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IMAGE: Wut der Verzweiflung

Gewerkschaften kämpfen um die IT-Branche, weil sie hier jahrelang versäumt haben, ein modernes Image aufzubauen. Ergebnis: dort ist 'Gewerkschaft' ein Fremdwort.

Wenn Zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Ausgerechnet die mächtigen Gewerkschaften IG Metall und ver.di belegen derzeit diese Binsenweisheit. In der Zukunftsbranche Informationstechnologie (IT) haben es beide jahrelang versäumt, ein modernes Image aufzubauen. Die Folge: Beim Software-Riesen SAP und anderen IT-Unternehmen sind Gewerkschaften bis heute ein Fremdwort. Dafür ist in mehreren Unternehmen, in denen IG Metall und ver.di vertreten sind, ein Kampf um die Macht entbrannt. Eine günstige Gelegenheit für das Management, die Vertreter der Arbeitnehmer gegeneinander auszuspielen.

Beispiel eins: IBM

Bei der deutschen Tochter des Computerkonzerns weigerte sich der frühere Chef und BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel Anfang der 90er Jahre, die 35-Stunden-Woche einzuführen und trat aus dem Metall-Arbeitgeberverband aus. Zuflucht fand er bei der IG Metall-Konkurrenz DAG, die damals noch nicht zum Gewerkschaftsbund DGB gehörte. Im Frühjahr dieses Jahres unterschrieb die DAG im Namen der neu fusionierten Gewerkschaft ver.di einen IBM-Tarifvertrag zur Qualifizierung, der die IG Metall auf die Palme brachte. Denn nach einer Vereinbarung sind die ver.di-Gewerkschaften innerhalb der Branche für den Bereich Telekom zuständig, die IG Metall für den Rest. Der Fall ist inzwischen beim Schiedsgericht des DGB gelandet.

Beispiel zwei: debis Systemhaus

Mit großem Jubel feierte die IG Metall 1999 einen Ergänzungstarifvertrag bei dem IT-Dienstleister, der als Modell für die Branche gelten sollte. Nach der Fusion des früher zu DaimlerChrysler gehörenden Unternehmens mit der entsprechenden Sparte der Deutschen Telekom kam das Vertragswerk unter die Räder. Ein Jahr lang wurde verhandelt, an diesem Freitag sollen in der Nähe von Stuttgart die Gespräche fortgesetzt werden. Die Telekom will den Tarifvertrag mit seinen flexiblen Arbeitszeiten aushebeln, beschwert sich der Stuttgarter IG Metall-Bevollmächtigte Jürgen Stamm. Dass die Metaller und die frühere Deutsche Postgewerkschaft - heute ver.di - dabei nicht an einem Strang ziehen, gilt als offenes Geheimnis.

Intere Lösungen bevorzugt

Die Wut der Verzweiflung, mit der die Gewerkschaften um die IT- Branche kämpfen, kommt für manche Arbeitnehmer zu spät. »Die Funktionäre der IG Metall sind früher am Vormittag bei Daimler-Benz aufgetreten, und nachmittags haben sie die gleiche Rede bei uns geschwungen«, erinnert sich Ulrich Oechsle, Betriebsratschef beim Computerkonzern Hewlett-Packard. Die Enttäuschung sitzt bei seinen Kollegen tief. Einem Tarifvertrag, der für den Fall der geplanten Fusion mit Compaq diskutiert wird, steht er eher skeptisch gegenüber. Bei dem bisherigen Konkurrenten ist die IG Metall organisiert. Oechsle setzt lieber auf die für HP typischen Lösungen, die Betriebsräte und Geschäftsleitung unter sich ausmachen.

Realistisches Ziel: Ins Gespräch kommen

Ver.di-Chef Frank Bsirske hat selbst ehrgeizige Pläne für die Branche: »Wir wollen sie am liebsten zu 100 Prozent organisieren«, sagte er auf dem Gründungskongress der Dienstleistungsgewerkschaft im März. Dann schränkte er ein: »Aber unser Ziel ist es, überhaupt erst einmal mit ihnen ins Gespräch zu kommen.« Immerhin: Mit flotten Sprüchen per E-Mail statt verstaubten Flugblättern ist es der ver.di- Initiative Connexx.av gelungen, Start-Ups und andere schwer erreichbare IT-Unternehmen für die Gewerkschaft zu interessieren.

Weiße Flecken auf der Karte schließen

Auch wenn es bei der Umsetzung hapert, der Wille zur Harmonie ist bei beiden Streithähnen vorhanden. »Die Menschen müssen sich organisieren, man kann die Konflikte nicht auf bürokratischer Ebene regeln«, sagt IG Metall-Veteran Jürgen Stamm mit Blick auf die Anrufung des DGB-Schiedsgerichts im Fall IBM. »Die weißen Flecken in der Branche sind für eine Gewerkschaft allein eine Nummer zu groß«, urteilt wiederum die baden-württembergische ver.-di-Landeschefin Sybille Stamm. Die Einigkeit überrascht nicht: Die beiden Funktionäre sind miteinander verheiratet.

Alexander Missal