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Fun Factory: Erfolg mit Schmuddelkram

Vibratoren sind fleischfarben und sehen furchterregend aus, so das gängige Vorurteil. Bei "Fun Factory" sieht man das ganz anders: Die Bremer Firma dominiert den Weltmarkt mit bunten Brummern für die liebevolle Handarbeit. Ein Ortstermin.

Von Rupp Doinet

Es ist Freitag vormittag in der "Fun Factory" in Bremen. Eine Gruppe von Vetriebsfachkräften hat sich zu einer Betriebsbesichtigung getroffen. Männer und Frauen aus ganz Europa im Business-Look, die Damen in Jeans oder knielangen Röcken, manche mit Perlenketten um den Hals. Hartnäckig lächelnd irrlichtern sie in dem insgesamt 2000 Quadratmeter grossen Bau von Maschine zu Maschine, verweilen ein paar Augenblicke, machen sich Notizen, stellen Fragen. "Hmmm", rätselt eine der Damen angesichts eines Apparats, der unermüdlich eine Art Kette mit dicken blauen Plastikklunkern ausspuckt. Doch der Nachbar weiss Bescheid: "Flexi Felix, für die analen Freuden".

Die übrigen Produkte der Spaßfabrik haben auch hübsche Namen: "Patchy Paul II.", oder "Dolly Dolphin", "Stubby", "Benjamin Bond" und "Sinnflut" - alles High Tec für die niederen Instinkte. Nämlich: Dildos, (das sind die ohne Motor), Vibratoren, Liebeskugeln und erotische Spiele. So um die 4000 "Sextoys made in germany" verlassen hier Tag für Tag das Bremer Unternehmen, das inzwischen zu den Weltmarktführern in diesem Metier gehört. Und mitten drin steht der studierte Mikrosystemtechniker Dirk Bauer, 41 und amüsiert sich immer noch darüber, dass ihm vor einem Jahrzehnt die Banken Kredite verweigerten, weil sein Gewerbe "sittenwidrig" sei.

Die Erfolgsgeschichte des Dirk Bauer begann mit einem gemütlichen Fernsehabend zu Hause. Es ging in dem Beitrag um eine Unternehmerin, die in München den ersten Erotikshop Deutschlands nur für Frauen ("Ladies first") eröffnet hatte. "Das", so sagte sich Christine, Bauers damalige Frau, "das kann ich in Bremen für Norddeutschland auch". Doch in dem Laden "For Ladies", den sie gemeinsam mit drei Freundinnen 1995 gründete, blieben die üblichen Dildos und Vibratoren liegen wie bestellt und nicht abgeholt. Eine "Bekannte aus der Krabbelgruppe" so erinnert sich Bauer, erklärte ihnen warum das so ist: "Zu hart, zu kalt und vor allem viel zu naturalistisch." Speziell lesbische Frauen unter den Kunden hätten es gerne körper-freundlicher, verspielter und bitte nicht so als wär's ein Stück vom Mann.

Mit 50 Mark Investition fing's an

Das mit dem Material war kein Problem. Beim Besuch eines Sexshops in den USA hatte das Paar Lovetoys aus Silikon kennen gelernt, ein Material, das sich angenehm anfühlt, ungiftig ist, geruchs-neutral, "hautfreundlich und biokompatibel", wie Bauer doziert. Das Silikon in Deutschland zu bekommen, war schon etwas schwieriger. Der Baumarkt führte es nicht. Bayer Leverkusen wollte zwar liefern, aber nur tonnenweise. Schließlich fand sich ein Zwischenhändler der ihnen ein Kilo überliess. Dazu kamen Wachs, Knetgummi und ein Weizenbierglas, das Bauer "von der Form her inspirierte". Alles zusammen kostete 50 Mark.

Am Abend dieses Tages setzten sich Dirk Bauer und Michael Pahl, sein Freund, in die Küche und dachten darüber nach, was Frauen freuen könnte, aber ganz anders aussieht als ein Phallus. Dabei kamen sie auf einen kleinen Delfin, der sich im Laufe des Abends unter Pahls knetenden Händen allerdings zu einem lila Pinguin aus Knetgummi entwickelte. Er erblickte als Silikondildo im Weizenbierglas das Licht der Welt und wurde schon am Tag danach verkauft - für 120 Mark.

Pinguine waren die Urahnen

Vier Wochen später waren es bereits 100 Pinguine, sozusagen die Urahnen einer phallischen Menagerie für die schönsten Stunden allein. Es gibt auf dem Markt der Erotikspielsachen neben Pinguinen und Delfinen motorisierte Quietscheentchen, Katzen, Maulwürfe, Schlangen, mit einem kleinen Eisbären ist jederzeit zu rechnen. Hauptsache, er hat eine nette Stupsnase. Die Gründe für diese Tierliebe unter den Frauen sind ein unerschöpfliches Diskussionsthema in den einschlägigen Foren des Internet. Derzeit beliebteste Theorie: Ein Mann misst sich gerne an dem künstlichen Liebhaber seiner Partnerin, was zu häuslichen Unstimmigkeiten führen kann, wenn das Spielzeug realistische Vergleichsmöglichkeiten bietet. Doch wer ist schon auf einen Maulwurf eifersüchtig?.

Für das Duo Bauer/Pahl gab es zunächst dringendere Fragen zu klären. Die Küche wurde sehr schnell zu klein für die Pinguin-Produktion, die sie nun auch auf Märkten und Messen anboten. 1996 gründeten sie die "Fun Factory" (www.funfactory.de) als GbR und begannen damit, in großem Stil qualitativ hochwertige, aber auch teure Sexspielzeuge zu produzieren.

Erste Umsatzmillion nach fünf Jahren

Fünf Jahre danach hatten sie die erste Million Umsatz erreicht und zogen in eine moderne Fabrikhalle am Rande Bremens um. 2004 waren es bereits 5 Millionen Euro Umsatz, im Jahre 2006 insgesamt 13,5 Millionen. Vor zwei Jahren beteiligte sich der weltgrößte Erotikkonzern, die Beate Uhse AG, mit 25 Prozent an der Fun Factory. Das Flensburger Versandhaus ist der größte Kunde. Aber geliefert wird weltweit, vor allem auch an Edelboutiquen in Tokio, New York und das renommierte Warenhaus "Le Printemps" in Paris.

Der Lustgewinn der Bremer wird immer größer. Zuwachsraten von etwa 50 Prozent sind fast schon normal geworden. 73 fest angestellte Mitarbeiter kümmern sich zur Zeit darum, dass Sinnflut und Co. nicht versiegen. Und oben, unterm Dach, sitzt ihr Chef Dirk Bauer an seinem unaufgeräumten Schreibtisch und muss mal wieder zwischen Sexualphilosoph und Ingenieur lavieren, was er inzwischen allerdings jederzeit beherrscht.

Toy-Farben richten sich nach der aktuellen Damenmode

Der Sexualphilosoph in ihm spricht von "Lust, die aus dem Selbstbewusstsein wächst", davon, dass "Sex an und für sich allein schon immer auch der Gesundheit dient", obwohl die öffentliche vor allem kirchliche Moral seit Jahrhunderten das Gegenteil behaupten und dass sein Leitspruch sei: "Liebe dich selbst". Dem Ingenieur zu folgen, ist etwas schwieriger. Da geht es um "Zwei-Lager-Motoren" mit 1,2 Watt Spitzenleistung, die in seinen Delfinen oder Pinguinen vibrieren, um "doppelte Sinterlager", "Resonanzfrequenzen", "Grate" und "Umwucht" Glück sei natürlich auch wichtig für den Erfolg, aber vor allem "viel, viel Arbeit".

Fast jede Maschine, die in der Fun Factory steht, wurde hier auch entwickelt und konstruiert. Es gibt für den Sound der Sexspielzeuge eine eigene Abteilung, die alles tut, damit die kleinen Rüttler nicht klingen wie ein Zahnarztbohrer, sondern ein bisschen nach "Porsche im Tunnel", wie es der Chef und Porschefahrer Bauer gerne hätte. Er selbst ist auch ständig damit beschäftigt, zu ergründen, was und wie Frauen es am liebsten haben, wenn sie ganz mit sich alleine sind, wozu auch das Studium der großen Modejournale unerlässlich sei. Denn wenn im kommenden Sommer herbstliche Farben angesagt sind, "dann muss man sich schon überlegen, ob neonfarbige Toys wirklich angesagt sind".

Natürlich gibt es auch eine eigene Entwicklungsabteilung, die auf ein großes Repertoire aushäusiger Erfinder zurückgreifen kann. "Fast täglich", melden sich bei der Fun Factory Laien, die sich dank elektrischer Zahnbürsten oder Scheibenwischermotoren als Daniel Düsentrieb der Lust versuchen - mit bisher mäßigem Erfolg. Lediglich den Studierenden der Bremer Hochschule für Gestaltung gelang ein Etappensieg auf dem Feld der Lust. "Denen haben wir einen Zettel an das Schwarze Brett gehängt. Sie sollten sich mal was einfallen lassen". Ergebnis der Überlegungen: Eine Vibratorserie, die nach dem jeweiligen Sternzeichen der Konsumentin modelliert wurde.

"Astrovibes" richten sich nach den Sternzeichen

Die fast an Skulpturen erinnernden "Astrovibes" - die "Jungfrau" hat sogar winzige Brüste - entwickelten sich zu wahren Kultobjekten und werden dennoch demnächst aus dem Sortiment gestrichen. Sie haben sich, sagt der Chef, "überlebt". Der neue Liebling der Damen sei "Layaspot", ein, wie Bauer sagt "Handschmeichler", mit "ergonomisch perfekten Bedienelementen", die ein ostdeutscher Mittelständler für ihn fabriziert.

Vor kurzem wollte Dirk Bauer den kleinen Pinguin, mit dem alles begonnen hat, wieder zurückkaufen und ihn in sein Museum stellen, etwa so wie Dagobert Duck den ersten selbst verdienten Goldtaler. Es gelang dem Bremer auch, die Spur der ersten Kundin bis nach London zu verfolgen. Doch den Pinguin hatte sie nicht mehr, sie hatte ihn "vor ein paar Wochen in den Müll geworfen".