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Fiskus in Erklärungsnot: Wurde Uli Hoeneß vom Finanzamt geschont?

Das kürzlich vom Münchner Oberlandesgericht veröffentlichte Urteil gegen Ex-Bayern-Boss Uli Hoeneß wirft neue Fragen auf. Offenbar wusste der Fiskus von Millionentransfers – und tat nichts.

Von Johannes Röhrig

Laut Urteilstext überwies Uli Hoeneß 2001 rund 11,25 Millionen Euro

Laut Urteilstext überwies Uli Hoeneß 2001 rund 11,25 Millionen Euro

Gut acht Monate ist es her, dass Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Ende Oktober veröffentlichte das Münchner Oberlandesgericht die Urteilsbegründung. Und der Text wirft neue Fragen auf – etwa die nach dem Umgang bayerischer Behörden mit dem einst übermächtigen Klubpräsidenten: Hat der Fiskus den Patron lange Zeit mit Samthandschuhen angefasst? Dem bayerischen Finanzamt jedenfalls müssen bereits früh deutliche Hinweise vorgelegen haben, dass im Fall Hoeneß hohe Summen in die Schweiz abflossen. Die Beamten verfolgten sie aber offenbar nicht weiter.

Während des Strafprozesses im März fanden Teile der Zeugenvernehmungen am Richtertisch statt, wichtige Aussagen konnten die Zuschauer im Raum nicht hören. Vieles im Fall Hoeneß blieb unklar. In einigen Passagen gibt der Urteilstext nun neue Hinweise. Aufgrund von Persönlichkeitsrechten und Steuergeheimnis wurde er zwar nur anonymisiert veröffentlicht, das ganze Bild des Geschehens auf Hoeneß' Konto bei der Schweizer Privatbank Vontobel bleibt lückenhaft. Vieles lässt sich nun jedoch leichter entschlüsseln. Seit 1975 unterhielt Uli Hoeneß heimlich ein Konto bei Vontobel – ab 2004 gab es sogar zwei. In den ersten Jahren waren darauf angeblich nur geringe Beträge, hieß es im Prozess. 2001 transferierte Hoeneß dann hohe Beträge von seinem offiziellen Konto bei der Münchner Privatbank Reuschel (heute Donner & Reuschel AG) auf ein Konto bei der Graubündner Kantonalbank, das dem deutschen Fiskus ebenfalls bekannt war. Von dort floss das Geld weiter auf sein Nummernkonto 4028BEA bei Vontobel. Davon wussten die deutschen Behörden damals nichts.

Steuerbehörden in Erklärungsnot

Die Richter listen für 2001 nun zehn Transaktionen dieser Art auf, meist über eine oder 1,5 Millionen D-Mark, zweimal über fünf Millionen. Insgesamt wurden 22 Millionen D-Mark transferiert – umgerechnet 11,25 Millionen Euro. 2003 folgten auf demselben Weg weitere 5,6 Millionen Euro. Binnen kurzer Zeit verbrachte Hoeneß also knapp 17 Millionen Euro aus Deutschland auf sein geheimes Schweizer Zockerkonto.

Die privaten Geldtransfers von Hoeneß bringen nun die Steuerbehörden in Erklärungsnot. Hoeneß war als Angestellter des FC Bayern nicht nur Einkommensmillionär – er war zudem als Spekulant in Deutschland schwer aktiv: Auch hier setzte er auf Devisengeschäfte. Das Finanzamt rückte daher regelmäßig zu Buchprüfungen an. Dazu kamen die Betriebsprüfer gern zu Uli und Susanne Hoeneß nach Hause – früher in den Münchner Süden, später in die Villa am Tegernsee. Wie konnten da Transaktionen von fast 17 Millionen Euro ohne Konsequenzen bleiben? Wollte niemand wissen, ob die Millionen in der Steueroase Schweiz Gewinne abwarfen? "Ein Prüfer hätte sehen dürfen und müssen, wofür das Geld weggegangen ist und was es für einen Ertrag bringt", sagt der frühere leitende Steuerfahnder aus Frankfurt und Buchautor Frank Wehrheim. Denn ganz offensichtlich fielen die Millionentransfers auf. Das deutet auch die Staatsanwaltschaft München II auf stern-Anfrage an, die Hoeneß damals anklagte und die nach dem Prozess bemüht ist, eine Erklärung für die Tatenlosigkeit des Fiskus zu finden. "In Deutschland existiert bekanntlich keine Vermögenssteuer", sagt Oberstaatsanwalt Nicolas Kaczynski, Leiter der Wirtschaftsabteilung: So ziele die Betriebsprüfung nur auf Erträge und Zuwächse eines Kontos. "Was mit den Beständen passiert, ist ... nicht beziehungsweise nur ganz ausnahmsweise interessant." Und weiter: "Das war hier nicht der Fall."

17 Millionen Euro verschwinden, und das Finanzamt guckt weg. Bereits im Juni hatten die Grünen im bayerischen Landtag gefragt, ob im Fall Hoeneß bei Steuerprüfungen private Geldtransfers aufgefallen seien. Finanzminister Markus Söder lehnte eine Auskunft ab.

Dies ist die aktualisierte Fassung des stern-Artikels aus Heft Nr. 46 vom 6. November