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Hustler-Chef Flynt: "Sex ist ein ganz normales Business"

Das Geschäftsmodell klingt einfach: Mit hübschen Frauen viel Geld verdienen. Die Flynt-Brüder machten daraus den Porno-Konzern Hustler. Im stern.de-Gespräch erzählt Jimmy Flynt von bigotten Politikern, virtuellem Sex - und warum Pornographie der Gesellschaft gut tut.

Herr Flynt, wie kamen Sie und ihr Bruder Larry dazu, ihren Lebensunterhalt mit Pornos zu bestreiten?

Nun ja, es war nicht so, dass wir in die Geschäftswelt hineingeboren wurden. Wir wuchsen auf dem Land auf. Um uns herum gab es nur Hügel und Äcker. Wir wollten da raus, wollten Geld und Spaß haben und stellten fest, dass unsere Zukunft im Sexbusiness lag.

Wie das?

Als Larry 1965 seinen ersten Club eröffnete, merkte er, dass man mit gut aussehenden, leicht bekleideten Mädels hinter der Bar ein Ein-Dollar-Glas Bier für drei Dollar verkaufen konnte. Das war die entscheidende Lektion: Männer zahlen gern dafür, hübsche Mädels zu sehen.

Der Newsletter, mit dem Larry und Sie ihre Bars bewarben, entwickelte sich zum Selbstläufer. 1974 lag er erstmals als Verkaufsmagazin an die Ladentheken - und schlug ein wie eine Bombe.

Ja. Das Magazin beinhaltete vierfarbige, explizite Fotos von Frauen. Wir waren das erste US-weit verkaufte Magazin, das Bilder von kopulierenden Paaren zeigte. Das kam bei den Lesern an. In nur drei Jahren brachten wir es aus dem Nichts auf eine Auflage von drei Millionen!

Wie steht es heute um die Verkaufszahlen?

Wir liegen momentan bei etwa 800.000. Playboy mag vielleicht mehr Abonnenten haben als wir. Aber an den Zeitschriftenständen verkauft in den USA kein Magazin mehr Ausgaben als wir.

Aber mit der Auflage ging es seit 1977 ziemlich bergab.

Das stimmt. Doch früher gab es auch einfach mehr Buchläden und Kioske. Dazu kommt der technologische Fortschritt. Wer vor dreißig Jahren einen Porno wollte, musste sich eben ein Magazin kaufen.

Welchen Anteil am Hustler-Umsatz hat das Zeitschriftengeschäft heute noch?

Ich würde sagen, so etwa zwanzig Prozent. Das ist noch immer ein einträgliches Geschäft, so ist es nicht. Aber andere Vertriebswege haben dem Print-Format in der Pornographie den Rang abgelaufen: Kabelfernsehen, DVDs, das Internet...

Das Internet könnte ihrem Unternehmen richtig gefährlich werden: Billige Produktionen und von Amateuren erstellte Web 2.0-Inhalte überschwemmen das Web. Der Verkauf von Sex-Magazinen und -DVDs ist rückläufig.

Das ist für uns gar nicht ein so großes Problem wie man meinen könnte. Die technologische Entwicklung ist verhängnisvoll für die kleinen Anbieter. Aber unsere Marke ist nach dreißig Jahren wirklich stark. Wir sind die weltweite Nummer eins in der Erwachsenenunterhaltung. Die Leute wissen, dass sie von uns gute Ware bekommen.

Sie sehen das Wegbrechen des DVD-Marktes also gelassen?

Das wird ähnlich laufen wie bei Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen. Deren Verkaufszahlen gehen durch Newsangebote im Internet auch zurück. Aber man wird sich immer eine Zeitung am Kiosk kaufen können. Außerdem werden durch die DVD-Nachfolger HD DVD und Blu-ray gerade neue Qualitätsstandards gesetzt.

Wie so oft ist Ihr Metier hier technologischer Vorreiter. Dasjenige Format, das sich auf dem Porno-Markt durchsetzt, wird das Rennen um die DVD-Nachfolge machen, sagen Medienexperten. Welches wird das sein?

Das ist schwer zu sagen. Im Moment ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wir haben deshalb schon Filme in beiden Formaten veröffentlicht. Ich glaube aber, dass sich die Industrie am Ende für HD DVD entscheiden wird.

Wie sieht die fernere Zukunft der Pornoindustrie aus?

Ich denke, dass einmal der Tag kommen wird, an dem sich die Leute einen Helm aufsetzen und virtuellen Sex haben werden. Die Menschen werden in diese Welt eintauchen und sich den ganzen Tag lang vergnügen können.

In der Vergangenheit war Pornographie in den USA - nicht zuletzt dank Hustler - ein hochpolitisches Thema. Wie ist das heute?

Es interessiert die Politiker lange nicht mehr so wie zu der Zeit, als wir anfingen. Sagen wir so: Der Geist ist aus der Flasche. Pornographie lässt sich nicht mehr politisch kontrollieren. Früher konnte sich ja quasi jede Stadt ihre eigenen Gesetze geben. Das ist vorbei. Durch Computer und Internet sind die Kontrollschranken gefallen. Das kann keiner mehr überwachen.

Technische Hindernisse lassen sich vielleicht eines Tages beseitigen.

Aber die Dinge haben sich auch auf der gesellschaftlichen Ebene gewandelt. Früher pflegten die Politiker zu rufen: "Weg mit der Pornographie!" Und sie wurden gewählt. Wenn sie heute damit kommen, setzt es eine Wahlschlappe. Pornos sind heute in den USA gesellschaftsfähiger. Pornos sind allgegenwärtig. Sex ist nicht mehr das Tabu, das es einmal war. Wir werden europäischer!

Wie meinen Sie das?

In Deutschland ist Sex keine große Sache. Jeder tut es - auf die eine oder die andere Art. Europäer haben nicht so ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität, und das ist auch gut so. Länder, in denen die Menschen ihre Sexualität frei ausleben dürfen, sind weniger gewalttätig.

Sie würden also sagen: Pornographie tut der Gesellschaft gut?

In einem gewissen Rahmen kann man das sagen, absolut. Schauen Sie nur einmal in die Gefängnisse, und sie werden sehen: Viele der Insassen wurden früher dazu gezwungen, ihre Sexualität zu unterdrücken. Dann bahnt sich die Aggression eben andere, verhängnisvollere Wege. Darum wird es auch immer problematisch, wenn Staaten die sexuellen Bedürfnisse ihrer Bürger politisch maßregeln wollen. Nehmen Sie als ein Beispiel nur mal den Mittleren Osten. Dort ist Sex immer noch ein Tabu.

Hustler hat sich immer wieder aktiv in die große Politik eingemischt.

Ja, und das war auch der Hauptgrund dafür, dass so oft gegen uns prozessiert wurde. Die nackten Mädels, die expliziten sexuellen Inhalte waren manchmal nur der Vorwand. Unsere liberale Weltanschauung, unsere Cartoons, unser Humor - das war das eigentliche Problem. Man wollte uns mit dem Mittel der Zensur zum Schweigen bringen.

Als Bill Clinton wegen der Lewinsky-Affäre unter Beschuss stand, setzten Sie eine Belohnung für Hinweise auf Sexskandale seiner Ankläger aus.

Naja, in dieser Affäre haben die republikanischen Politiker ihre Heuchelei auch wirklich auf die Spitze getrieben! Bill Clinton hatte ein wenig Spaß im Weißen Haus. Na und? Sie wollten ihn dafür förmlich zerquetschen. Dabei machen die Republikaner doch genau dasselbe! Nur, dass sie es hinter geschlossenen Türen tun.

Bill Clinton wäre es wohl auch lieber gewesen, die Tür wäre verschlossen geblieben.

Gut, aber was ich meine, ist: Diese scheinheiligen Republikaner leben eine Lüge. Erinnern Sie sich an diesen Fall mit dem Senator von Idaho, Larry Craig (der stets Bill Clintons Sünden gegeißelt und gegen die Schwulenehe gewettert hatte - die Red.)? Er hat auf einer Flughafentoilette einen Mann angemacht und wollte Sex. Aberwitzig, oder? Allerdings war die Sache auch etwas schade für uns.

Warum das?

Wir wussten schon länger: Der ist schwul. Aber wir konnten es nicht beweisen. Also mussten wir die Geschichte zähneknirschend in der Schublade lassen. Und nach der Sache auf dem Flughafen wussten es alle, da war es für unsere Geschichte zu spät.

Welches Verhältnis haben Hustler und die US-Politik heute?

Es ist gelöster geworden. Wir schicken schon lange jedem Senator und jedem Kongressabgeordneten allmonatlich das neueste Hustler-Heft unaufgefordert zu. Die sollen etwas von der Welt da draußen mitbekommen. Früher haben sie das Heft immer zurückgeschickt und böse Briefe geschrieben. Heute bekommen wir kaum noch Post von denen.

Sie werden nächstes Jahr sechzig. Können Sie sich vorstellen, ihr Lebenswerk Hustler eines Tages in fremde Hände zu geben?

Ich habe zwei Söhne, die ebenfalls in unserem Unternehmen tätig sind. Als sie noch jünger waren, fühlten sie sich von Larry und seinem Geschäftsmodell - viel Geld mit hübschen Frauen zu verdienen - sehr angezogen. Ich habe den beiden gesagt: Geht in die Politik! Werdet Anwälte! Tut dies, tut das! Es hat nichts gebracht. Mittlerweile sehen sie das Unternehmen jedoch als das, was es auch wirklich ist: als ganz normales Business.

Interview: Markus Wanzeck

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