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Interview: Springer nutzt die Chance zum Ausstieg

Der Axel Springer Verlag hat auf Synergien gehofft, die es nicht gibt, sagte Armin Rott im stern.de-Interview. Der Medienökonom denkt, dass sich der Axel Springer Verlag mit seinem Engagement bei Pin überschätzt hat – mit oder ohne Mindestlohn.

Der Mindestlohn kommt, Springer geht. Unmittelbar nach der Bundestags-Entscheidung, eine Lohnuntergrenze im Postgewerbe einzuführen, kündigte Deutschlands größter Zeitungskonzern an, seiner Post-Tochter Pin keine weiteren Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Das Dienstleistungsunternehmen steht jetzt nach dem Ausstieg seines Mehrheitsaktionärs vor dem Aus. Professor Armin Rott - Medienökonom an der Universität Hamburg und an der Hamburg Media School - glaubt, dass Springer sich bei seinem Post-Engagement verschätzt hat. Doch auch Rott hält den Mindestlohn für "ökonomischen Unsinn".

Herr Rott, kam für sie die Entscheidung der Springer AG überraschend?

Es war ja schon länger bekannt, dass die Pin-Group nicht die erwünschten wirtschaftlichen Erfolge brachte - auch ohne Mindestlohn. Von dieser Warte aus gesehen war es nicht unbedingt überraschend. Was jedoch überraschend war, das ist die Symbolkraft, mit der Springer diese Entscheidung gefällt hat - so kurz nach der Bundestagsabstimmung.

Können Sie die Springer AG verstehen?

Es ist eine Art, sich zum rechten Zeitpunkt aus dem Geschäft zurückzuziehen. Schon früh hat sich gezeigt, dass das Engagement im Postgewerbe nicht den gewünschten Zweck erfüllt. Ziel war es ja nicht, einen reinen Postdienstleister aufzubauen, sondern Synergien zwischen Post- und Zeitungszustellung zu nutzen. Aber die gibt es anscheinend nicht.

Wie meinen Sie das?

Die beiden Dienstleistungen sind sich zwar formell ähnlich: Zeitungen werden gebracht, Briefe werden gebracht. Aber traditionell liegt die Zeitung eben schon um sechs Uhr vor der Tür, während die Post noch einige Stunden warten kann. Ich kann nicht sehen, wie hier versucht wurde, die beiden Abläufe zu synchronisieren um Verbundvorteile zu realisieren. Außerdem haben die Verlage mit der Pin-Group versucht, neue Vertriebswege jenseits des Grosso-Systems zu erschließen, zum Beispiel in Cafés und Kneipen. Auch das hat nicht so geklappt, wie man sich das gewünscht hatte.

Hat sich Springer mit seinem Engagement im Postgewerbe verhoben?

Das ist im Nachhinein immer leicht zu sagen, denn jede unternehmerische Entscheidung birgt eben auch die Chance des Scheiterns in sich. Die Pin-Group ist sicherlich schnell gewachsen, und hat früh hohe Fixkosten produziert. Da kommt der Bundestags-Entschluss zum Mindestlohn als Chance zum Ausstieg sehr gelegen.

Was halten Sie als Ökonom vom Mindestlohn?

Es ist zwar immer sehr populär, einen Mindestlohn zu fordern. Ökonomisch vernünftig ist es aber nicht: Es kostet in der Regel Arbeitsplätze, man diskriminiert Niedrigqualifizierte und zwingt Menschen in die Schwarzarbeit. Man lernt das in Volkswirtschaftslehre schon in der ersten Vorlesung. Dort lernt man aber auch, dass Politiker häufig nicht am Gemeinwohl orientiert entscheiden, wenn sie für Mindestlöhne sind, sondern gut organisierte Interessengruppen befriedigen.

Aber führende SPD-Politiker haben direkt nach der Bundestags-Entscheidung für den Post-Mindestlohn noch einmal ihre Ansicht bekräftigt, dass dadurch Arbeitsplätze gesichert werden…

Das ist ökonomischer Unsinn. Normalerweise kann man ja bekanntlich zu jedem beliebigen Thema zwei Ökonomen finden, die dazu drei unterschiedliche Ansichten vertreten. Beim Thema Mindestlohn aber werden sie es da sehr schwer haben.

Die Befürworter des Mindestlohnmodells sagen, dass er auch in anderen Ländern funktioniert.

Methodischer Käse. Man kann bei einem Vergleich nicht immer nur einen Parameter isoliert betrachten, sondern man muss alle Faktoren berücksichtigen. Die Arbeitsmärkte unterscheiden sich nun einmal beträchtlich. Entscheidend ist zudem vor allem die Höhe des Mindestlohns. Insbesondere ein deutlich über dem Marktlohn angesetzter Mindestlohn wirkt hier verheerend.

Der Postmarkt wird zu Anfang vollständig liberalisiert sein. Könnte die Branche nach der Pin-Pleite noch einmal für andere Verlage interessant werden?

Der Endvertrieb bis zum Verbraucher gehört nun einmal nicht zu den Kernkompetenzen von Verlagen. Nicht umsonst gibt es in Deutschland das Grosso-System, an dem zwar viele Verlage etwas auszusetzen hatten, das aber immer noch ganz gut funktioniert. Meine erste Einschätzung wäre jetzt: Der Traum von Synergien zwischen Pressevertrieb und Briefzustellung ist vorerst ausgeträumt. Das wird Verlage aber nicht davon abhalten, nach neuen Vertriebswegen zu suchen.

Interview: Sebastian Christ