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Griechenlandkrise: Es geht auch ohne Grexit!

Es scheint, als ob Griechenlands Austritt aus der Euro-Zone unausweichbar bevorsteht - doch das muss nicht sein. Das Griechenland-Dilemma zeigt, dass sich Europas Geldpolitik ändern muss. Und die Währungsunion zwar mit einem blauen Auge, aber gestärkt aus dieser Krise kommen kann. 

Von Adriano B. Lucatelli

Steuert Griechenland auf einen Grexit zu? Ist die Währungsunion am Ende? 

Steuert Griechenland auf einen Grexit zu? Ist die Währungsunion am Ende? 

Mit seiner Ankündigung eines Referendums hat der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras seine Partner auf dem falschen Fuß erwischt. Die Euro-Politiker geben sich entrüstet, erklären die Gespräche für gescheitert und verhandeln ohne Griechenland weiter. Ist die angeschlagene Währungsunion am Ende? Steuert Griechenland auf den Grexit zu? Das muss nicht sein – sofern beide Verhandlungsparteien mit Realismus und Kompromissbereitschaft an den Verhandlungstisch zurückkehren.

Es steht außer Zweifel, dass die bisherige Strategie des Schuldenmanagements rundum versagt hat. Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die führenden EU-Länder seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 versuchten, das Schuldenproblem der südlichen Euromitglieder (insbesondere Griechenlands) mit immer noch mehr Krediten zu lösen – also indem man gutes Geld schlechtem Geld nachwarf. Die immer wieder gesprochenen Kredite waren nur dank permanenten Vertragsbeugungen möglich, für die der nordeuropäische Steuerzahler nun teuer wird bezahlen müssen.

Europa hat Fehler gemacht

Auch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) trug kaum zur langfristigen Stabilität bei. So flutete sie zum Beispiel die Finanzmärkte mit Liquidität (Der Fachbegriff dafür ist „quantitative easing“), um die Renditen der Staatsanleihen der Krisenländer zu drücken. Die Hoffnung dabei war natürlich, dass die wankenden Kandidaten die gewonnene Zeit für notwendige Reformen nutzen würden.

Die verfehlte Wirtschaftspolitik der Währungsunion widersprach dem ursprünglichen Geist der Maastricht-Konstrukteure gründlich: Es gab keine einzige (offiziell unverrückbare) Maastricht-Regel, die nicht gebrochen wurde. So wandelte sich die Eurozone ohne eine politische oder gesetzliche Grundlage zu einer Transfer- bzw. Haftungsunion. Es überrascht nicht wirklich, dass die europäische Währungsunion bisher trotz – oder eben gerade wegen – dieser Tricks die Absichten der Maastrichter Architekten weder politisch noch wirtschaftlich erfüllen konnte. Politisch nicht, weil Südeuropa (wo das angebliche deutsche Diktat verteufelt wird) wegen der Austeritätspolitik, also dem strengen Spardiktat, seit längerem in großem Aufruhr ist. Und wirtschaftlich nicht, weil die wirtschaftliche Dynamik und die Wettbewerbsfähigkeit durch verfehlte monetäre Maßnahmen abgewürgt wurden.

Schluss mit dem Durchwursteln 

Wie soll es weitergehen? Die Rückkehr zur Währungsunion in der gegenwärtigen Organisationsform ist eine ebenso unrealistische Option, wie es weiteres Durchwursteln wäre. Dringend gefragt ist nun aber die schnelle und gründliche Behebung der Konstruktionsfehler des Maastrichter Vertrags. Benötigt wird nicht nur eine klar ausformulierte Austrittsklausel, mit der das „Moral Hazard“-Problem ausgeschaltet werden kann, sondern auch ein geordnetes Insolvenzverfahren für zahlungsunfähige Euroländer. Bei diesen beiden Punkten müssten die Verhandlungsparteien ansetzen. Es ist offensichtlich, dass Griechenland den gesamten Schuldenbetrag nie mehr aus eigener Kraft wird zurückzahlen können. Ein zumindest teilweiser Schuldenerlass ist also unumgänglich.

Das heißt, dass Deutschland und andere Geberländer große Abschreiber hinnehmen müssen. Die Maßnahme tut weh, liegt aber im übergeordneten Interesse der Europäischen Union. Griechenland bekäme so den notwendigen Spielraum, um mithilfe eines glaubhaften Reformpakets endlich nachhaltige Primärüberschüsse erzielen zu können. Wenn der Staatshaushalt dank Verringerung der Zinszahlungen positiv würde, erhöhte sich die Chance Griechenlands, wenigstens den verbleibenden Teil der Schulden zurückzahlen zu können.

Endlich reinen Wein einschenken

Damit dies funktionieren kann, muss die griechische Regierung den Wählern aber endlich reinen Wein einschenken. Es ist unbestritten, dass es ohne Reformen, die auf Wachstum statt auf Steuererhöhungen abzielen, nicht geht; soviel ist auch den Griechen längst klar. Aber ebenso wenig geht es ohne Einsparungen. Es darf für Hellas keinen „Free Lunch“ mehr geben. Diese Message muss zu Hause klar und deutlich vermittelt werden.


Europa ginge bei diesem Szenario am Ende gestärkt aus dieser Krise hervor, denn die bisherige Erfahrung mit der EU zeigt, dass die Europäer stets zusammenrücken, wenn das gemeinsame Haus einzufallen droht. Falls diese Prognose zutrifft, hätte dieses turbulente Wochenende letztlich immerhin den Effekt eines reinigenden Gewitters entfaltet.


Dr. Adriano B. Lucatelli ist Schweizer Vermögensverwalter und Dozent an der Universität Zürich. Sie können dem Autor auf Twitter folgen.


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