mit der Moral?

Es ist nicht vollkommen rational erklärbar, warum Menschen Steuern zahlen. Insofern spielt natürlich auch die Steuermoral eine Rolle. Und die Angst, erwischt zu werden. Das Risiko für den Steuerhinterzieher ist allerdings verhältnismäßig gering. Wenn man die Intensität der Kontrollen betrachtet, müssten eigentlich viel mehr Menschen Steuern hinterziehen.

Ein Beispiel?

Es gibt eine neue Studie aus den USA. Bei abhängig Beschäftigten liegt die Aufdeckungsrate in Fällen von Steuerhinterziehung um 88 Prozent. Nimmt man die Gruppe jener, die hauptsächlich von Miet- und Lizenzeinkünften leben, so liegt die Quote nur noch bei 47 Prozent. Selbständige können mit einer Aufdeckungsrate von 32 Prozent rechnen. Menschen, die vor allem von Kapitaleinkünften leben und Steuern hinterziehen, werden noch viel seltener erwischt. Dazu muss man wissen, dass die USA ein sehr rationales und wirkungsvolles System haben. Die Steuerfahndungsbehörde IRS (Internal Revenue Service) hat weit reichende Kompetenzen. In Europa gibt es noch viel mehr Hemmnisse. Und in Deutschland haben wir häufig Fälle, die erst im Nachhinein als Hinterziehung offenbar werden, weil viele Steuersparkonstrukte sich in einer Grauzone bewegen. Unternehmen stellen deswegen gezielt Steuerberater ein, die solche Lücken ausfindig machen sollen. Dem Vernehmen nach nutzte Herr Zumwinkel ein Steuersparmodell über eine Liechtensteiner Stiftung. Da muss man überlegen, ob der Staat im Vorfeld wirklich alles getan hat, um so etwas zu verhindern.

Mit Klaus Zumwinkel steht einer der prominentesten Wirtschaftsbosse in Verdacht, Steuern hinterzogen zu haben. Welche Vorbildfunktion haben Menschen wie er in Bezug auf die Steuermoral?

Prominente spielen eine sehr wichtige Rolle. Sie stehen in der Öffentlichkeit und werden beobachtet. Jeder Normalbürger gleicht sein Verhalten mit dem der anderen ab. Und je stärker die Menschen feststellen, dass andere nicht zahlen, fragen sie sich: Warum bin ich eigentlich so ehrlich? Auch das Verhalten der Justiz spielt in solchen Fällen eine Rolle. Wenn am Ende des Verfahrens ein Vergleich steht, muss dieser transparent ausgehandelt und dargestellt werden. Sonst stößt man vielen Leuten vor den Kopf.

Welche Rolle spielt im Fall Zumwinkel die Beteiligung des Staates an der Deutschen Post?

Ich kann mir vorstellen, dass viele private Wirtschaftsführer den Fall weit von sich weisen und sagen: Das ist ein staatlicher Betrieb. Ganz Unrecht haben sie damit nicht. Ich persönlich habe nie etwas gegen die Privatisierung von staatseigenen Betrieben gehabt, aber wir haben in den langen Übergangszeiten bis zur Vollprivatisierung eine Situation, in der Führungskräfte weniger stark kontrolliert werden. Einerseits fehlt die Marktkontrolle, andererseits hat sich die Politik zurück gezogen. Das ist ein Problem.

Hat Zumwinkel - sollten sich die Vorwürfe bestätigen - nicht auch das System betrogen, das ihn groß gemacht hat?

Immer unter dem Vorbehalt, dass er wirklich Steuern hinterzogen hat: Er steht einem Unternehmen vor, das lange im Staatsbesitz war, und der Staat hat dafür gesorgt, dass die Post eine relativ gute Wettbewerbsposition hat. Davon hat er ganz unmittelbar profitiert, zum Beispiel, als er nach dem Beschluss des Postmindestlohns Aktien verkauft hat. Sein Verhalten war und ist problematisch, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Interview: Sebastian Christ


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