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INDUSTRIE: Schwere Geburt eines Riesenbabys

CargoLifter ist in Geldnöten, der Starttermin wird dauernd verschoben und jetzt gab es noch einen kräftigen Kurseinbruch, weil ein Großaktionär seine Anteile verkaufen wollte.

Am Anfang stand eine beeindruckende Vision: Ein gigantisches Luftschiff sollte auch schwerste Lasten von verwinkelten Plätzen in den Himmel heben und so die Transporttechnik revolutionieren. Jetzt scheint das ehrgeizige Projekt der CargoLifter AG (Berlin) zunehmend an Glanz zu verlieren. Der Aktienkurs des Unternehmens brach am Mittwoch um mehr als die Hälfte ein, und auch ein leichter Anstieg tags darauf machte die Verluste nicht wett.

Versuchte Schadensbegrenzung

Vorstandschef Carl von Gablenz war zuvor mit der Aussage zitiert worden, dass das Projekt ohne Staatshilfe nicht mehr zu realisieren ist. Am Tag danach bemühte sich das Luftschiffunternehmen um Schadensbegrenzung. »Das ist viel Wind um nichts«, beschwichtigte Sprecherin Silke Rösser. Die Fakten sind seit langem bekannt.

Anfangs noch Optimismus

Doch Zweifel bleiben: Als das Unternehmen 1998 den Baubeginn der weltweit größten frei tragenden Werfthalle in Brand südlich von Berlin feierte, war die Euphorie groß. Gablenz war damals noch optimistisch, dass ein Exemplar des weltweit größten Transport-Luftschiffs CL 160 schon zur Expo 2000 von brandenburgischem Boden aufsteigen könnte. Das Land wiederum erhoffte sich einen neuen wirtschaftlichen »Leuchtturm« in der strukturschwachen Region und förderte das Projekt mit fast 40 Millionen Euro (77 Mio DM). Heute beschäftigt CargoLifter rund 470 Menschen - davon rund 255 in Brand.

Notorisch leere Kassen

Gleichzeitig hat das Unternehmen mit notorisch leeren Kassen zu kämpfen. Insgesamt 580 Millionen Euro kostet das Projekt, das bislang nur in Modellen und Computer-Animationen existiert. Durch den Börsengang im Mai 2000 sammelte CargoLifter bis heute rund 300 Millionen Euro auf dem Kapitalmarkt ein. Minimale Einnahmen gibt es nur durch schaulustige Besucher in der Werkshalle.

Starttermin dauernd verschoben

Der nachträglich geplante Transportballon AirCrane soll dem Unternehmen vom Geschäftsjahr 2002/2003 (31. August) an Geld bringen. Der Geburtstermin des Luftschiffes wurde dabei immer wieder nach hinten verschoben. Die Serienreife ist jetzt für 2004/2005 geplant.

Hoffnung auf öffentliche Förderung

In Marktkreisen der Finanzmetropole Frankfurt/Main wird hinter vorgehaltener Hand nicht mehr ausgeschlossen, dass das ganze Projekt scheitern könnte. CargoLifter müsste eigentlich weiter Kapital am Markt erschließen. »Aber irgendwann ist da Ende im Gelände«, meinte ein Analyst. Die Firma ist zwar jetzt in der Lage, Druck gegen die öffentliche Hand aufzubauen, um weitere Fördermittel zu bekommen. »Aber das Unternehmen verschätzt sich, wenn es glaubt, nur weil die Halle steht, müsse sich jetzt auch die Politik beteiligen.«

Druckmittel Arbeitsplätze

Brandenburgs Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß hatte im vergangenen Herbst zum Produktionsstart des Ballons AirCrane erklärt, dass die öffentliche Förderung zunächst abgeschlossen ist. Nach der Hiobsbotschaft des Kurseinbruchs beeilte sich dann Ministerpräsident Manfred Stolpe am Mittwochabend mitzuteilen, dass das Land nach wie vor an einer erfolgreichen Entwicklung des Vorhabens bis zur Marktreife interessiert ist. »Die Landesregierung wird deshalb die konstruktiven Gespräche mit dem Unternehmen fortsetzen.«

Zeit drängt

»Wir sind mit Bund und Land im Gespräch«, sagte auch CargoLifter-Sprecherin Rösser. Die Zeit drängt: Das Unternehmen braucht bis spätestens Ende März neues Geld. Bis dahin reichen die Mittel aus der jüngsten Kapitalerhöhung von rund 34 Millionen Euro (66,78 Mio DM).

Mit Sorge verfolgt auch der Landrat des betroffenen Kreises Dahme-Spreewald, Martin Wille die Entwicklung: »Ich appelliere an die öffentliche Hand, dem Unternehmen über die Durststrecke zu helfen.« Panikstimmung gibt es angeblich nicht; man sei nach wie vor von dem Unternehmen und dem Erfolg seiner innovativen Technologie überzeugt.

Bettina Grachtrup