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Indiens Atomenergie: Deutsche verpassen Milliarden-Deal

Zur Umsetzung des neuen Atomenergieprogramms fehlen Indien Atomkraftwerke. Deutsche Investoren wittern das große Geschäft, doch der beschlossene Atomausstieg macht dies unmöglich.

Das Ende der nuklearen Ächtung Indiens, das US- Präsident George W. Bush im Frühjahr einleitete, dürfte bald bevorstehen. Das energiehungrige Land wird in den kommenden Jahren Milliarden in den Bau neuer Atomkraftwerke investieren. Amerikaner, Franzosen und Briten stehen schon Schlange, die Russen sowieso, um sich eine Scheibe des gigantischen Kuchens zu sichern. Deutschland dagegen, das machte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) bei seinem Besuch in Neu Delhi klar, wird im Nuklearbereich nicht mit Indien zusammenarbeiten - obwohl Indien genau daran Interesse hätte.

Auch deutsche Unternehmen würden beim indischen Akw-Bau gerne mitverdienen. Grund für die ablehnende Haltung der Bundesregierung, die Glos sichtlich nicht behagte, ist der von Rot-Grün beschlossene und in der großen Koalition heftig umstrittene Atomausstieg. Obwohl das Atomausstiegsgesetz kein Exportverbot für Atomtechnologie und Nuklearanlagen vorsieht, dürfte eine entsprechende internationale Kooperation gegen den Willen der SPD kaum durchsetzbar sein. Stattdessen bietet die Bundesregierung Indien Zusammenarbeit im Bereich regenerative Energien und Energieeffizienz an - woran die Inder allerdings deutlich weniger Interesse haben als an Atomkraft.

Eine historische Vereinbarung mit den USA

Derzeit liefern die 15 meist kleinen indischen Kernkraftwerke 2720 Megawatt Strom. Indiens Atomenergieprogramm zufolge soll diese Kapazität bis zum Jahr 2030 fast verfünfzehnfacht werden, dann sollen indische Atommeiler 40.000 Megawatt produzieren. Dieses Wachstum wird nur mit internationaler Hilfe möglich sein - die es bislang nicht gibt. Nach Atomwaffentests im Jahr 1998 stellten alle Staaten die zivile nukleare Zusammenarbeit mit Indien offiziell ein.

Im Frühjahr verkündeten Bush und der indische Premierminister Manmohan Singh dann eine zu recht historisch genannte Vereinbarung, wonach die USA wieder Atomtechnologie und Nuklearmaterial zur zivilen Nutzung an Indien liefern wollen. Der US-Kongress muss das Abkommen noch ratifizieren. Auch die Gruppe der wichtigsten nuklearen Lieferländer (Nuclear Suppliers' Group/NSG) muss den internationalen Boykott Indiens beenden. Wenn das wie geplant geschieht, steht der zivilen nuklearen Kooperation mit Indien nichts mehr im Wege.

Deutschland setzt Boykott fort

Indien wird vom Westen zugestanden, eine verantwortungsvolle Atommacht zu sein, deren zunehmendem globalen Einfluss Rechnung getragen werden muss. Als wahrscheinlich gilt, dass auch das NSG- Mitglied Deutschland dem Ende des internationalen Indien-Boykotts zustimmen wird. Dass Deutschland diesen Boykott letztlich trotzdem aus innenpolitischen Gründen weiterführen will, dürfte bei der Regierung in Neu Delhi für Kopfschütteln sorgen - und für Freude bei der internationalen Konkurrenz, die in den Startlöchern steht.

Wenig freudig reagierte Glos auf das Thema. Auch wenn er bemüht war, aus dem fernen Neu Delhi den Streit um den Atomausstieg in Berlin nicht wieder anzufachen, konnte er sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. Die Gesetzeslage in Deutschland, so sagte der Minister, sei nun einmal so, "dass wir sichere Atomkraftwerke aus in meinen Augen willkürlichen Gründen abschalten müssen".

Can Merey/DPA / DPA