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Italien: Steuerflucht in den Tod

Italiens Regierungschef Monti lässt Steuern in ungewohnter Härte eintreiben. Manche Unternehmer fühlen sich von der Schuldenlast so erdrückt, dass sie keinen anderen Ausweg sehen als den Suizid.

Von Pia Ratzesberger

In der Provinz Caltanissetta auf Sizilien verbrennt sich im Mai ein Installateur im Inneren seines Autos. Der Eigner einer Schiffswerkstatt nimmt sich mit einem Kopfschuss in Neapel das Leben. In Vicenza erhängt sich der Besitzer einer Transportfirma in seiner Wohnung: Drei Männer aus unterschiedlichen Regionen Italiens, von der Spitze des Stiefels bis hoch ins nördliche Venetien. Doch sie eint die gleiche Geschichte und das gleiche Schicksal. Sie alle hatten Steuerschulden beim Staat, sie alle hatten Angst, die eingeforderten Gelder nie mehr zurückzahlen zu können. Manche von ihnen hinterließen ihren Familien eine Nachricht, versuchten zu erklären, baten um Verständnis und Vergebung. Die Schulden seien zu hoch, der wirtschaftliche Druck zu groß. Von verlorener Würde ist auf diesen Zetteln die Rede, von Verzweiflung, von vergeblichen Hilfegesuchen an den Staat.

Das Bild ist überzeichnet

Auch der Maurer Giuseppe Campaniello schrieb solch einen Brief, bevor er sich im März in Bologna in Flammen setzte vor dem Gebäude der umstrittenen Steuereinzugsgesellschaft Equitalia, der viele Italiener illegales Verhalten und Profitgier vorwerfen. Campaniello gehört zu den Dutzenden Italienern, die sich seit Jahresbeginn das Leben nahmen und wirtschaftliche Gründe dafür nannten.

Empfänger seines Abschiedsbriefes war seine Frau Tiziana Marrone. Die Witwe rief als Reaktion auf das tragische Ende ihre Mannes zu einer Demonstration in den Straßen Bolognas auf. Ihr Appel richtete sich an all die Frauen, die ihre Männer in den vergangenen Wochen durch Freitod aufgrund der Krise verloren hatten. Anfang Mai zogen die Witwen - schwarz gekleidet und große weiße Fahnen schwenkend - vom Krankenhaus Maggiore, wo der Ehemann Tizianas verstorben war, durch die Bogengänge der alten Universitätsstadt bis zum Sitz von Equitalia. Der Protestmarsch brachte den Frauen den Namen "die weißen Witwen" ein.

Das mediale Echo war enorm und ist bis heute nicht verklungen. Immer wieder füllen Berichte über weitere Selbstmorde aufgrund der "crisi" und des harten Sparkures von Regierungschef Mario Monti die Zeitungsspalten. "La repubblica" hat auf ihrer Website gar eine eigene Serie mit dem Titel "Suizide aufgrund der Krise" angelegt, bei der man alle Meldungen der vergangenen Monate zu diesem traurigen Thema chronologisch geordnet nachlesen kann.

Nicht die alleinige Erklärung

Das Bild von der verzweifelten Nation, in der immer mehr die Befreiung von der erdrückenden Schuldenlast im Suizid suchen, ist allerdings überzeichnet. Zwar zeigen die aktuellsten Zahlen des statistischen Institutes (Istat) von 2009 vor allem bei den Männern einen Anstieg der Suizide. Im Gegensatz zum Jahr davor nahm die Selbstmordrate in dem Land zu. Allerdings gab es schon seit 2006 eine leicht steigende Tendenz. Über einen längeren Zeitraum betrachtet ist die Anzahl der Selbstmorde in Italien insgesamt signifikant gesunken: 1993 nahmen sich noch 8 von 100.000 Einwohnern das Leben, 2009 jedoch nur noch 5,9 von 100.000. Italien liegt im europäischen Vergleich damit nach wie vor eindeutig auf einem der hinteren Plätze. Die Freitodrate in Deutschland entsprach 2009 zum Beispiel 10,3 Einwohner pro 100.000, nahezu das Doppelte der italienischen Zahl.

Andrea Vacirca, gebürtiger Bologneser und Medizinstudent an der Università di Bologna hat in den vergangenen Monaten in seinem näheren Bekanntenkreis selbst zwei Suizide von Betreibern kleiner Unternehmen und die Folgen miterlebt. Ob finanzielle Probleme wirklich der Auslöser waren, ist Spekulation, meint er und ist überzeugt, dass mittlerweile oft vorschnell eine Verbindung zwischen einem Selbstmord, den Auswirkungen der Krise und Steuerschulden hergestellt wird: "Das kann nicht die alleinige Erklärung sein".

Die Witwe Tiziana Marrone sieht das anders. Sie betont immer wieder, dass ihr Mann sich nur aufgrund der hohen Forderungen von Equitalia das Leben genommen habe: "Unsere Ehemänner sind nicht verrückt, sie sind depressiv, sie sind verzweifelt. Sie sind diejenigen, die die Krise zu spüren bekommen", betonte die "weiße Witwe". Über vier Monate ist es mittlerweile her, dass ihr Mann verstarb. Trotz der vielen Aufmerksamkeit, die Tiziana Marrone und ihrem Schicksal zu Teil wurde, hat sie keine Arbeit gefunden. "Die Krise ist da. Es ist unnötig zu sagen, dass wir sie fast überstanden haben", sagt sie Agenturberichten zufolge. "Ich glaube das nicht wirklich. Auch wenn ich es ehrlich hoffe, für alle." Ihr Kampfgeist nimmt ab - ihre Resignation zu.