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INTERNET: Kampf der Giganten

AOL und Microsoft kennen keine Gnade beim Kampf um die Vorherrschaft im Web: Kopfprämien für User und Geld für die Konkurrenz sind Beispiele dafür.

Um die Vorherrschaft im Internet kämpfen die beiden Giganten AOL und Microsoft mit immer härteren Bandagen. Seit die Gespräche über eine Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit im Juni ergebnislos abgebrochen wurden, geht es Schlag auf Schlag. AOL hat im Kampf um die Symbole, die Computernutzer beim Einschalten auf ihrem Desktop finden, sogar eine gut gefüllte Kriegskasse eingerichtet.

Mitbewerber finanziell unterstützen

Microsoft will dem Konkurrenten das Leben offenbar auch in anderen Bereichen schwer machen. Nach Informationen der »Financial Times« will der größte Softwarehersteller der Welt verhindern, dass AOL Time Warner beim Kabelanbieter AT&T einsteigt. Microsoft ist bereit, anderen Bewerbern finanziell unter die Arme zu greifen, um ein Zusammengehen von AOL Time Warner mit dem Telefonkonzern zu stoppen. Selbst ist Microsoft allerdings nicht an der Beteiligung interessiert, hieß es.

Zeit drängt

An der Internetfront drängt die Zeit. In weniger als 100 Tagen, am 25. Oktober, soll das neue Microsoft-Betriebssystem Windows XP auf den Markt kommen. Ob Microsoft in gewohnter Manier hauseigene Anwendungen wie den Windows Media Player oder sein Kurznachrichten-Programm MSN Messenger mitliefern kann oder nicht, ist heiß umstritten.

»Kopfgeld« für neue Anwender

AOL Time Warner Inc. bekämpft diesen Kundenfang. Das Unternehmen drängt PC-Hersteller, anstelle des Microsoft-Internetportals MSN besser AOL als Provider anzubieten. Für jeden Kunden, den AOL damit gewinnt, stellt das Unternehmen dem Hersteller 35 Dollar Prämie in Aussicht, berichtete die »Washington Post« unwidersprochen. Compaq hat bereits angebissen: Der texanische Computerhersteller kündigte an, auf seinen PCs exklusiv das AOL-Portal anzubieten.

Rüder Tonfall

Microsoft ist empört. »Beispiellos und verbraucherfeindlich«, beschied Sprecher Vivek Varma und verwies darauf, dass AOLs Internetzugang teurer ist als der Microsoftdienst MSN. AOL hilft mit mehr als 30 Millionen Kunden den meisten Nutzern weltweit ins Internet, Microsofts Provider MSN ist in den USA mit 6,5 Millionen Kunden Zweiter. »Microsoft kann es offenbar nicht akzeptieren, dass nach einem Jahrzehnt, in dem es Herstellern und Verbrauchern seine Anwendungen aufgezwungen hat, nun auch ein anderer in der Lage ist, Deals mit Herstellern zu machen«, kontert AOL-Sprecher John Buckley.

Microsoft versucht Unrteil hinauszuzögern

Ob und wie viele Anwendungen Microsoft den Kunden einfach mitliefern darf, ist umstritten. Über dem Unternehmen hängt das Damokles-Schwert eines Urteils, das weit reichende Auswirkungen auf den Inhalt von Windows XP haben könnte. Ein Berufungsgericht in Washington hielt im Juni ein Urteil aufrecht, wonach Microsoft durch die Einflechtung seines Browsers Internet Explorer in das Windows- Betriebssystem sein Monopol illegal ausnutzt. Wie das geahndet werden soll, ist noch nicht entschieden. Microsoft setzt alles dran, diese Entscheidung bis nach den Start von Windosw XP hinauszuzögern, argwöhnen Konkurrenten. Denn das Gericht könnte der Verknüpfung weiterer Anwendungen mit dem Betriebssystem einen Riegel vorschieben.

Kritiker bemängeln wenig Entgegenkommen

Microsoft kündigte Mitte Juli an, Computerherstellern mehr Freiheit einzuräumen, welche Symbole sie auf dem Desktop platzieren. So darf der Link zum Browser Internet Explorer ersetzt werden. Das soll die Richter gnädig stimmen. Andere Links will Microsoft nicht freigeben. Die Konzessionen gehen Kritikern nicht weit genug.

Verschiebung des Marktstarts von XP gefordert

Der Kongress hat für September Anhörungen über die Folgen von XP für den Wettbewerb auf dem Internet angesetzt. Der New Yorker Senator Charles Schumer verlangte bereits die Verschiebung des Marktstarts von XP. »Microsoft will die gerichtlichen Auseinandersetzungen jahrelang hinauszögern und seine Konkurrenten in der Zwischenzeit aus dem Markt drängen«, meinte Schumer. Die Justizminister mehrerer Bundesstaaten, die die ursprüngliche Kartellklage gegen Microsoft mit dem Justizministerium in Washington angestrengt hatten, haben schon Bedenken angemeldet. Sie überlegen bereits, gerichtliche Schranken vor dem Marktstart zu beantragen.

Christiane Oelrich