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Tropical Islands: Fünf vor zwölf im Urwald

Das Spaßbad Tropical Islands in der ehemaligen "Cargolifter"-Halle südlich von Berlin hat geschlossen. Die Betreiber bauen um - und schon wieder soll der Steuerzahler bluten.

Von Claudia Pientka

Es scheint, als sei mitten im Brandenburger Flachland ein Ufo gestrandet. Seine Bordwand schimmert silbern in der ostdeutschen Wintersonne, gelegentlich wuseln winzige Gestalten durch die Schleusen. Seit fast sechs Jahren liegt das Ufo, das eigentlich eine Cargolifter-Halle ist, nun schon in Brand, 50 Kilometer südöstlich von Berlin. Und seit sechs Jahren versuchen sich die Brandenburger mit diesem Fremdkörper zu arrangieren - so wie findige Geschäftleute daran arbeiten, es nutzbar zu machen. Derzeit kultiviert der malaiische Konzern Tanjong darin das Spaßbad Tropical Islands. Doch wer sich im vorweihnachtlichen Unwetter in die künstlichen Tropen begeben möchte, steht vor verschlossenen Türen: Nach nicht ganz zweijähriger Betriebszeit ist die Halle seit 1. November bis nach Weihnachten geschlossen - zum Um- und Ausbau, wie die Betreiber beteuern.

Sehr ambitioniert startete das exotische Projekt im Dezember 2004: Ein künstlicher Regenwald wurde unter der 107 Meter hohen Blase gepflanzt, feiner Sandstrand über den kahlen Betonboden gestreut, fünf Millionen Liter Poolwasser auf Badewannentemperatur erhitzt. Man hatte Großes vor, immerhin stand dem Investor die größte freitragende Halle der Welt zur Verfügung: 360 Meter lang, 210 Meter breit, mit gut Platz für acht Fußballfelder. 78 Millionen Euro, davon die Hälfte Fördergelder, hatte die Werfthalle gekostet, in der eigentlich Luftschiffe zusammengeschraubt werden sollten. Doch die luftigen Träume des ersten Eigentümers, der Cargolifter AG, platzten schon 2002. Für den Spottpreis von 17,5 Millionen Euro erwarb der malaiische Geschäftsmann Colin Au die Megahalle und baute sie mit seinem Partner Tanjong für 70 Millionen Euro zum Tropenpark um. Eine paradiesische Alternative zum teuren Abriss.

"Kreuzfahrtschiff mit Kurs auf tropische Länder"

Im ersten Jahr besuchten 970.000 Menschen das Spaßbad, drei Millionen hatte Au großspurig angekündigt. Sein Nachfolger, Ole Bested Hesing, ein Mann der gemäßigteren Töne, senkte die Zielvorgabe auf 1,25 bis 1,5 Millionen Besucher, um kostendeckend zu arbeiten. Von denen freilich sind die Betreiber auch noch weit entfernt, auch 2006 wird diese Zahl wohl nicht erreicht. Nur etwa 600.000 Besucher kamen nach nicht dementierten Berichten der "Lausitzer Rundschau" bis Oktober, an schlechten Tagen verirrten sich nur etwa 1000 Gäste in die Halle. Denn die Gästeströme wollen nicht konstant fließen, egal, wie sehr man sich bisher mühte: Fürs abendliche Unterhaltungsprogramm wurden Tänzer von Brasilien bis Bali eingeflogen. Damit der Regenwald besser wuchert und die Gäste sich natürlich bräunen können, wurde ein Teil der grauen Membran durch UV-durchlässige Folie ausgetauscht. Badewütige und Erholungsbedürftige konnten rund um die Uhr einchecken ins "Kreuzfahrtschiff mit Kurs auf tropische Länder".

Die Betreiber geben sich selbskritisch: Erfinder Au habe die Badelust der Deutschen unterschätzt, sagt Tropical-Island-Marketing-Chef Rainer Wilkens, und zu wenige Umkleiden zu weit weg von den Pools gebaut. Auch der Wellness-Aspekt sei bisher vernachlässigt worden. Deshalb werde das Riesenbad nun aufgestockt: "Wir bauen die höchste Wasserrutsche Deutschlands, das Dorf wird begrünt und umgrenzt, die Betonböden werden bedeckt, die Zahl der Umkleiden von 3000 auf 6000 verdoppelt."

Bungalow statt Iglu-Zelt

Doch als größtes Manko wollen die Betreiber fehlende Übernachtungsmöglichkeiten ausgemacht haben. Denn um auf die gewünschte Gästezahl zu kommen, reichen die jährlichen Besuche regionaler Familien nicht aus, und Urlauber, die von weiter her anreisen, brauchen Schlafplätze. Bisher konnten die Gäste nur im Landgasthof des Nachbarortes schlafen oder in einem der 180 Campingzelte, die in der Halle stehen. Das soll sich künftig ändern, ein Feriendorf mit rund 2000 Ferienhäusern und einer Kapazität von 5000 bis 6000 Betten soll bis Ende 2009 entstehen. "Die eigentliche, die große Vision des Projektes ist - und das wollen viele hier nicht verstehen - die Idee eines Resorts mit Feriendörfern. Wir wollen eine Destination bauen - im Spreewald", kündigt Wilkens an.

Doch die Umbauten kosten Geld, immerhin habe das Unternehmen seit Übernahme der Halle bereits 90 Millionen investiert, so Wilkens, und um nicht allein auf den Kosten sitzen zu bleiben, auch Förderanträge gestellt. Den ersten über 15 Millionen Euro bereits im Oktober 2003, bewilligt wurde das Geld im Dezember 2005, ausgezahlt ist es bis heute nicht. Denn der Landesförderausschuss wollte den Zuschuss nur unter Auflagen zahlen: Tropical Islands müsse den Erhalt von mindestens 500 Arbeitsplätzen garantieren und das Geld in den Ausbau der Freizeitanlagen investieren. Sollten die Arbeitsplätze wegfallen und Tropical Islands scheitern, müsse Tanjong die Fördergelder zurückzahlen. Erst, wenn die Malaien diesen Bedingungen zustimmen, erhalten sie das Geld. Matthias Haensch, Pressesprecher der Landesinvestitionsbank Brandenburg, die die Fördergelder auszahlt, bestätigt dies: "Nein, das Geld wurde noch nicht ausgezahlt und der Mittelabruf auch noch nicht gestellt. Bisher wurden noch nicht alle Auflagen erfüllt."

Unerkannte Perle Spreewald

Nicht ganz zwei Jahre operiert Tropical Islands nun schon, und während die Besucherzahlen nach unten korrigiert werden, schrauben die Veranstalter ihre Ansprüche nach oben. Denn auch der derzeitige, etwa 20 Millionen teure Umbau soll zum Teil gefördert werden. "Für den zweiten Antrag, der jetzt gestellt worden ist, sind aber noch keine Unterlagen eingereicht worden", erklärt Haensch. Auch das Großprojekt Feriendorf will Tanjong nicht allein umsetzen und sucht neue willige Investoren. "Es gibt derzeit viele Investorengespräche", sagt Wilkens, "immerhin ist Deutschland eine bisher unerkannte Perle im Ferienhausmarkt. Und alles, was an Attraktionen in den Spreewald kommt, hilft. Das ist ja eine der strukturschwächsten Regionen im Osten Deutschlands."

Um bis 2008 auf schwarze Zahlen zu kommen, hat die Unternehmensleitung auch kein Problem damit, vom ursprünglich tropischen Konzept abzuweichen: Die erste Erweiterung mit Rutsche und Umkleidekabinen soll bis zum 27. Dezember 2006 beendet sein. Ab Juli 2007 soll eine Wellness- und Saunalandschaft Besucher anlocken. Auf die Ländershows, laut Wilkens "klassische Folklorenummern", wird zugunsten eines völlig neuen Showkonzepts verzichtet: allabendlichen Auftritten des Magiers Jan Rouwen.

Skeptischer äußert sich Ulrich Reinhardt vom BAT-Freizeit-Forschungsinstitut in Hamburg: "So ein Projekt ist sinnvoll, wenn Arbeitsplätze geschaffen werden und eine touristische Attraktion die ganze Region aufwertet", so Reinhardt. "Die Frage ist nur, ob dieses Projekt nicht nur eine, sondern auch zwei, drei Nummern zu groß ist für den Standort."

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