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Foodwatch-Kampagne: Was drin ist, zählt

Olivenöl, Pinienkerne - nur die allerbesten Zutaten werden laut Werbung für "Pesto verde" von Bertolli verarbeitet. "Etikettenschwindel" sagen die Verbraucherschützer von Foodwatch: Kunden würden gezielt an der Nase herumgeführt. Denn in "Pesto verde" stecke fast nur Billigware.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Dass einem nach dem Genuss eines Energydrinks nicht gleich - und auch später nicht - Flügel wachsen, dürfte unumstritten sein. Und dass Kinder nicht automatisch glücklich um den Frühstückstisch herumspringen, bloß weil Margarine aufgetischt wird - auch klar. Ohnehin fühlt sich der moderne Verbraucher kritisch genug, um selbst weniger offensichtliche Werbelügen zu entlarven. Und doch wird immer wieder so raffiniert in die Irre geführt, dass selbst der mündige Konsument nicht so einfach hinter den Schwindel kommt. Jüngstes Beispiel: "Pesto verde" der Marke Bertolli aus dem Hause des niederländischen Lebensmittelkonzerns Unilever. Die Berliner Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat die Pesto-Paste in ihrer aktuellen "abgespeist"-Kampagne genauestens unter die Lupe genommen und festgestellt: Inhalt und Werbung sprechen eine sehr unterschiedliche Sprache.

Olivenöl in mikroskopischen Mengen

Der Hersteller wirbt mit "original italienischer Rezeptur": Pinienkerne, Olivenöl extra vergine und "hochwertigen Zutaten". Bella Italia für den Gaumen. Schon stellt man sich vor, wie "la mamma" in ihrer Küche steht, die Schüssel an ihren großen Busen drückt und alle Zutaten zusammenrührt. Keine Ahnung, wer bei "Bertolli" an die Schüssel darf, von klassischen italienischen Rezepten hat derjenige jedenfalls so viel Ahnung wie einer, der eine Pizza mit Ananas belegt.

Foodwatch hat herausgefunden: in Bertollis "Pesto verde" sind gerade mal zwei Prozent Olivenöl und um die 40 Prozent nicht näher definiertes pflanzliches Öl. Auch mit Pinienkernen wird heftig gegeizt: 2,5 Prozent Pinienkerne sind enthalten. Doch weil der nussige Geschmack ja von irgendwoher kommen muss, hat man sich für - preisgünstigere - "Alibi-Pinienkerne" entschieden: Cashewnüsse. Zum Vergleich: Bei einer Abnahme von 25 Tonnen kosten Pinienkerne aus dem Mittelmeerraum 25 Euro je Kilogramm, Cashewnüsse nur drei bis vier Euro je Kilogramm.

"Wer mit Olivenöl und Pinienkernen wirbt, sollte sie auch hauptsächlich einsetzen und nicht ersetzen", sagt Foodwatch-Mitarbeiterin Anne Markwardt. "Hier wird mit den Emotionen und Assoziationen der Verbraucher gespielt." Im Bericht der Verbraucherschützer heißt es weiter: "Auch ist Aroma zugesetzt, das wahrscheinlich den geringen Käseanteil ausgleichen soll. Dazu Milchsäure als Säuerungsmittel."

Scheinqualität ist billiger

"Bertolli ist ein gutes Beispiel dafür, dass es im Lebensmittelmarkt keinen echten Qualitätswettbewerb gibt", sagt Markwardt. Scheinqualität habe Vorteile vor echter Qualität. Besser als in den meisten anderen Märkten ließe sich im Lebensmittelmarkt schlechte Qualität mit guter Werbung soweit aufpolieren, dass Verbraucher damit systematisch hinters Licht geführt würden. "Das ist besonders dreist", sagt Markwardt. In anderen Branchen würde der Verbraucher die Schummelei sofort entdecken: "Wenn mir jemand einen Plastikschrank mit Holzgriff als 'traditionellen Bauernschrank aus echtem Eichenholz' verkaufen will, erkenne ich den Etikettenschwindel auf den ersten Blick."

Klar ist: Für den Verbraucher würde es einen erheblichen Mehraufwand an Zeit bedeuten, wenn er im Supermarkt die Zutatenliste jedes Produkts genau lesen müsste, bevor er sie in den Einkaufswagen legt. Und wer will schon seine Freizeit stundenlang zwischen Regalen und bei Neonlicht verbringen? "Alle Informationen müssen schnell und leicht zugänglich sein", sagt Markwardt. "Alles andere ist unrealistisch und unzeitgemäß." Bei Bertollis "Pesto verde" würden komplett falsche Erwartungen geweckt. Doch Qualität hat nun mal ihren Preis. Foodwatch macht den Vergleich mit einem Bio-Produkt, das wirklich die versprochenen Zutaten enthält: 100 Gramm kosten knapp fünf Euro. Die stark veränderte Supermarkt-Variante ist für 1,50 Euro pro 100 Gramm zu haben. "Ehrliche Hersteller werden bestraft, während andere aus ihrem Etikettenschwindel einen Vorteil ziehen", sagt Markwardt.

stern.de fragte bei Unilever-Sprecherin Katja Praefke nach, warum die Produktmengen bei Olivenöl und Pinienkernen so extrem niedrig sind. "Wichtig ist uns, dass sich der Verbraucher im Geschmack wieder findet", sagt Praefke. "Es soll so schmecken, wie sich der deutsche Verbraucher, eine italienische Pesto vorstellt. Das ist uns gelungen." Als Massenartikelhersteller müsse man einen "guten Mittelweg" finden. Nur dann könne man das Preissegment bedienen, das die Verbraucher auch bereit sind zu bezahlen. "Man muss realistisch sein. Wir sind doch kein Feinkostgeschäft", sagt Praefke. "Absolut üblich" beurteilt die Sprecherin beispielsweise die Beimengung von Cashewkernen. "Auf der Verpackung steht alles drauf. Der Verbraucher muss es nur nachlesen."

Angaben auf der Website geändert

Einen ähnlichen Fall hat es bei Barilla gegeben. Deren Produkt "Pesto alla Genovese" wurde mit Olivenöl und Pinienkernen beworben, vor allem auf der Internetseite. Verwendet wurden aber auch hier andere Öle, wie etwa Sonnenblumenöl und Cashewnüsse. Ein Fax von "foodwatch" bewirkte, dass der Text auf der deutschen Website geändert wurde. Dort ist nun nicht mehr von Pinienkernen und Olivenöl die Rede. Die Cashewnüsse werden benannt, das Öl gar nicht mehr erwähnt. "Wir verbuchen das auf jeden Fall als Erfolg, denn die ganz explizite Irreführung unterlässt 'Barilla' nun", sagt Markwardt.

Der deutsche Firmensprecher Luca Zanetti schrieb außerdem in einem Fax an die Verbraucherschützer aus Berlin: "Das Pesto alla Genovese entspricht einer freien kulinarischen Interpretation des traditionellen Rezepts aus Ligurien." stern.de bekam auf Anfrage eine Antwort des italienischen Firmensprechers Giuseppe Coccon. Die Verwendung von Sonnenblumen- statt Olivenöl wird so begründet: "Wir bevorzugen die Verwendung von Sonnenblumenöl anstelle von Olivenöl, weil es einen sehr neutralen Duft und Geschmack hat.

Dadurch können die anderen Zutaten besser zur Geltung kommen." Zum Thema Pinienkerne lautet die Begründung: "Bis vor kurzer Zeit haben wir Pinienkerne verwendet, aber wir hatten Befürchtung in Bezug auf deren Stabilität. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, das Rezept zu ändern und Cashewnüsse zu verwenden, um ein sicheres und besseres Produkt zu erhalten." Was man natürlich den Verbrauchern auch rechtzeitig hätte mitteilen können.

Mehr Ehrlichkeit bei Unternehmensversprechen

Manch einer wird sich vielleicht denken: "Was soll's, Hauptsache es schmeckt." So kann man es natürlich auch sehen. Der körperlichen Gesundheit schaden solche Verschleierungstaktiken jedenfalls nicht. Tatsächlich sieht sich Foodwatch in seiner "abgespeist"-Kampagne auch nicht hauptsächlich in der Rolle des Gesundheitswächters. Vor allem will die Organisation die Lebensmittelhersteller zu mehr Ehrlichkeit auffordern und den Verbrauchern bewusster machen, dass da noch einiges im Argen liegt. "Der Kunde darf und sollte darauf bestehen, dass Versprechen, die Firmen geben, auch eingehalten werden", sagt Markwardt.

  • Sylvie-Sophie Schindler